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10 Gründe wieso die USA und China den Handelskrieg meiden

In den Medien ist bereits vom Handelskrieg zwischen den USA und China die Rede. Laufend verkündet Donald Trump neue Zölle. Doch wie ernsthaft ist die Lage? Folgende zehn Gründe sprechen dafür, dass eine unkontrollierte Eskalation der aktuellen Handelsspannungen vermieden wird.

1. Mobiltelefone und Computer bilden den Löwenanteil amerikanischer Importe aus China.

Tarife auf diese Produkte wären fast ausnahmslos Steuern für amerikanische Konsumenten. Deshalb mobilisieren mögliche Zölle auf diesen Zwischenfabrikaten die einflussreiche amerikanische Technologie-Lobby, die darauf angewiesen ist.

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Technologie-Hardware bildet circa 60 Prozent der US-Importe aus China

US-Importe aus China; in Prozent vom Gesamten
Quelle: Credit Suisse

2. Amerikanische Unternehmen haben mehr als fünfmal so viel in China investiert wie chinesische in den USA.

Wenn sie ihre ausländisch gefertigten Zwischenprodukte plötzlich nicht mehr zollfrei in die USA einführen könnten, hätten amerikanische Unternehmen deutlich mehr zu verlieren als chinesische.

3. Agrar-Bundesstaaten wählen Republikaner.

Es ist kein Zufall, dass die EU und China 2003 und heute zunächst Zölle auf landwirtschaftliche Ausfuhren der USA erheben. Denn die im landwirtschaftlichen «Herzland» der USA regierenden Republikaner können darüber nicht erfreut sein. Sie zählen im noch jungen Handelsdisput zu den wirkungsvollsten Stimmen, die Washington zur Mässigung aufrufen.

2.7 %

der US-Importe aus China sind aktuell betroffen.

4. «Bellen statt beissen.»

Die USA streben eine Verringerung ihres Handelsbilanzdefizits mit China von gegenwärtig circa 370 Milliarden US-Dollar um etwa 100 Milliarden US-Dollar an. Doch die mit neuen Zöllen belegten Importe entsprechen «lediglich» 50 Milliarden US-Dollar. Das entspricht etwa 2.7 Prozent des gesamten amerikanisch-chinesischen Warenaustauschs. Es illustriert, weshalb das Risiko der Eskalation von einem «kalten» zu einem «heissen» Konflikt zwar in Kauf genommen wird, aber nicht gewollt ist.

US-Finanzminister Mnuchin betonte am jüngsten G20-Gipfel nochmals das Eintreten der USA für den freien Handel und die Welthandelsorganisation. Zugleich machte er klar, dass es seinem Land primär um reziproken, «fairen» Freihandel gehe – und keineswegs um eine Rückkehr zu einem Protektionismus, den niemand wünschen kann. Es dürfte kein Zufall sein, dass sein Ministerium China bislang noch nicht als «Währungsmanipulator» – eine Drohung des US-Wahlkampfes – gebrandmarkt hat.

5. Die USA wollen das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA neu verhandeln, es aber nicht verlassen.

Hätten die USA die NAFTA verlassen wollen, so hätten sie das mit präsidialem Dekret jederzeit tun können. Doch das scheint offensichtlich nicht im Interesse des White House zu sein. Vielmehr droht die US-Regierung damit, die Freihandelszone zu verlassen, um aus ihrer Sicht bessere Konditionen aushandeln zu können.

Wir halten an unserer mittelfristigen Anlagestrategie fest. Unsere Übergewichtung in Aktien überstand die jüngsten Stürme sehr gut.

Burkhard Varnholt, CIO Credit Suisse (Schweiz) AG

6. China zielt auf Deeskalation.

Pekings erste Vergeltungsmassnahmen betreffen nur Importe im Wert von drei Milliarden US-Dollar. Das ist vergleichsweise bescheiden, doch die Symbolik wirkt. Die Massnahmen machen deutlich, dass China seine Trümpfe kennt, aber vorderhand nicht ausspielt. Diplomatisch setzt Peking auf «Zuckerbrot und Peitsche»:

a. «Zuckerbrot»: China und die USA haben im letzten November chinesische Käufe amerikanischer Produkte im Wert von 250 Milliarden US-Dollar beschlossen. Auch die beabsichtigte Öffnung chinesischer Märkte für US-Unternehmen wurde vereinbart. Im Fall einer Annäherung könnte China diese Absichtserklärung beschleunigt umsetzen.

b. «Peitsche»: Im Fall einer ungewollten Eskalation besitzt China wesentlich mehr Möglichkeiten als bisher eingesetzt. China finanziert acht Prozent der amerikanischen Staatsschulden, könnte amerikanischen Unternehmen durch neue Regulierungen das Leben schwer machen und besitzt massgebliche geopolitische Trümpfe, nicht zuletzt für eine Lösung der belasteten Beziehungen zwischen den USA und Nordkorea.

7. Chinas wirtschaftspolitische Interessen haben sich verändert.

Die Volksrepublik hat ihren Handelsbilanzüberschuss in den letzten zehn Jahren bereits von zehn Prozent auf unter zwei Prozent des eigenen Wirtschaftsproduktes reduziert. Setzte China früher primär auf Export, so fördert es heute den Konsum und Kapitalimporte.

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Chinas Geschäftsmodell hängt nicht mehr stark von den USA ab

Chinas Leistungsbilanz in Prozent vom Bruttoinlandsprodukt
Quelle: Credit Suisse

8. «Gemässigte» Wirtschaftsberater.

Larry Kudlow, ehemaliger Chefökonom von Bear Stearns und TV-Wirtschaftsjournalist zählt zu den Befürwortern von Freihandel in der US-Administration. Guo Shuqing, sein chinesischer Vis-à-vis, ist angelsächsisch ausgebildet und gilt als pragmatischer Vertreter einer moderaten Position.

9. Handelsbarrieren treffen Güter, nicht Dienstleistungen.

Güter machen 80 Prozent des Welthandels, aber nur 12 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus. Dienstleistungen, der mit Abstand wichtigste Pfeiler der globalen Wirtschaftsleistung, sind vom Handelskonflikt nicht betroffen.

10. Auch 2003 siegte Kooperation über Konfrontation.

Als George W. Bush 2003 Zölle auf Stahl und Aluminium einführte, wurde seine Administration von der Heftigkeit der Reaktionen der Börsen, Handelspartner, der Welthandelsorganisation sowie amerikanischer, oft republikanischer Lobby-Gruppen überrascht. Dies trug dazu bei, dass ein «heisser» Konflikt vermieden, Konjunktur und Aktienmärkte sich erholen konnten.