Altersvorsorge Schweiz: Säule 3a ist für berufliche Vorsorge wichtig
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«Die Solidarität in der beruflichen Vorsorge wird arg strapaziert»

Die Altersvorsorge in der Schweiz befindet sich in Schieflage. Im Interview diskutieren die Vorsorgeexperten Markus Stierli und Rocco Baldinger Lösungsansätze bei der AHV-Rente, der 2. Säule sowie der Säule 3a und sagen, wieso Eigeninitiative momentan der einzig gangbare Weg ist.

Auf die Ablehnung der Reform der Altersvorsorge 2020 in der Schweiz folgt die Reformvorlage AHV 21. Wiederum soll das Rentenalter für Frauen erhöht werden. Wie mehrheitsfähig ist dies?

Markus Stierli: Längerfristig ist die Erhöhung notwendig. Sie ist bereits seit 40 Jahren ein Thema. Nun, da die Babyboomer in Rente gehen, drängt sie sich geradezu auf. Das Frauenrentenalter 65 wird auch zunehmend mehrheitsfähig, wenngleich einzelne Interessen noch dagegenstehen.  

Rocco Baldinger: Um die Erhöhung des Frauenrentenalters mehrheitsfähig zu machen, braucht es meines Erachtens eine Opfersymmetrie. Die Männer müssten mitziehen. Konkret könnte das beispielsweise heissen, dass das allgemeine Rentenalter schritt­weise auf 66 Jahre erhöht wird, die Männer aber dieses neue Rentenalter zuerst erreichen. 

Angestrebt wird bei der AHV-Rente auch eine Flexibilisierung des Rentenalters: frühestens ab 62 und spätestens ab 70 Jahren. Was denken Sie darüber?

Rocco Baldinger: Das ist der richtige Weg. Wir werden immer älter. Dem Stimmbürger ist durchaus bewusst, dass künftige Renten nur mit einer durchschnittlich längeren Lebensarbeitszeit nachhaltig finanzierbar sind. Wenn wir an unserem mustergültigen und austarierten Rentensystem festhalten möchten, besteht dringender Reformbedarf. Einige EU-Länder haben diesen Schritt bereits vollzogen. 

Markus Stierli: Wenn die Beiträge der letzten Jahre fehlen, weil jemand früher in Rente geht, wirkt sich das finanziell stark aus. Denn in den letzten Jahren sind die Sparbeiträge oft höher. Diese Beiträge fehlen dann in der 2. Säule. Länger arbeiten geht dagegen aus Gewerkschaftsperspektive nicht auf. Deswegen wird es schwierig wer­den, eine solche Flexibilisierung umzusetzen, auch wenn sie notwendig ist. Zum Problem werden dürfte die Frage, wer bis wann arbeitet.

In der 2. Säule erleben wir eine unfaire und nie dagewesene Umverteilung von Rentensparer zu Rentenbezüger.

Rocco Baldinger

Und was halten Sie von der Zusatzfinanzierung der AHV-Renten durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer?

Markus Stierli: Die Zusatzfinanzierung ist heute noch zwingender als bei der Abstimmung zur Rentenreform 2020. Verschärft hat sich die Situation durch das schwierige letzte Anlagejahr. Ich denke, die geplante Massnahme ist ein gangbarer Kompromiss. Das hat sich auch bei der Steuerreform STAF gezeigt, die am 19. Mai 2019 angenommen wurde. Dadurch fliessen jährlich 2 Milliarden Franken zusätzlich in die AHV. Damit und mit der im Rahmen der Reformvorlage AHV 21 geplanten Erhöhung der Mehrwertsteuer bekommt die AHV Luft.

Rocco Baldinger: Ehrlich gesagt handelt es sich dabei um Symptombekämpfung. Denn dadurch wird lediglich das Loch in der 1. Säule kurzfristig gestopft. Herausforderungen gibt es aber auch in der zweiten Säule. Hier erleben wir derzeit eine unfaire und nie dage­wesene Umverteilung von Rentensparer zu Rentenbezüger. Beispielsweise wurden im Jahr 2017 rund 7 Milliarden Franken von Jung zu Alt umverteilt. Das entspricht rund 15 Prozent der eingezahlten Beträge in der besagten Einzahlungsperiode. Diese Zahlen zeigen: Das Solidaritätsprojekt wird arg strapaziert. In der beruflichen Vorsorge haben wir dringenden Handlungsbedarf.

Markus Stierli ist Experte für die berufliche Vorsorge

Markus Stierli, Vorsorgeexperte

Markus Stierli leitet das Kompetenzzentrum Vorsorge der Credit Suisse.

Lösungen für den überobligatorischen Teil der Pensionskasse, wie die Credit Suisse Sammelstiftung 1e, werden immer beliebter. Zeigt sich darin ein Trend zur Eigenverantwortung statt Solidarität bei der Altersvorsorge in der Schweiz?

Markus Stierli: Ein gewisses Mass an Solidarität in der 2. Säule ist unbestritten. Versicherte empfinden jedoch gerade in guten Anlagejahren die Umverteilung als störend. Denn die Rendite kommt ihnen nicht zugute. Deswegen etabliert sich auch in der Altersvorsorge ein Trend zur Eigenverantwortung.

Eigenverantwortung ist auch in der 3. Säule möglich, indem Gelder in Anlagen investiert werden, statt sie auf einem 3. Säule Vorsorgekonto zu belassen. Letzteres wirft derzeit kaum Zins ab. Trotzdem sind gemäss der aktuellen Vorsorgestudie der Credit Suisse nur knapp 24 Prozent aller 3.-Säule-Vorsorgegelder in Wertschriftenlösungen investiert. Wieso?

Rocco Baldinger: Aufgrund des langen Anlagehorizonts wäre die 3. Säule tatsächlich prädestiniert für eine Fonds- bzw. Anlagelösung. Viele verzichten aber darauf – teils aus Unkenntnis, teils aus Angst vor zu grossen Risiken am Finanzmarkt. Wenn man aber den langen Anlagehorizont und die Teuerung in die eigene Vorsorgeplanung miteinbezieht, lässt sich getrost sagen: Das grösste Risiko besteht darin, kein Risiko einzugehen.

Gleichzeitig wird Eigenverantwortung noch zu wenig wahrgenommen, wenn es um die soziale Absicherung im Alter geht. Überraschenderweise herrscht genau in diesem Punkt eine erstaunlich fatalistische Staatsgläubigkeit, ganz nach dem Motto: «Das wird der Staat schon irgendwie für mich richten.» Aufgrund des Reformstaus wurde diese Haltung in der Vergangenheit tatsächlich auch belohnt. Das wird aber mit Sicherheit nicht so weitergehen. 

Die Möglichkeit des Nachzahlens in die Säule 3a würde Gerechtigkeit schaffen.

Markus Stierli

Die Vorsorgestudie zeigt auch, dass besonders bei den Frauen der Anteil der Erwerbstätigen, die regelmässig in die Säule 3a einzahlen, tief ist. Er liegt bei nur 51 Prozent. Wie könnten Frauen stärker motiviert werden, mittels Säule 3a vorzusorgen?

Rocco Baldinger: Nach wie vor tragen Frauen bei der Kindererziehung die grössere Last und arbeiten deshalb häufig Teilzeit. Das hat Konsequenzen für die berufliche und private Vorsorge. Wenn dann zu einem späteren Zeitpunkt die Erwerbstätigkeit wieder hochgefahren wird, lassen sich die Lücken in der zweiten Säule durch Einkäufe teilweise ausbügeln. Nicht aber in der 3. Säule. Das ist ungerecht und widerspricht dem Gleich­behandlungsprinzip im Schweizer Vorsorgesystem. Diesbezüglich gibt es politische Bestrebungen des Vereins Vorsorge Schweiz. Es soll möglich werden, Vorsorge­lücken in der Säule 3a zu schliessen, um eine kontinuierliche private Vorsorge sicher­zustellen.

Markus Stierli: Ein wichtiger Punkt für den tieferen Anteil bei den Frauen ist tatsächlich, dass es nicht möglich ist, nachträglich in die Säule 3a einzuzahlen. Wer eine Zeitlang nicht arbeitet, beispielsweise aufgrund einer Babypause oder einer Ausbildung, kann in dieser Zeit keine Beiträge in die Säule 3a einzahlen und diese Lücke später auch nicht mehr schliessen. Die Möglichkeit des Nachzahlens würde Gerechtigkeit schaffen.

Rocco Baldinger ist Experte für die 2. und 3. Säule

Rocco Baldinger, Vorsorgeexperte der Credit Suisse

Rocco Baldinger ist Geschäftsführer der Credit Suisse Privilegia Vorsorgestiftung 3. Säule und der Credit Suisse Freizügigkeitsstiftung 2. Säule.

Manche Politiker fordern die Erhöhung des Maximalbetrags der Säule 3a. Was halten Sie davon?

Markus Stierli: Das ist nicht mehrheitsfähig. Denn davon würden primär Personen mit einem hohen Einkommen profitieren. Nicht aber Teilzeitarbeitende oder Erwerbstätige, die eine Auszeit nehmen.

Rocco Baldinger: Der Totalbetrag, der über die gesamte Erwerbsspanne eingezahlt werden könnte, ist nicht zu tief. Der Schwachpunkt liegt bei den erwähnten Lücken. Dort muss die Politik ansetzen.

Zum Schluss: Wie zuversichtlich sind Sie, dass die genannten Probleme in den drei Säulen der Altersvorsorge Schweiz rechtzeitig gelöst werden können?

Markus Stierli: Die letzten Abstimmungen zur Altersvorsorge in der Schweiz haben gezeigt, dass Änderungen kaum mehrheitsfähig sind. Wieso? Rentner und Personen, die nahe am Pensionsalter stehen, möchten natürlich nichts ändern. Dabei wäre es in der Pensionskasse nur vernünftig, den Umwandlungssatz zu senken. Doch auch Erwerbstätige tragen den Entscheid mit. Das Problem muss also in Etappen gelöst werden.

Rocco Baldinger: Gleichzeitig gibt es aber auch von Rentnern Vorstösse in diese Richtung. Ein aktuelles Beispiel ist die Initiative «Vorsorge ja – aber fair», die in der beruflichen Vorsorge Rentenkürzungen erlauben will. Das weckt Hoffnungen für die Sicherung einer nachhaltigen und gerechten Altersvorsorge in der Schweiz.

Markus Stierli: Bei der AHV ist es eine mathematische Gewissheit, dass die Rechnung nicht aufgehen wird. Es braucht neue Finanzierungsmodelle. In der 2. Säule wird der Renditedruck durch die demografische Alterung immer grösser. Das zeigt: Die Herausforderungen sind gross. Erwerbstätige müssen heute Eigenverantwortung übernehmen, beispielsweise mit einer Säule 3a.

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