Artikel

Globale Geldpolitik steht unter Zugzwang

Der Börsenmonat April war der zweitschlechteste Börsenmonat seit fast 50 Jahren. Krieg, Inflation, steigende Zinsen, die Sorge vor knappem Strom und insbesondere vor einer Rezession haben viele Anleger bereits das Handtuch werfen lassen. Das bringt die Geldpolitik in eine schwierige Lage. Wie geht es weiter? Die Implikationen für Anlegerinnen und Anleger.

Geldpolitik im Dilemma: Was die Märkte treibt

Das Jahr 2022 hat an den Kapitalmärkten negativ begonnen. Erstens hat der Russland-Ukraine-Krieg über Nacht viel menschliches Leid und zugleich auch riesige weltwirtschaftliche und geopolitische Herausforderungen geschaffen: Die Globalisierung befindet sich im Rückzug, und die Europäische Union will ihre Abhängigkeit von russischem Gas so schnell wie möglich überwinden.

Zweitens hat der Krieg die Hoffnung auf einen schnellen Rückgang der Inflation schwinden lassen. Das wiederum hat die grossen Notenbanken, vor allem die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB), in eine Art «Gefangenendilemma» gebracht.1

Normalerweise hätte die Geldpolitik angesichts der aktuellen Gegenwinde expansiv agiert. Jetzt sieht sie sich gezwungen, das Gegenteil zu tun. Denn: Sie kann und will nicht als untätig erscheinen angesichts rekordhoher Inflationszahlen. Doch da sich die Ursachen der Inflation mehrheitlich ausserhalb ihres Einflussbereichs befinden, entspricht eine geldpolitische Kontraktion einer sehr bitteren Medizin.

Anlagen verlieren an Wert

Als wäre der schlechte Jahresstart nicht genug, erwies sich der Monat April 2022 für Anlegerinnen und Anleger als insgesamt zweitschlechtester Börsen-April seit 1976. Der Grund ist nicht nur die Talfahrt der Aktienbörsen, sondern auch der gleichzeitige Ausverkauf bei Anleihen. Denn in der Regel führen Verluste bei Aktien zu Kursgewinnen von Anleihen – und umgekehrt. So entsteht Diversifikation. Seit 1976 bestätigt sich diese Regel immerhin in 84 Prozent aller Börsenmonate. Nur einmal, im Mai 1994, war der kombinierte Verlust aus Aktien und Anleihen grösser als im letzten April.

Der April 2022 verlief für Anlagen historisch sehr schlecht

Letzter Datenpunkt: April 2022
Quelle: Bloomberg, Credit Suisse

Historische Wertentwicklungen und Finanzmarktszenarien sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Ergebnisse. Man kann nicht in einen Index investieren. Die gezeigten Indexrenditen sind keine Ergebnisse tatsächlichen Handels investierbarer Anlagen/Wertpapiere. Anleger, die eine Strategie analog einem Index verfolgen, können geringere oder höhere Renditen erzielen und müssen die damit verbundenen Kosten berücksichtigen.

Ist nur vorübergehend mit steigenden Zinsen zu rechnen? 

Sieht die Weltwirtschaft angesichts der erwähnten Negativmeldungen derzeit so schlecht aus wie sogar während der Finanzkrise 2009? Ohne den Krieg, die Inflation und steigende Zinsen beschönigen zu wollen: Es bestehen Zweifel. Zwar sind in den Vereinigten Staaten beispielsweise erst vor Kurzem die Löhne stark gestiegen, doch solche Prozesse korrigieren sich von selbst. Denn wenn Unternehmen dem Lohndruck entgehen, steigt auch die Arbeitslosigkeit wieder, und der vormalige Lohndruck nimmt ab. Entwicklungen dieser Art könnten sich im kommenden Herbst durchaus wieder zeigen. Dabei ist anzumerken, dass vor allem rasche Anstiege der Inflation im letzten Jahrhundert stets von ebenso raschen Rückgängen abgelöst wurden.

Steigende Zinsen: An- und Abstiege der Inflation von 1921 bis 2022

Letzter Datenpunkt: März 2022
Quelle: Bureau of Labor Statistics, Yardeni Research, Credit Suisse
Anmerkung: Die schattierten Balken

Anlagen auf dem Prüfstand: Was Anlegerinnen und Anleger wissen müssen

Wer derzeit richtig durch das unsichere Terrain navigieren will, der sollte sich folgende drei Punkte zu Herzen nehmen:

  1. In diesem Jahr zeigt sich die Defensivqualität der Credit Suisse House View. Während eine Strategie, die sich je zur Hälfte auf Anleihen der Eidgenossenschaft und auf Schweizer Anlagen (SMI) verlässt, seit Jahresbeginn zu Einbussen von rund 9 Prozent führte, lag der Rückgang ausgewogener Mandate im Durchschnitt gut 3 Prozent tiefer. Solche kleinen Unterschiede summieren sich über mehrere Zyklen zu grossen Differenzen – und bestätigen den Wert einer guten Diversifikation.
  2. Der unvermutet rasche Anstieg der Zinsen und Volatilitäten hat ein geradezu ideales Umfeld für Financial Engineering, strukturierte Produkte und einen gewissen Anlageopportunismus geschaffen. Der Markt bewegt sich und bietet aktiven Anlegerinnen und Anlegern reichlich Chancen bei Aktien wie auch bei Währungen, Anleihen und Rohstoffen.

    Und es gilt die bewährte Regel: Wenn die Volatilität hoch ist, lohnt es sich meist, diese zu verkaufen – zum Beispiel durch Reverse Convertibles. Wenn die Volatilität tief ist, lohnt es sich meist, Volatilität zu kaufen – zum Beispiel durch Calls oder Puts.
  3. Aus der aktuellen politischen und ökonomischen Gemengelage wird eine neue Weltordnung hervorgehen, an der Investierende langfristig am besten durch thematische Anlagen partizipieren können. Auf lange Sicht dürften Investments in Supertrends wie Klimawende, Digitalisierung und Infrastrukturwachstum grosse Opportunitäten bieten. Diese sind heute deutlich günstiger zu haben als noch vor wenigen Wochen und Monaten.

Haben Sie Fragen zu diesem Thema?

Beratung vereinbaren
Wir helfen Ihnen gerne weiter. Rufen Sie uns unter der Telefonnummer 0844 844 001 an.