TINA-Prinzip ist out. Prognosen für Weltwirtschaft 2019 sind gut.
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Alternativlos? TINA ist out – 2019 kann kommen

Das TINA-Prinzip (= There Is No Alternative) scheint out zu sein. 2019 wird ein interessantes Jahr für die Weltwirtschaft. Denn globale Divergenzen beim Wachstum sowie in der Geld- und Geopolitik dürften die Anleger vor Herausforderungen stellen.

Rückblick auf die Entwicklung der Weltwirtschaft

2017 führten ein global beschleunigtes Wachstum und die weltweit expansive Geldpolitik zu neuen Börsenrekorden. 2018 stiegen die Unternehmensgewinne zwar ebenfalls eindrücklich. Doch geo- und wirtschaftspolitische Spannungen zwischen den USA und China, ein multilateraler Handelskonflikt und politische Divergenzen in Europa haben die Anleger verunsichert. Schwellenländer waren in zweifacher Hinsicht betroffen: Zum einen wegen des Handelskonflikts und zum anderen wegen der Stärke des US-Dollars.

Während Europas politische Querelen eine Zinsnormalisierung verhinderten und den Euro schwächten, machte die Steuerreform in den USA im eigenen Land eine Leitzinserhöhung geradezu unumgänglich. Sie bewirkte, dass sich für US-Anleger erstmals seit zehn Jahren wieder eine risikolose Alternative zu Aktien bot. TINA (=There Is No Alternative), der seit 2008 geldpolitisch gewollte Anlagenotstand, scheint verschwunden zu sein – zum ersten Mal seit einer Dekade. Oder ist das TINA-Prinzip doch noch nicht ganz out?

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Das TINA-Prinzip scheint verschwunden

Historische Wertentwicklungen und Finanzmarktszenarien sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Ergebnisse.

Quelle: Bloomberg, Credit Suisse

Schwungrad der Weltwirtschaft verlangsamt sich

Wie soll es also weitergehen? Im Prinzip dürften sich manche der diesjährigen Entwicklungen zunächst fortsetzen: Gewinne werden steigen, aber langsamer. Das Schwungrad der Weltwirtschaft verliert also an Fahrt. Eine Erhöhung der Leitzinsen, zumindest in der ersten Jahreshälfte, wird wohl auf die USA beschränkt bleiben. Doch das sollte nicht zu voreiligen Schlüssen verleiten. Denn Börsen passen sich an veränderte Umstände sofort an.

Wenn beispielsweise die US-Notenbank die Zinsen noch zweimal erhöhen sollte, dann wird das die Märkte kaum bewegen, weil diese Entwicklung bereits zum grössten Teil in den Futures eingepreist ist. Und selbst langsameres Gewinnwachstum kann von Anlegern positiv aufgenommen werden, falls die Märkte zuvor Schlimmeres befürchtet hatten. Negative Bewertungs- und Gewinnrevisionen sind jüngst so stark ausgefallen wie zuletzt während der Eurokrise im Jahr 2011.

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Globale Gewinnprognosen wurden stark revidiert

Historische Wertentwicklungen und Finanzmarktszenarien sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Ergebnisse.
Letzter Datenpunkt: 19. November 2018

Quelle: Thomson Reuters Datastream, Credit Suisse

TINA-Prinzip ist in der Schweiz verbreitet

Das Prinzip TINA – die Annahme der alternativlosen Investition in Aktien – hat in Europa nach wie vor Gültigkeit. In der Schweiz liegen die Dividendenrenditen bei stolzen 3,5 Prozent, während die Leitzinsen negativ sind. Man könnte sich angesichts dieser Diskrepanz eigentlich fragen, worauf Anleger denn noch warten. Zudem relativiert diese Beobachtung auch die häufig geäusserte Behauptung, dass tiefe Leitzinsen oder expansive Notenbanken die Hauptstützen der letzten Aktienhausse gewesen seien.

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Schweiz wendet TINA-Prinzip an

Historische Wertentwicklungen und Finanzmarktszenarien sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Ergebnisse

Quelle: Bloomberg, Credit Suisse

TINA-Prinzip zeigte sich 2018 wenig hilfreich

Tatsächlich hat TINA dieses Jahr weder der Schweizer noch den europäischen Börsen viel geholfen. Europäische Pensionskassen halten trotz Anlagenotstand heute weniger Aktien als im Durchschnitt der letzten 50 Jahre. Und Notenbanken investieren zum grossen Teil in Anleihen, nicht in Aktien. Die Verdoppelung der SMI-Unternehmensgewinne während der letzten zehn Jahre erklärt die gleichzeitige Index-Verdoppelung und verweist weniger auf die Schweizerische Nationalbank. Sinngemäss gilt das auch andernorts: Der Kursanstieg von Apple, Amazon oder Google beispielsweise war weniger der Geldpolitik als ihrem überdurchschnittlichen Gewinnwachstum geschuldet. Des Weiteren stammte ein grosser Teil aller Aktienkäufe der letzten zehn Jahre nicht von Anlegern, sondern von Unternehmen, die ihre eigenen Aktien zurückgekauft hatten.

Ja, wir erwarten ein gutes Anlegerjahr 2019. Aber: Es wird auch ein «interessantes» Jahr werden –zwar ein positives, aber kein einfaches.

Burkhard Varnholt

Dies wirft die Frage auf, ob das «TINA-Syndrom», das für einen allgemeinen Anlagenotstand steht, vielleicht mehr ein psychologisches als ein geldpolitisches Phänomen ist? Das Trauma der Finanzkrise 2008 erklärt die subjektiv empfundene Not vieler Investoren besser als die vergleichsweise stumpfe Geldpolitik der letzten zehn Jahre. Doch Marktpsychologie kann sich ins Gegenteil kehren. Und das ist auch der Grund dafür, dass die Chancen für ein positiveres Jahr nach dem schlechten 2018 eben besser stehen als es heute scheinen mag. Ja, wir erwarten ein gutes Anlegerjahr 2019. Aber: Es wird auch ein «interessantes» Jahr werden –zwar ein positives, aber kein einfaches.