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Euroaustritt von Italien ist sehr unwahrscheinlich

Die politischen Probleme in Italien haben die Finanzmärkte erschüttert. Ein Euroaustritt ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Das käme einem wirtschaftlichen Selbstmord gleich. Zudem können die italienischen Staatsschulden nicht mit jenen von Griechenland gleichgesetzt werden.

Italiens Schuldendienst auf tiefstem Niveau seit 1970

«Ciao» bedeutet auf Italienisch «Hallo», aber auch «Adieu». So mag Italiens Präsident Mattarella den erst de- und dann resignierten Regierungschef Conte begrüsst und wieder verabschiedet haben. Und dennoch: Wer genau hinschaut, erkennt, weshalb das Risiko, dass Italien eine neue Eurokrise auslösen wird, geringer sein dürfte, als die jüngsten Marktreaktionen suggerieren.

Italien hat 2.3 Billionen Euro Staatsschulden aufgehäuft. Das ist in der Tat (zu) viel: Die Staatsschulden betragen heute mehr als 130 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. Trotzdem war Italiens Schuldendienst in den letzten vierzig Jahren nie tiefer als heute.

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Italiens Schuldendienst ist so tief wie seit 40 Jahren nicht mehr

Staatsschuldendienst im Verhältnis zum BIP
Quelle: OECD, Wall Street Journal

Tiefere Zinsen für italienische Staatsschulden

Im vergangenen Jahr zahlte der italienische Staat Schuldzinsen in Höhe von 65 Milliarden Euro. Das ist weniger als in jedem Jahr seit der Einführung des Euro 1995. Bis Ende 2020 stehen rund 600 Milliarden Euro an Staatsanleihen zur Refinanzierung an – immerhin rund 30 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.

Doch trotz des jüngsten Renditeanstiegs italienischer Staatsanleihen auf 3 Prozent wird die Refinanzierung dieser Schulden den Staatshaushalt entlasten. Denn die auslaufenden Anleihen kosteten sogar durchschnittlich 3,2 Prozent. Und noch etwas stabilisiert Italiens Finanzlage: Die Privatschulden zählen zu den niedrigsten in Europa, und das Rentenalter ist mit bald 69 Jahren europaweit am höchsten. Die Dinge liegen nicht immer so, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Italienische Staatsschulden im eigenen Land

Die Vorstellung, Italien könnte die EU mit der Forderung eines Schuldenerlasses erpressen, ist widersinnig. Denn übersehen wird dabei, dass ein Grossteil aller italienischen Staatsschulden den eigenen Banken, den Bürgerinnen und Bürgern sowie den Pensionskassen des Landes gehört.

Ganz anders verhielt es sich 2011 mit Griechenland: Das Land besass gegenüber der EU Verhandlungsmacht, weil damals die meisten griechischen Staatsanleihen europäischen Banken gehörten. Mit anderen Worten: Einen Schuldenerlass müsste Rom nicht mit Brüssel, sondern mit seinen eigenen Bürgerinnen und Bürgern aushandeln. Dieses pikante Detail hatten die Autoren des ersten Regierungsprogramms übersehen – bis sie die Forderung ersatzlos wieder gestrichen haben.

Unterschätzen wir nicht Italiens politische Institutionen und die Kreativität und Lebensfreude seiner Menschen!

Burkhard Varnholt CIO Schweiz

Euroaustritt Italiens wäre wirtschaftlicher Selbstmord

Ein von den Links- und Rechtspopulisten gemeinsam angestrebter Euroaustritt käme für Italien einer Katastrophe gleich. Ein hypothetisches Szenario für den Tag einer gültigen Austrittserklärung illustriert, weshalb es nicht so weit kommen wird:

1. Die Europäische Zentralbank müsste sofort sämtliche Unterstützungsfazilitäten für Italiens Banken einfrieren.

2. Umgehend würden italienische Banken einen Schaltersturm erleben.

3. Dieser würde den Staat zwingen, die Banken zu verstaatlichen, einen «Bank Holiday» auszurufen.

4. Die Risikoaufschläge auf italienischen Staatsanleihen würden explodieren. Die Gläubiger – italienische Banken, Pensionskassen und die EZB – hätten Kursverluste von 30 bis 50 Prozent hinzunehmen.

5. Italiens fiskalischer Teufelskreis würde unfreundliche Abwehrmassnahmen der anderen europäischen Staaten auslösen.

6. Italien befände sich im realen Ausnahmezustand. Das Finanzsystem wäre insolvent. Bürger fühlten sich ihrer Lebensgrundlage beraubt. Eine wirtschaftliche Depression, Kapitalflucht und gesellschaftliche Unruhen wären kaum zu vermeiden.

Fazit: Trotz Ärger kein Euroaustritt

Doch wie gesagt: Soweit wird es nicht kommen. Denn Volk, Wirtschaft und Politik würden diese Konsequenzen rechtzeitig erkennen – allem Ärger über die herrschenden Verhältnisse zum Trotz. Unterschätzen wir nicht Italiens politische Institutionen und die Kreativität und Lebensfreude seiner Menschen!