Was kann das digitale Gesundheitswesen für China leisten?
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Was kann das digitale Gesundheitswesen für China leisten?

Gesundheitssysteme in aller Welt sind in den letzten Jahren aus dem Gleichgewicht geraten. Neben anderen Faktoren hat der demografische Wandel hin zu einer alternden Gesellschaft für die Meisten zu steigenden Kosten geführt. Kosten- und Kapazitätsprobleme können in der Regel durch gesteigerte Effizienz gelöst werden. Wie kann man also die Effizienz der globalen Gesundheitssysteme verbessern?

Weltweiter Bedarf an digitalen Gesundheitslösungen

Gesundheitssysteme in aller Welt sind in den letzten Jahren aus dem Gleichgewicht geraten. Neben anderen Faktoren hat der demografische Wandel hin zu einer alternden Gesellschaft für die Meisten zu steigenden Kosten geführt. Kosten- und Kapazitätsprobleme können in der Regel durch gesteigerte Effizienz gelöst werden. Wie kann man also die Effizienz der globalen Gesundheitssysteme verbessern? Der Einsatz von Technologie hat sich in anderen Bereichen wie Transport und Produktion bereits als wichtiger Faktor für Effizienzsteigerungen erwiesen. Somit bestehen gute Chancen, dass auch hier der Einsatz technologischer Lösungen eine Antwort auf die Herausforderungen im Gesundheitswesen sein könnte. Aufsichtsbehörden haben erkannt, dass technologiegestützte Lösungen dabei unterstützen können, ihrer Verpflichtung zur Bereitstellung eines effizienten und erschwinglichen Zugangs zur Gesundheitsversorgung nachzukommen. Sie gehören daher zu den stärksten Befürwortern des digitalen Gesundheitswesens. Letztendlich sollten der vermehrte Technologieeinsatz und die Nutzung der stetig wachsenden Datenmengen die Lebensqualität verbessern und zudem die Systeme stärker auf Vorsorge setzen, weg vom Hauptfokus auf Behandlungen. Wir bezeichnen diese Entwicklung als eine Verlagerung von der Krankenpflege hin zu einer sogenannten «Gesundheitspflege».

Chinas spezifische Herausforderungen

China leidet wie der Rest der Welt unter den steigenden Kosten seines Gesundheitssystems. Darüber hinaus hat das chinesische Gesundheitssystem einige landesspezifische Herausforderungen. Eines der Hauptprobleme ist dabei sicherlich die ungleiche Verteilung der Versorgungskapazitäten, bedingt dadurch, dass Chinas Bevölkerung über eine sehr grosse Landesfläche verteilt ist und viele Menschen in ländlichen Gebieten leben. Werden in Chinas dreistufigem Krankenhaussystem nur 8 % aller Krankenhäuser der Klasse III zugeordnet und haben damit Zugang zu Ressourcen auf höchstem Niveau. Die Tatsache, dass diese Klasse-III-Krankenhäuser, die sich hauptsächlich in den grösseren Städten befinden, 50 % aller ambulanten Behandlungen durchführen, stellt die ungleiche Verteilung augenscheinlich unter Beweis. Der Grossteil der Ressourcen ist in den grossen städtischen Zentren angesiedelt, währenddessen die Versorgung der ländlichen Gebiete äusserst dünn ausfällt. Dies geht einher mit anhin sehr langen Anreisen – bei stetig zunehmendem Verkehr, der die Grossstadtstrassen lahmlegt –, überfüllten Krankenhäusern in den Stadtzentren und allgemein langen Wartezeiten.

Smarte Geräte und KI-gestützte Technologie können bei der Vorsorge unterstützen und damit helfen, Krankheiten zu verhindern. Dies wiederum reduziert die landesweite Abhängigkeit von Klasse-III-Krankenhäusern in Grossstädten.

Yan Weiwu, Associate Professor of Automation an der Shanghai Jiao Tong University1

Hinzu kommt, dass der Zugang und die Erschwinglichkeit von Gesundheitsdienstleistungen in China immer noch relativ begrenzt sind. Angesichts des steigenden Anteils älterer Menschen über 60 Jahren sind ausreichende Kapazitäten im Gesundheitswesen von entscheidender Bedeutung.

Obwohl der Ausbau des digitalen Gesundheitswesens in China und dem Rest der Welt bereits angelaufen ist, machte die Adaptierung dieser bisher lediglich langsam Fortschritte. Doch inzwischen hat die Regierung den Handlungsbedarf erkannt und ist überzeugt, dass die Einführung weiterer Technologien eine Lösung zur langfristigen Verbesserung des chinesischen Gesundheitssystems darstellen kann. Das Gesundheitsministerium hat bereits Gespräche mit mehreren Unternehmen aus dem digitalen Gesundheitswesen geführt. Und die Staatliche Kommission für Gesundheitswesen und Familienplanung der Volksrepublik China hat damit begonnen, ein nationales Netzwerk für Telemedizin aufzubauen2. Darüber hinaus hat der Staatsrat der Volksrepublik China im April die Initiative «Internet Plus Healthcare» vorgestellt, die es medizinischen Einrichtungen ermöglicht, Onlinediagnosen für spezielle Krankheiten zu stellen und zudem andere Dienstleistungen zu erbringen.

Das Potenzial des digitalen Gesundheitswesens

Einerseits kann das digitale Gesundheitswesen die operative Effizienz des Systems steigern. Telemedizin- und Patientenfernüberwachungslösungen beispielsweise können den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen auf Menschen ausweiten, die in Regionen leben, in denen zuvor keine Versorgung verfügbar war.

Andererseits kann der Einsatz von Technologie vorhandene Produkte und Dienstleistungen verbessern, neue Handlungswege eröffnen und allgemein Gesundheitsversorgung zu einem vernünftigen Preis zugänglich machen.

Die Analyse medizinischer Untersuchungsergebnisse wie MRT (Magnetresonanztomografie)- und CT (Computertomografie)-Aufnahmen mithilfe immer besserer KI (künstliche Intelligenz) kann dazu beitragen, den Mangel an medizinischem Personal zu vermindern und die Genauigkeit der durchschnittlichen Ergebnisse zu verbessern. Ein gut ausgebildeter Arzt ist beispielsweise in der Lage, 800 von über 2000 Hautkrankheiten zu erkennen. Gut trainierte und mit hochwertigen Daten gefütterte Systeme können mithilfe künstlicher Intelligenz fast alle diagnostizieren3. Die gesteigerte Verfügbarkeit von Daten beflügelt den Fortschritt der digitalen Gesundheit. Manche nennen Daten gar das «neue Öl».

Es passiert bereits sehr viel – doch die lange Reise hat gerade erst begonnen

Die Verbesserung des Gesundheitssystems ist einer der Schwerpunkte des dreizehnten Fünf-Jahres-Plans der chinesischen Regierung4. Aus diesem Grund sind neue Initiativen, die die Versorgung mit Gesundheitsleistungen flächendeckend verbessern, tief in der Politik verankert und erhalten dort grosse Unterstützung. Die Hauptstadt des Landes hat zudem Rahmenbedingungen geschaffen, um solche Vorhaben zu ermöglichen. Derzeit arbeiten laut eines aktuellen Artikels in Techwire Asia über 130 Unternehmen an Projekten zum Einsatz von künstlicher Intelligenz im chinesischen Gesundheitswesen5. Umstände wie das grosse Marktvolumen, die starke Förderung durch Aufsichtsbehörden und Politik, der Handlungsdruck, die Verbrauchernachfrage und die lange Dauer, die der Umbau und die Erneuerung des Gesundheitssystems erfordern werden, lockt von Start-ups bis zu Mega-Caps Unternehmen aller Art und Grösse an. Das Ergebnis dieses immensen Engagements sind Projekte wie zum Beispiel die folgenden: intelligente Kliniken in ländlichen Gebieten, die Ferndiagnosen per Telemedizin ermöglichen und damit medizinische Kapazitäten leichter zugänglich machen; KI-gestützte medizinische Entscheidungshilfen, die Diagnoseergebnisse verbessern; oder technologiegestützte medizinische Geräte, die Diagnosetools zu einem deutlich geringeren Preis leichter verfügbar machen.

Die derzeit in der Entwicklung befindlichen Projekte und die bereits auf dem Markt vorhandenen Produkte zielen darauf ab, das chinesische Gesundheitssystem zu verbessern, indem sie neue Handlungswege anbieten. Das ermöglich eine Verschiebung des Schwerpunkts weg von Behandlung hin zur Prävention. Dank technischer Geräte wie Fitnesstracker, die es uns erlauben, unsere Gesundheitsaktivitäten zu überwachen und zum Beispiel ein EKG (Elektrokardiogramm – die Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Herzens) zu Hause oder unterwegs zu machen, kann jeder seine Gesundheit besser steuern. So können auch potenzielle Gesundheitsprobleme viel früher erkannt werden, und verhindert werden, dass Behandlungen erst dann durchgeführt werden, wenn es möglicherweise bereits zu spät ist. Die bessere Verfügbarkeit von Geräten zur Steuerung unserer Gesundheit spart dem Gesundheitssystem aller Wahrscheinlichkeit nach bereits einen Grossteil seiner Kosten und ermöglicht einen erschwinglicheren Zugang zu medizinischen Dienstleistungen in ländlichen Gebieten.

Einige notwendige Voraussetzungen

Neben der Schaffung eines geeigneten regulatorischen Rahmens ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Ausbau des digitalen Gesundheitswesens in China, dass die neuen Lösungen sicher sind – nur dann werden sie vom Markt angenommen. Es herrscht Einigkeit über die Tatsache, dass die Sicherheit sowohl aus technischer Sicht als auch beim medizinischen Ergebnis an erster Stelle steht. Ereignisse wie der WannaCry-Virus, der britische Krankenhäuser im Mai 2017 lahmlegte, fanden auch bei den chinesischen Akteuren des digitalen Gesundheitswesens grosse Beachtung. Sicherheitsfragen lassen die Arbeit der Aufsichtsbehörden wie einen Balanceakt wirken. Einerseits wollen sie technologiegestützten Produkten dabei helfen, sich auf dem Markt zu etablieren. Andererseits müssen sie gewährleisten, dass neue Produkte und Dienstleistungen auch sicher sind. Eine Vorschrift der Staatlichen Kommission für Gesundheitswesen und Familienplanung besagt beispielsweise, dass telemedizinische Dienstleistungen von medizinischen Einrichtungen durchgeführt werden müssen. Das schliesst automatisch alle «nicht qualifizierten» Unternehmen aus und verringert so das Risiko einer unqualifizierten Beratung6.

Fazit

Die Sterne für das digitale Gesundheitswesen in China stehen eindeutig gut, da A) ein Bedarf an neuen Lösungen besteht, die Kosten senken und die Qualität sowie den Zugang zu Gesundheitsleistungen verbessern, B) Politik und Aufsichtsbehörden, die normalerweise als Bremser disruptiver Entwicklungen gelten, sie vollumfänglich fördern, C) industrielle Stakeholder, einschliesslich der Verbraucher, davon profitieren und neuen Lösungen offen gegenüberstehen, und D) das Marktpotenzial gewaltig ist, wodurch genug Kapital kumuliert werden kann, um das Vorhaben letztendlich in die Realität umzusetzen. Die Tatsache, dass das Gesundheitssystem in China derzeit noch hauptsächlich von öffentlichen Krankenhäusern und Staatsunternehmen dominiert wird, sowie Bedenken bezüglich Datenschutz, Ethik und Verantwortung könnten die Adaption kurzfristig verzögern. Der Ausbau des digitalen Gesundheitswesens, das die Gesundheitsversorgung durch Technologie revolutionieren wird, hat gerade erst begonnen, wird noch geraume Zeit andauern und hat das Potenzial, sich erheblich auf die gesamte Branche auszuwirken.