Altersvorsorge: Was erwartet uns?
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Altersvorsorge: Was erwartet uns?

Die Generation der Babyboomer geht in Pension. Ausserdem werden wir alle voraussichtlich länger leben als unsere Eltern. Diese Faktoren sind eine Herausforderung für die staatliche und die berufliche Vorsorge. Das Volk lehnte die Reform Altersvorsorge 2020 ab. Nun schnürt der Bundesrat ein neues Paket. Mit welchen Folgen für die heutigen Arbeitnehmer? Eine Einschätzung der Credit Suisse Vorsorgeexperten Rocco Baldinger und Markus Stierli.

Vorsorgeexperten Markus Stierli und Rocco Baldinger

Markus Stierli (links im Bild), Leiter Kompetenzzentrum Vorsorge, und Rocco Baldinger, Geschäftsführer Credit Suisse Privilegia Vorsorgestiftung 3. Säule und Credit Suisse Freizügigkeitsstiftung 2. Säule.

Foto: Marion Nitsch

Die Rentenreform 2020 scheiterte im letzten Herbst an der Urne – wo sehen Sie die Hauptgründe dafür?

Rocco Baldinger: Meiner Meinung nach gab es drei entscheidende Gründe: Erstens wollte man zu viel, die Vorlage war mit der gleichzeitigen Reform von AHV und BVG überladen. Zweitens hat man die Stimmbürger falsch eingeschätzt. Die AHV-Revision beinhaltete ja das Zückerlein von 70 Franken, das nach dem Giesskannenprinzip verteilt worden wäre. Gleichzeitig wusste jeder, dass wir bei der AHV sparen müssen – ein extremer Widerspruch also. Und drittens ging die Reform auf Kosten der Jungen und der Frauen, indem die Lebensarbeitszeit verlängert, die Mehrwertsteuer erhöht und höhere Lohnabzüge gemacht worden wären.

Inzwischen hat Bundesrat Alain Berset einen neuen Vorschlag bekannt gegeben, der bereits 2021 in Kraft treten soll. Darin geht es erst einmal nur um die AHV. Stabilisiert werden soll sie unter anderem über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 1,7 Prozent. Was halten Sie davon?

Markus Stierli: Der Fokus auf die AHV macht Sinn. Die Vorlage konzentriert sich auf weniger Faktoren, und bei der 1. Säule gibt es den grösseren gesellschaftlichen Konsens, was eine Annahme realistischer macht. Zudem ist die Sanierung der AHV dringlicher. Die Kompensation soll über die Mehrwertsteuer erfolgen. Eine Steuer, die man auf den Konsum erhebt, wird als gerecht empfunden, das ist politisch gangbarer. Gleichzeitig fragt sich, wie nachhaltig diese Idee ist. Eine weitere Erhöhung der Mehrwertsteuer alle paar Jahre würde ab einem gewissen Punkt wohl nicht mehr akzeptiert.

Baldinger: Ich stimme zu. Die Sicherung der AHV via Mehrwertsteuer ist möglicherweise tatsächlich mehrheitsfähig, leider aber keine nachhaltige Lösung zur Sanierung der Schweizer Vorsorgelandschaft. Die Reform der Altersvorsorge muss deutlich umfassender sein. Je länger wir zuwarten, desto schmerzhafter werden die Einschnitte sein.

Sehen Sie alternative Lösungen für die Reform der Vorsorge, die mehrheitsfähig sind?

Stierli: Nein, etwas Mehrheitsfähiges sehe ich noch nicht. Es gibt zahlreiche Ideen, wie etwa jene, die Pensionierung von der Art der Arbeit abhängig zu machen. Ein Maurer, der harte körperliche Arbeit leistet, würde demnach früher pensioniert als ein Bankmitarbeiter. Aber: Eine allgemeine Erhöhung des Rentenalters erachte ich auf längere Frist ohnehin als unumgänglich.

Das Sorgenbarometer der Credit Suisse zeigt, dass die Sorge um die AHV zusammen mit der Jugendarbeitslosigkeit an erster Stelle steht. Die Eigenverantwortung in der Vorsorge spielt eine gewichtige Rolle.

Rocco Baldinger

Der Bundesrat möchte mit der aktuellen Reform das Rentenalter der Frauen auf 65 Jahre anheben. Wird das funktionieren?

Stierli: Diese Erhöhung war bisher immer ein massgeblicher Grund für eine Ablehnung. Aber über das Rentenalter zu sprechen, ist angebracht – bei den Männern wie bei den Frauen.

Baldinger: Das Rentenalter soll mit der neuen Reform ja auch flexibler gestaltet werden. Was viele Schweizer in Bezug auf ihre Renten gerne konsequent ignorieren, ist der Fakt, dass die Lebenserwartung in der Schweiz sehr hoch ist, ebenso der Wohlstand. Dennoch halten wir am Rentenalter 64/65 fest, während die meisten europäischen Länder ein Rentenalter um 67 anstreben.

Die 1. Säule hat für den Bundesrat oberste Priorität, für die Reform der 2. Säule wird ein Vorschlag der Sozialpartner gewünscht. Welche Entwicklung erwarten Sie hier?

Baldinger: Zur 2. Säule wird es eine eingehende Diskussion über das gesetzlich festgelegte Rentenversprechen, den Mindestumwandlungssatz und den technischen Zinssatz geben müssen. Immer mehr Menschen werden immer älter und die Kapitalmärkte werfen weniger Zins ab – wir werden wohl nicht darum herumkommen, auch über Leistungskürzungen zu sprechen. Die private Vorsorge wird dadurch vermehrt in den Fokus rücken.

Für die Versicherten ist das demotivierend. Sie zahlen mindestens gleich viel ein, arbeiten länger und erhalten weniger.

Stierli: Wir leben aber auch länger.

Baldinger: Trotz allem haben wir im internationalen Vergleich eines der am besten gesicherten Vorsorgesysteme. Unser 3-Säulen-System, das aus je einer staatlichen, einer beruflichen und einer privaten Säule besteht, bietet viele Vorteile: Unter anderem wird mit steuerlichen Begünstigungen an die Eigenverantwortung der Vorsorgenehmer appelliert. Entstandene Vorsorgelücken in der 2. Säule können geschlossen werden – und das erst noch steuerschonend. Leider besteht in der 3. Säule keine Möglichkeit für eine nachträgliche Einzahlung, hier müsste der Gesetzgeber meines Erachtens im Sinne eines stabilen Vorsorgesystems korrigierend eingreifen. Denn auch in der privaten Vorsorge können während der Lebensarbeitszeit Lücken entstehen. Gründe können ein niedriges Einkommen sein, die Startphase zur Selbstständigkeit, Kinderpausen oder längere Auslandaufenthalte.

Ab welchem Alter raten Sie jemandem, sich mit seiner Altersvorsorge auseinanderzusetzen?

Baldinger: Ab dem Zeitpunkt des ersten Erwerbseinkommens.

Ist das realistisch? Interessieren sich die ganz Jungen tatsächlich schon für die Altersvorsorge?

Baldinger: Das sollten sie! Ab 25 bis 30 nimmt das Interesse generell zu. Und das Sorgenbarometer der Credit Suisse zeigt, dass die Sorge um die AHV zusammen mit der Jugendarbeitslosigkeit an erster Stelle steht. Die Eigenverantwortung in der Vorsorge spielt eine gewichtige Rolle. Es ist deshalb unabdingbar, sich frühzeitig mit der persönlichen Vorsorgesituation auseinanderzusetzen.

Stierli: Das Thema ist mit Unsicherheiten verbunden. Die Jungen können nicht richtig einschätzen, wie ihre Situation sein wird – unter anderem, weil viele kaum etwas über unser 3-Säulen-System wissen. Ihren Pensionskassenausweis wissen die wenigsten richtig zu interpretieren. Ich sehe da bei den Schulen Aufklärungsbedarf und allgemein eine gesellschaftspolitische Verantwortung. Diese müssen auch staatliche Institutionen, Versicherungen und wir als Bank wahrnehmen.

Welches Vorgehen würden Sie jemandem empfehlen, der sich noch nie mit seiner Altersvorsorge auseinandergesetzt hat?

Stierli: Die Person kann sich beraten lassen, gerade auch bei einer Bank. Viele sehen nur deren Produktpalette, doch die Bank beschränkt sich nicht auf die 3. Säule. Diese macht nur einen Teil der Mittel aus, die für das Rentenalter angespart werden. Wir entwickeln Vorsorgestrategien deshalb immer aus einer ganzheitlichen Perspektive und verstehen uns als Experten auf dem gesamten Gebiet der Vorsorge.

Baldinger: Ich höre manchmal den Einwand, man gehe lieber zu einem «unabhängigen Vorsorgeberater». Für uns als Bank ist die Vorsorgeberatung aber viel mehr als ein One-Time-Event. Ganz im Gegenteil: Als Bank haben wir ein Interesse daran, dass wir es gemeinsam mit unseren Kunden schaffen, ihr Vermögen zu vermehren bzw. den Vermögensverzehr während der Rentenbezugsdauer optimal zu planen. Je früher sich deshalb unsere Kunden mit der persönlichen Vorsorgesituation auseinandersetzen, desto flexibler gestaltet sich die Planung des Vermögensaufbaus und umso sorgenfreier verläuft der Eintritt ins Rentenalter.

Stierli: Aber der vielleicht wichtigste Tipp lautet, dass alles besser ist, als nichts zu tun: bei der AHV einen IK-Auszug (Auszug «Individuelles Konto») bestellen, sich bei der Pensionskasse beraten lassen, seinen Bankberater konsultieren. Wichtig ist, dass man seine Altersvorsorge in die Hand nimmt und einen ersten Schritt macht.

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