Investieren in Obligationen trotz tiefer Zinsen – ja oder nein?
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Altersvorsorge: Chance für eine mutigere Reform 

Die Vorlage zur Rentenreform 2020 hat an der Urne keine Mehrheit gefunden. Sie hat das zentrale Ziel einer nachhaltigen finanziellen Sicherung der Altersvorsorge nicht erfüllt. Der Reformdruck ist mit dem Volks-Nein gestiegen und es ist zu hoffen, dass das Parlament in der Lage sein wird, an die richtigen Aspekte der gescheiterten Vorlage anzuknüpfen und diese voranzutreiben. 

Das Schweizer Volk hat die Rentenreform 2020 am vergangenen Sonntag mit 52,7 Prozent Nein-Stimmen verworfen. Die verschiedenen politischen Fronten mögen das Verdikt auf ihre eigenen Argumente zurückführen und das Ergebnis für sich beanspruchen. Tatsache aber ist, dass diese Vorlage das zentrale Ziel einer nachhaltigen finanziellen Sicherung der Altersvorsorge nicht erfüllt, sondern dem Regelwerk bestenfalls etwas Luft verschafft hätte.

Der Versuch, erste und zweite Säule gemeinsam zu stabilisieren, mündete letzten Endes in eine überladene Vorlage, welche in ihren Auswirkungen für die Betroffenen schwierig abzuschätzen war und zahlreiche Mängel aufwies.

Rentenalter an Lebenserwartung anpassen

Dabei sind die demographischen Eckwerte und die daraus resultierenden Finanzierungsprobleme der Altersvorsorge seit längerem bekannt. Bereits heute gehört die Schweiz im internationalen Vergleich zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung, dem tiefsten gesetzlichen Rentenalter und somit einer der längsten Rentenbezugsdauern.

Ein Rentenalter von 67 Jahren ist heute vielerorts im OECD-Raum beschlossene Sache und Länder wie die Niederlande, Dänemark, Italien oder Grossbritannien haben sich dafür entschieden, das Rentenalter an die Entwicklung der Lebenserwartung zu koppeln. Gemessen an diesen Reformschritten hat sich die Schweiz einen erheblichen Rückstand eingehandelt.

Schon heute gibt die AHV mehr aus, als sie aus den Beiträgen der Versicherten, der Arbeitgeber und der öffentlichen Hand einnimmt. Projektionen zeigen, dass sich das Defizit ohne Gegenmassnahmen bis 2030 auf über 7 Milliarden Franken erhöhen wird. Ab 2031 wäre der AHV-Fonds aufgebraucht und die Bezahlung der laufenden Renten somit nicht mehr gesichert.

Gute Ansätze weiter verfolgen

Der Reformdruck ist mit dem Volks-Nein gestiegen und es ist zu hoffen, dass das Parlament in der Lage sein wird, an die richtigen Aspekte der gescheiterten Vorlage anzuknüpfen und diese voranzutreiben. Die Angleichung des Frauenrentenalters an dasjenige der Männer, die Senkung des Mindestumwandlungssatzes oder die Anpassung des Koordinationsabzugs an die neuen Erwerbsformen der modernen Arbeitswelt in der beruflichen Vorsorge zielten in die richtige Richtung, wenn auch zu zögerlich.

Andere Aspekte, wie die falschen Anreize bei der Flexibilisierung des Rentenalters, oder der nach dem Giesskannenprinzip verteilte AHV-Zuschlag von 70 Franken sollten hingegen fallen gelassen werden. Nach den ersten Reaktionen am Abstimmungssonntag ist zu schliessen, dass der nächste Reformanlauf voraussichtlich separate Vorlagen für die erste und zweite Säule bringen wird.

Die Chancen auf ein neues, konsensfähiges Paket würden steigen, wenn Politiker im Land den Mut aufbrächten, den Wählern reinen Wein einzuschenken und klar zu machen, dass die finanzielle Sicherung der Altersvorsorge nicht ohne Opfer zu haben ist. In einer Gesellschaft, die immer länger lebt, liegt dabei eine Option auf der Hand: die Heraufsetzung des Rentenalters.