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Pensionskassen müssen mehr verdienen – und mehr Risiken tragen

Wir erleben ein gesellschaftliches «Altersbeben». Unsere Gesellschaft wird immer älter. Das beinhaltet vielfältigen Wandel im Konsumverhalten, im Gesundheitssektor, in Infrastruktur, Politik – und auch in den Anlagestrategien vieler Vorsorgewerke. Pensionskassen müssen mehr Rendite erzielen und deshalb mehr Risiko auf sich nehmen.

Das Altersbeben bildet für unsere Vorsorgewerke eine Zwickmühle. Sie müssen häufig für mehr Rentner, länger als erwartet, eine höhere Rente auszahlen als ihre ursprünglichen Pläne erlauben. Darauf gibt es eigentlich nur drei – kombinierbare – Antworten: 1) Defizitgarantien, 2) Rentenkürzungen oder 3) höhere Anlagerenditen.

Naturgemäss sind nachhaltig höhere Anlagerenditen erste Präferenz. Doch der Haken liegt darin, dass dies höhere Aktienquoten erfordert. Das wäre volkswirtschaftlich und anlagepolitisch gewiss sinnvoll. Denn es würde Finanzmarktrisiken dorthin verlagern, wo die Risikofähigkeit am höchsten ist – in unsere Vorsorge. Dort könnte es mit der Zeit die Risikoprämien von Aktien geradezu ideal in höhere Pensionskassenrenditen übersetzen.

Aktien generieren langfristig eine höhere Rendite

Unmöglich? Wer weiss. Aber man bedenke dreierlei:

Erstens betrug die durchschnittliche Nettorendite Schweizer Aktien während der letzten hundert Jahre jährlich 6.7 Prozent. Das illustriert den Lohn der geduldigen Aktiensparer.

Zweitens bedenke man das Erfolgsrezept der erfolgreichsten Pensionskasse der Welt – jener der anglikanischen Kirche. Sie erzielte während der letzten zwanzig Jahre eine durchschnittliche Nettoperformance von 9.5 Prozent jährlich – allein 16 Prozent im Jahr 2016. Wie sie das erreichte? Mit einer Quote von 80 Prozent in nachhaltig selektionierte, globale Aktien.

Warum liegen institutionelle Aktienquoten so tief? Weil die Finanzkrise von 2008 uns heute noch traumatisiert.

Burkhard Varnholt 

Pensionskassen scheuen das Risiko

Und, drittens, bedenke man, dass Schweizer Pensionskassen zwischen 1960 und 2008 bereits durchschnittlich Aktienquoten von über 40 Prozent hielten, heute aber nur noch knapp 30 Prozent. Warum liegen institutionelle Aktienquoten so tief? Weil die Finanzkrise von 2008 uns heute noch traumatisiert. Als Janet Yellen kürzlich sagte, dass sie nicht glaube, nochmals eine vergleichbare Krise zu erleben, da machte sie keine Aussage über ihr Alter. Vielmehr qualifizierte sie jene Krise als traumatisierendes Jahrhundertereignis. Das erklärt, weshalb Anleger auch heute, zehn Jahre später, immer noch risikoscheuer als vorher sind.

Knifflig wird es, sobald höhere Aktienquoten in neue Richtlinien zu Schwankungsbreiten und Haftungsfragen übersetzt werden. Sie sollten die Resilienz des gesamten Vorsorgesystems erhöhen, ohne negative Anreizmechanismen zu setzen. Da liegt der Teufel im Detail. Aber der Begriff «Notwendig» sagt eben auch: «Not macht wendig». Diese Notwendigkeit erklärt, weshalb der Bedarf nach höheren Aktienquoten heute grösser ist als man denkt.

Pensionskassen investieren in langfristige Anleihen

Und noch ein Detail: weil wir länger leben, müssen unsere Vorsorgewerke auch bei Anleihen langfristiger investieren. Das erklärt, weshalb Österreich, Belgien, Japan und sogar Argentinien jüngst hundertjährige Anleihen platzieren konnten. Mit anderen Worten: je länger wir leben, umso grösser die institutionelle Nachfrage nach langfristigen Anleihen. Das setzt, auch weiterhin, die globalen Kapitalmarktrenditen unter zusätzlichen Druck.

Unsere Alterung ist also Fluch und Segen zugleich: sie zwingt uns global mehr Risiken auf, doch beflügelt sie damit zugleich die Anleihenmärkte und sekundär auch die Aktienmärkte.