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Neue Weltordnung am Horizont

Die Welt verändert sich. Getrieben durch die Politik und gesellschaftlichen Wandel entsteht langsam eine neue Weltordnung. Doch müssen sich Anleger deswegen Sorgen machen? Nachfolgend fünf Statements, wieso es sich lohnt einen kühlen Kopf zu bewahren.

Viele Anleger sind gegenwärtig besorgt über die Entstehung einer neuen Weltordnung. Sie hat nicht nur mit geopolitischer Macht, sondern auch mit technologischen, gesellschaftlichen, ökologischen und demografischen Entwicklungen zu tun. Auch weiche Faktoren (Soft Power) spielen eine Rolle. Gemeint ist die Attraktivität gemeinsamer Werte: zum Beispiel universelle Menschenrechte, Demokratie oder Rechtsstaatlichkeit. In der Nachkriegsgeschichte profitierten die USA und Europa besonders von der Strahlkraft ihrer «Soft Power». Sie ist für Nationen mindestens so zentral wie «Hard Power», also militärische und ökonomische Ressourcen.

Finanzmärkte: Es gilt einen kühlen Kopf zu bewahren

Die globalen Auswirkungen dieser Entwicklung kann man kaum unterschätzen. Aber: Eine solche neue Weltordnung wird keineswegs schon heute an der Börse vorweggenommen. Sonst hätten öffentliche Güter wie Frischwasser oder die Artenvielfalt (Biodiversität) wahrscheinlich längst einen Knappheitspreis. Börsen nehmen zwar die Zukunft vorweg – aber ihr Fokus liegt, erstens, auf fungiblen Wertpapieren und, zweitens, auf den nächsten Monaten, und nicht auf den nächsten Jahren.

Die aktuellen Spannungen wegen der Zollpolitik und des freien Handels sind ein ernsthaftes, aber wahrscheinlich nur vorübergehendes Scharmützel. Umso wichtiger ist es, als Anleger auf einen erprobten Anlageprozess vertrauen zu können. Dazu fünf Statements aus dem Anlagekomitee der Credit Suisse:

1. Die fundamentalen Börsenperspektiven sind solide

Die jüngste Volatilität der Finanzmärkte ist weniger durch realwirtschaftliche Entwicklungen als durch geopolitischen Lärm getrieben. Natürlich kann das eine zum anderen führen. Da gilt es detailliert abzuwägen. Doch bislang sind die fundamentalen Börsenperspektiven der Lichtblick, die geopolitischen Irrrungen und Wirrungen hingegen der Schattenwurf.

2. Eskalation im Handelsstreit USA vs. China ist unwahrscheinlich

Eine Eskalation im Handelsstreit widerspricht den nationalen Interessen Chinas und der USA. An nachhaltigen Handelsbeziehungen haben beide Länder überwiegende Interessen. Die USA suchen kurzfristige Verhandlungserfolge, Chinas Strategie ist langfristig angelegt. Das bietet für Verhandlungen unscheinbare Vorteile. Denn wer langfristig denkt, ist manchmal zu kurzfristigen Konzessionen bereit, um einen «gordischen Knoten» zu durchtrennen.

3. Spielraum für innenpolitisch wertvolle Kompromisse ist vorhanden

Kurzfristig gilt: Die USA wollen ihre Importabhängigkeit reduzieren und fordern besseren Zugang zum grossen chinesischen Konsumentenmarkt. China ist mittlerweile wirtschaftlich stark genug, um diese Wünsche zu konzedieren. Weiterhin will es seine umweltschädlichen und oft defizitären Staatsbetriebe schliessen, vor allem für Aluminium und Stahl. Ebenso will China nicht mehr der grösste ausländische Gläubiger der USA sein. Die chinesische Zentralbank besitzt acht Prozent aller amerikanischen Staatsanleihen. Eine Reduktion dieser Position würde den US-Dollar schwächen und die chinesische Währung stärken. Das könnte durchaus im beiderseitigen Interesse liegen. Denn während die USA von einem schwachen Dollar profitieren, strebt China langfristig eine globale Leitwährung an.

Moderate Kreditrisikoprämien bestätigen, dass noch kein Wendepunkt an den Aktienmärkten erreicht ist.

Burkhard Varnholt, CIO Credit Suisse (Schweiz) AG

4. Das weltweite Konjunkturwachstum hält an

Zurück zu den erfreulichen Konjunkturdaten. Positive Zinsstrukturkurven in allen Leitwährungen signalisieren anhaltendes, synchrones Wachstum. Konsum- und Investitionsbereitschaft bleiben rund um den Globus hoch. Die Arbeitslosigkeit war lange nicht tiefer. Die Inflation liegt überall innerhalb der geldpolitischen Komfortzone. Der jüngste Rückgang von Einkaufsmanagerindizes sagt mehr über Lieferengpässe einer florierenden Konjunktur aus als über eine sinkende Endnachfrage. Die Rohstoffmärkte sind gesund, und die Geldpolitik ist weiterhin wachstumsfreundlich.

5. An Aktienmärkten ist noch kein Wendepunkt in Sicht

Auch die globalen Unternehmensnachrichten sind freundlicher als die gestiegene Marktnervosität suggeriert. Aktienrisikoprämien sind trotz des soliden Gewinnwachstums gestiegen. In den USA liegt die durchschnittliche Gewinnrendite im S&P 500 bei 5.9%, die durchschnittlichen Fremdkapitalkosten bei 3.9%. Das fördert weitere Aktienrückkäufe. Kommt hinzu, dass Unternehmen diesen April weltweit 400 Milliarden US-Dollar an Dividenden ausschütten – der Grossteil davon wird als Titel und nicht bar bezogen.

Moderate Kreditrisikoprämien bestätigen ebenfalls, dass noch kein Wendepunkt an den Aktienmärkten erreicht ist. Acht von neun historischen Aktienwendepunkten gingen steigende Kreditrisikoprämien etwa sechs Monate voraus. Auch der Stimmungsumschwung gegenüber Technologiewerten ändert wenig am überdurchschnittlichen Wachstum dieser Branche. Natürlich provoziert ihr Erfolg auch Gegenreaktionen. Steigende Steuern und stärkere Regulierung sind absehbar.