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PIIGS fliegen! Börsenkurse in Europa heben ab

Gerade die Börsenkurse der PIIGS wachsen 2017 überaus stark. Und ihr Höhenflug könnte sich trotz oder gerade wegen des steigenden Euros weiter fortsetzen.

Schweine können eigentlich nicht fliegen. Die „PIIGS“ – eine während der Eurokrise 2010 geprägte Abkürzung für die Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien – machen es trotzdem: 2017 zählen sie zu den stärksten Börsen der Welt.

Angesichts des steigenden Euros könnte die Investoren-Popularität noch weiter steigen. Denn diese Länder sind weniger auf Exporte als auf den Binnenmarkt orientiert. Zweitens ist der Gesundungsprozess ihrer Banken- und Immobiliensektoren noch nicht abgeschlossen und ihre Bewertungen erscheinen, drittens, vergleichsweise attraktiv.

Abbildung 1: PIIGS fliegen (in CHF)

Abbildung 1: PIIGS fliegen (in CHF)

Quelle: Thomson Reuters, Credit Suisse

Abbildung 2: PIIGS fliegen (in USD)

Abbildung 2: PIIGS fliegen (in USD)

Quelle: Thomson Reuters, Credit Suisse

Börsenkurse erholen sich nach Krisen der letzten Jahre

Fünf Jahre nachdem Mario Draghi seine berühmten Worte „Whatever it takes“ zur Rettung des Euros sprach, hat sich viel getan. Mittlerweile hat die Europäische Zentralbank für über 2.3 Billionen Euro Anleihen aufgekauft und damit allen, besonders den peripheren Ländern, Luft zur Erholung von ihren Immobilien-, Banken- und Wirtschaftskrisen verschafft.

Kürzlich demonstrierten die eindrucksvollen Wachstumszahlen der Eurozone das europäische Ausmass der Erholung: das stärkste Quartalswachstum seit 2011. Das siebzehnte, aufeinanderfolgende Quartal mit positivem Wachstum. Der neueste Eurostat-Wirtschaftsbericht dokumentiert detailliert den synchronen Aufschwung in Produktion, Tourismus, Exporten, Arbeitsmärkten und Vertrauensindikatoren. Der FTSE Euro 100 Index liegt seit Jahresbeginn deutlich vor der amerikanischen Börse.

Ehemals schwache PIIGS wachsen besonders stark

Herausragend präsentieren sich die ehemaligen Sorgenkinder der Europäischen Union („PIIGS“): Ihre zweitgrösste Wirtschaft, Spanien, wuchs im zweiten Quartal gemäss Eurostat um +3.6% p.a. – dreimal mehr als England und fast doppelt so stark wie Frankreich. Es war für Spanien das fünfzehnte Quartal in Folge mit positivem Wachstum. 2017 dürfte das dritte aufeinanderfolgende Jahr mit einem Wachstum von über +3% sein.

Spanien ist die dynamischste der grossen Wirtschaften Europas. Sein vormaliges Leistungsbilanzdefizit von 54 Milliarden Euro hat sich in einen Überschuss von über zwanzig Milliarden transformiert. Das Land ist Europas zweitgrösster Automobilhersteller. Seine Exporte sind breit diversifiziert mit Dienstleistungen, Pharma und Tourismus. Ironischerweise sank der spanische Einkaufsmanagerindex jüngst wegen Rohstoff-Engpässen. Sonst wäre das Wachstum noch dynamischer ausgefallen.

Der Tourismus, welcher 11% an Spaniens Wirtschaft ausmacht, wuchs im ersten Halbjahr um +12%. Weltweit liegt die spanische Börse dieses Jahr an achter Stelle und damit knapp hinter Griechenland (+30% in USD). Mit einem erwarteten Gewinnwachstum von +11% und einem durchschnittlichen KGV von 13.7x könnte das Land weiterhin hoch in der Gunst vieler Anleger stehen.

Vertrauen in die Wirtschaft schiebt Portugals Börsenkurse an

In Portugal ist das Vertrauen der Bevölkerung in die wirtschaftlichen Perspektiven höher denn je (seit Portugals statistisches Amt diese Daten erhebt). Auch das Konsumentenvertrauen stieg in den letzten Jahren auf das höchste Niveau seit langem an. Aus gutem Grund: auch Portugal erlebt das stärkste Wachstum der letzten zwanzig Jahre. Mit +2.8% liegt es deutlich über dem Wachstum der Eurozone.

Exporte, Tourismus und anziehende Investitionen aus dem Ausland verändern das Land. Mario Centeno, Portugals erfahrener Finanzminister, rechnet für das letzte Quartal mit einem Wachstum von über +3%. Erstmals liegt sogar das portugiesische Budget-Defizit mit -2.1% deutlich unter der 3%-Stabilitätsgrenze der Europäischen Union. Deshalb hob die EU-Kommission dieses Jahr alle disziplinarischen Massnahmen gegenüber dem Land auf.

Eine Heraufstufung von Portugals Schuldenbonität scheint nur eine Frage der Zeit, was auch die jüngeren Kursgewinne der Staatsanleihen zeigen. Mit seiner starken Börsenperformance bildet auch Portugal einen steigenden Stern in Europa.

Tourismus in Griechenland und Banken in Italien lassen die Börsen klettern

Während Griechenland und Italien unverändert grosse Reformanstrengungen leisten müssen, zählen auch ihre Börsen 2017 zu den besten der Welt. Natürlich liegt das zum Teil am statistischen Basis-Effekt. Aber Griechenland profitiert nicht nur vom boomenden Tourismus, sondern auch von zaghaften Fortschritten des Reformprogramms. Die jüngste, damit verbundene Kapitalmarktrückkehr war ein wertvoller Erfolg. Auch ausländisches Kapital sucht wieder Anlagen in Europas krisengeschüttelter Wiege der Demokratie. Für die Eurozone stellt das eindeutig einen Meilenstein dar.

In Italien existieren zwar unverändert die strukturellen Herausforderungen. Doch einmal mehr zeigt sich exemplarisch, dass Börsen-Haussen meist dann entstehen, wenn die Herausforderungen am grössten scheinen. Es ist vor allem der italienische Bankensektor, dessen Aktienkurse fliegen. ‚Totgesagte leben’, bekanntlich, ‚oft länger’. Und weil Not wendig macht, ist sogar in Italien ein Stimmungsumschwung für mehr Privatwirtschaft und weniger Staat zu spüren.

Der – gewiss der Not geschuldete – Verzicht auf eine Verstaatlichung der heruntergewirtschafteten Fluggesellschaft Alitalia illustriert diesen Wandel. Wer weiss, welchen Rückenwind Italien noch erhält, falls es im kommenden Jahr ebenfalls eine Europa-freundliche Regierung wählt?