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Europa will Klimaneutralität. Was das für Anleger bedeutet.

Klimaneutralität bis 2050 – das ist Europas Ziel im Rahmen des «Green Deals». Die Weichen für den grössten Umbau der Wirtschaft stellt der 26. UN-Klimagipfel in Glasgow. Für welche Herausforderungen sich die EU wappnet und welche neuen Chancen sich Anlegern öffnen, nachhaltig zu investieren.

Klimaneutralität und Wachstum: Europas «Green Deal» verändert die Welt

Bis 2050 soll Europa der erste klimaneutrale Kontinent der Welt werden. Dieses ambitionierte Ziel setzt sich die EU mit dem sogenannten «European Green Deal». Was nichts weniger als den grössten Umbau in der Geschichte der europäischen Wirtschaft erfordert.

Die Voraussetzungen für einen Wandel ohne gesamtwirtschaftliche Verluste stehen gut. So verfügt die EU über den erprobtesten und grössten Markt für CO2-Zertifikate und ist führend im wachsenden Geschäft mit erneuerbaren Energien. Nicht zuletzt besitzt sie aufgrund ihrer weltwirtschaftlichen Macht ein klimapolitisches Gewicht, das ihren geopolitischen Stellenwert weit übertrifft.

«Green deal»: in 30 Jahren zur Klimaneutralität

Mit dem «Green Deal» will Europa bis 2050 klimaneutral werden.

Quelle: Europäische Umweltagentur (EEA), Credit Suisse

Nationale Unterschiede als grösste Herausforderung des «Green Deals»

Die grösste Herausforderung für die Umsetzung bergen die nationalen Unterschiede der EU-Mitgliedsstaaten. Denn während die «Green Deal»-Vorgaben der EU zentralistisch erfolgen, ist deren Umsetzung Sache der Mitgliedsstaaten. Und genau dort, auf Länderebene, divergieren die CO2-Intensitäten der Wirtschaft und somit die politischen Interessenslagen signifikant.

Das hat meist strukturelle Gründe. Einerseits können sich ärmere EU-Länder oft keine «saubere» Energie leisten, wenn ihre Produkte gleichzeitig wettbewerbsfähig bleiben sollen. Andererseits verlagern häufig Unternehmen aus reichen EU-Ländern mit strengeren Emissionsvorschriften ihre CO2-intensive Produktion ins Ausland mit vergleichsweise lockeren CO2-Regimes.

Die CO2-Intensität variiert in den einzelnen Branchen

Neben den nationalen Unterschieden bei der Reduktion der CO2-Intensität fallen innerhalb der EU ebenso deutlich die sektoriellen Unterschiede auf. Während sich im Transportsektor an der CO2-Intensität in den letzten 20 Jahren eigentlich nichts geändert hat, konnten Industrie, Dienstleistungen, Wohnen und auch die Landwirtschaft gewisse Reduktionserfolge vermelden. Deutlich angestiegen ist hingegen der CO2-Fussabdruck im Bau und Bergbau. Ein grosser Anteil dieser Entwicklungen geht auf den sich verändernden Strom-Mix in der EU zurück.

Veränderung der CO2-Intensität nach Branche

Veränderungen der CO2-Intensität nach Branchen innerhalb der EU

Letzter Datenpunkt: 2019

Quelle: Internationale Energieagentur (IEA), Credit Suisse

Zur Klimaneutralität mit Ausgleichsmassnahmen

Es stellt sich also die Frage, wie es der EU gelingt, ihr ehrgeiziges Klimaziel bis 2050 umzusetzen, ohne einzelne Branchen oder Mitgliedsländer wirtschaftlich abzuhängen und ohne ihre CO2-Emissionen ins Ausland zu verschieben.

Den Weg weist ein differenzierter Ausbau ihres weltweit führenden «cap and trade»- Systems, flankiert durch sozioökonomische Ausgleichsmassnahmen: Das EU-Emissionshandelssystem (EU-EHS) bildet einen wirkungsvollen marktwirtschaftlichen Mechanismus zur Energiewende in der Privatwirtschaft. Es fördert Innovation, Effizienz und Substitution dank einem einfachen und skalierbaren Prinzip:

  1. EU legt die maximale Emissionsmenge pro Jahr fest
  2. Aufteilung des Betrags auf die Mitgliedsländer
  3. Mitgliedsländer offerieren ihrer jeweiligen Privatwirtschaft entsprechende Emissionszertifikate über Auktionen
  4. Unternehmen, die mehr Emissionen benötigen, müssen am Emissionsmarkt nachkaufen

Der iterative Prozess erlaubt eine graduelle Absenkung der Emissionsobergrenzen, ohne jedoch in die unternehmerischen Entscheide der Wirtschaft einzugreifen. Zurzeit sind die meisten CO2-Emissionen der EU noch nicht vom Zertifikatesystem erfasst. Lediglich die Stromerzeugung und Schwerindustrie unterliegen ihm bis heute. Doch in Zukunft sollen auch die Emissionen limitiert werden, die von Verkehr, Gebäuden, Bau, Landwirtschaft und anderen Sektoren ausgestossen werden.

Mit Emissionslimiten und Emissionszertifikaten Klimaneutralität erreichen.

Mit Emissionslimiten und Emissionszertifikaten Klimaneutralität erreichen.

Letzter Datenpunkt: 12.10.2021

Quelle: EEA, Refinitiv, Credit Suisse

UN-Klimagipfel und Stromkrise: Eine Chance für die Klimaneutralität

Aus Sicht der Credit Suisse dürfte die aktuelle Preisexplosion für Gas, Kohle oder Öl – von manchen auch als «Greenflation» bezeichnet – die Energiewende beschleunigen. Das hat auch mit dem 26. UN-Klimagipfel zu tun, der vom 31.Oktober 2021 bis am 12. November 2021 im schottischen Glasgow abgehalten wurde. Thema waren die Fortschritte und Defizite der globalen Anstrengungen zur Klimawende seit dem Pariser Abkommen sowie die Formulierung von Prioritäten für die kommenden Jahre.

Nachhaltig investieren: Gewinner und Verlierer der Dekarbonisierung

Vor dem Hintergrund der angestrebten Dekarbonisierung dürften Anlagen in den Supertrend «Klimawandel – hin zu einer treibhausgasfreien Wirtschaft» zu den vielversprechendsten der nächsten Jahre zählen. Die Energiewende wird voraussichtlich eine der grössten Kapitalmobilisierungen der 2020er-Jahre bewirken. Vor allem innovative Unternehmen mit erfahrenem Management, nützlichen Patenten und Preissetzungskraft dürften die besten Anlagechancen bieten.

Auch Geschäftsbanken und Sachversicherer werden vermutlich von der Kapitalmobilisierung profitieren. Mit der Energiewende rücken Themen wie «Smart Mobility» und «Digitalisierung» in den Mittelpunkt, ebenso «Technologie im Dienste der Menschheit».

Auf der Verliererseite der Entwicklung dürften einerseits die emissionsintensivsten Unternehmen stehen – die Ausweitung des EU-EHS auf die Branchen Verkehr, Bau und Wohnen wird einigen der betroffenen Aktien die Flügel stutzen.

Ein weiterer Verlierer der Energiewende dürfte ihr vorübergehender Profiteur sein: die Inflation. Während die Strompreise aktuell auf der ganzen Welt explodieren, dürfte dieser Inflationstreiber ähnlich rasch wieder verschwinden, wie er gekommen ist. Dies könnte wiederum Rückenwind für die globalen Aktienmärkte schaffen.

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