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Globaler Handel und seine Herausforderungen: Das Spiel mit den Zöllen

Die jüngsten Handelsspannungen zwischen den USA und China hat die Gerüchteküche angeheizt und sorgt für wachsende Unsicherheit. Historisch gesehen sind Handelszölle kein neues Instrument. Doch was steckt hinter den aktuellen US-Zöllen? Und wie können die Anleger mit dieser Situation umgehen?

Konsequenzen von Zöllen können unberechenbar sein

Als der englische König Wilhelm III. im Jahr 1689 extrem hohe Zölle auf die Einfuhr französischen Weins erhob, um die Nachfrage nach heimischen alkoholischen Getränken zu steigern, ahnte er wohl kaum, welche Auswirkungen dieser Schritt in den kommenden Jahren auf sein Reich haben würde. Wie geplant, verlagerten die britischen Konsumenten ihre Nachfrage von französischem Wein hin zu einheimischen Spirituosen – insbesondere Gin. Infolgedessen stieg die Kriminalität, und die Zahl der Alkoholabhängigen im Lande nahm zu.

Was können wir aus König Wilhelms Vorgehen lernen? Vor allem, dass Handelsinterventionen unbeabsichtigte Konsequenzen haben können. Dies gilt umso mehr in der heutigen globalisierten Welt, wo die Dominoeffekte weite Kreise ziehen können.

Handelsspannungen zwischen den USA und China

Einfach gesagt sind Handelsspannungen häufig das Resultat eines Ungleichgewichts oder unterschiedlicher Perspektiven im Handel – die eine Seite bietet etwas an, das die andere Seite will. So kam es zu den ersten Zollmassnahmen im März: Die USA verhängten Einfuhrzölle in Höhe von rund 2 Milliarden US-Dollar auf Stahl und Aluminium aus mehreren Ländern, darunter auch China, um heimische Produzenten besser zu schützen.

China antwortete im Handumdrehen und erhob seinerseits Zölle auf 128 US-Produkte wie Obst, Wein und Schweinefleisch, die sich auf insgesamt 3 Milliarden US-Dollar beliefen. Eine zweite Runde von Zöllen könnte auf beiden Seiten unterschiedliche Bereiche betreffen und jeweils ein Handelsvolumen von rund 50 Milliarden US-Dollar umfassen. Das Importvolumen der USA aus China ist etwa viermal so hoch wie das Importvolumen Chinas aus den USA.

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Die zweite Zollrunde im Überblick

Quelle: Peterson Institute for International Economics, The Economist

Schon Präsident Bush scheiterte an Zöllen

In den Jahren 2002 und 2003 reagierten China und die EU auf US-Präsident Bushs Einfuhrzölle auf Stahl in Höhe von 30 Prozent mit der Verzollung von Gütern aus Bundesstaaten, die entweder von den Republikanern dominiert wurden oder zu den so genannten «Swing States» zählten, in denen die Anzahl demokratischer und republikanischer Wähler etwa gleich hoch war. Darunter fielen beispielsweise Stoffe und Textilien aus Carolina, Bourbon und Motorräder aus Tennessee und Kentucky sowie Orangen aus Florida. Nach fast zwei Jahren nahm Präsident Bush die Stahlzölle wieder zurück.

Im Rückblick zeigte sich, dass der angestrebte positive Effekt für die Stahlindustrie von negativen Auswirkungen begleitet wurde, was die Bedeutung des Dominoeffekts unterstreicht: Ein offizieller Bericht der U.S. International Trade Commission kam 2003 zum Schluss, dass der Beschäftigungszuwachs in den Rohstahl produzierenden Werken keinen Ausgleich für den Beschäftigungsrückgang in anderen Branchen darstellte, etwa bei Unternehmen, die Rohstahl zu Fahrzeugteilen und Haushaltsgeräten verarbeiteten.

Es scheint, als seien Güter, die Einfluss auf die Wiederwahl der regierenden Partei und ihres Präsidenten haben könnten, die Achillesferse im Zollstreit.

Welchen Einfluss haben die Handelsspannungen auf die Märkte?

Zunächst sollte berücksichtigt werden, dass Importe und Exporte nur einen Teil des Bruttoinlandprodukts (BIP) eines Landes darstellen. Während Güter 80 Prozent des weltweiten Handelsvolumens ausmachen, liegt ihr Beitrag zum globalen BIP lediglich bei 12 Prozent.

Im Zuge der Zolldebatte geraten liberale Schritte häufig in den Hintergrund: Donald Trumps Aussage, er wolle die Neuverhandlungen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) abschliessen, ist ein positives Zeichen und weckt die Hoffnung auf weitere regionale oder bilaterale Verhandlungen. Dies stützt die Einschätzung unserer Experten der Credit Suisse, dass gegenseitige Handelsvereinbarungen ein wichtiges Ziel sind und die «nachdrückliche» Rhetorik Donald Trumps eher eine Verhandlungstaktik darstellt.

Wir setzen weiter auf globale Aktien

Allerdings fällt es in der heutigen globalisierten Welt nicht schwer, neue Handelspartner zu finden. So scheint es kein Zufall, dass die EU und Mexiko im April dieses Jahres ein neues Freihandelsabkommen vereinbart haben. Unser Fazit ist, dass es nicht zu einer Eskalation der Handelsspannungen kommen wird, und diese Erwartung spiegelt sich in unserer positiven Einschätzung von globalen Aktien wider.

In Europa bevorzugen wir binnenmarktorientierte Unternehmen mit geringerer Kapitalisierung, die von Zöllen weniger stark betroffen sind. Auf Sektorebene setzen wir auf ein Engagement in Wachstumsbereichen wie IT und Finanzen, unabhängig von ihrem internationalen Engagement. Um das Risiko der zunehmend protektionistischen Rhetorik zu mindern, schliessen wir als defensives Binnenengagement Telekommunikationsunternehmen mit ein, während wir im Hinblick auf nichtzyklische Konsumgüter und Industrietitel vorsichtig bleiben. Diese Empfehlungen sollten im Portfoliokontext beurteilt werden, da eine breite Diversifikation nach wie vor die beste Anlagestrategie darstellt.