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Die Zukunft des Lernens heisst EdTech

Weltweit befinden sich mehr als eine Milliarde Studierende und ihre Lehrkräfte in Quarantäne. Dies hat zu beispiellosen Experimenten mit Bildungstechnologie (EdTech) geführt, und das Interesse an diesem Sektor ist sprunghaft gestiegen.

Angesichts der Tatsache, dass «Home Learning» immer mehr zur Notwendigkeit wird, muss man sich zwei Fragen stellen: Sind innovative EdTech-Anwendungen ein grundlegendes Lernformat für die Zukunft? Und wie kann EdTech die Bildungsqualität weltweit massgeblich verbessern und die Bildungskosten reduzieren?

Die Stunde von Netflix

Das traditionelle Bildungssystem wurde aus den Angeln gehoben, die Stunde von Netflix ist gekommen. Leicht war der Übergang zur Online-Bildung nicht. Vielen Lehrkräften, Schulen und Universitäten – ganz zu schweigen von den Eltern – mangelte es für den effektiven Einsatz von EdTech an Kompetenz, Ausrüstung und Schulung. Das ändert sich aber gerade. Digitalisierung und die steigende Nachfrage nach neuen Kompetenzen und neuen Bildungswegen geben dem EdTech-Markt Auftrieb.

Seit März 2020 hat eine Welle von Bildungs-Apps und -Software sowie Hardware-Lösungen zur Unterstützung von «Remote Learning» – oft mit kostenlosem Zugang – weltweit Millionen neuer Nutzer erfasst. Die EdTech-Unternehmen, die all dies bereitstellen, können Anlegern kräftige Renditen bieten, indem sie Technologien einführen, welche die Lernerfahrung von Milliarden Studierenden in Industrie- und Schwellenländern erheblich verbessern – dies oft zu geringen Kosten.

Die Coronavirus-Pandemie hat die Einführung gemischter Bildungsmodelle beschleunigt, bei denen herkömmliche Lehr- und Lernmethoden mit EdTech-Lösungen kombiniert werden. Angesichts der Tatsache, dass Millionen von Menschen auf unbestimmte Zeit beurlaubt oder mit Abfindung dauerhaft entlassen wurden und die Arbeitslosigkeit entsprechend wächst, trägt EdTech mit Angeboten für Erwachsenenbildung und Weiterbildungskursen dazu bei, Arbeitnehmende fit für die Reintegration in den Arbeitsmarkt zu machen und ihre Wettbewerbsfähigkeit in Bezug auf neuartige Arbeitsplätze zu verbessern.

Die Notwendigkeit, Arbeitslose umzuschulen, ist grösser denn je, wenn diese schnell wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Online-Berufsausbildungen und der Zertifizierungssektor werden deshalb einen kräftigen Nachfrageschub erleben,

erklärt Dr. Kirill Pyshkin, Fondsmanager bei Credit Suisse Asset Management.

Wir rechnen für die Zukunft mit einer weltweit zunehmenden Nutzung von EdTech-Angeboten. Der Widerstand vieler Lehr- und Verwaltungskräfte gegen neue Technologien hat nachgelassen. Weltweit nehmen sich Schulen und Regierungen des Themas der digitalen Kluft an. Laptops und Tablets sind billiger geworden und damit besser verfügbar, und mit der Senkung der Breitbandkosten und dem Bestreben der Regierungen, unabhängig vom Familieneinkommen digitalen Zugang bereitzustellen, dürfte die Akzeptanz von EdTech enorm zunehmen.

Millionen von Studierenden schreiben sich ein

Der Absatz von Seesaw, einer App, die Studierenden die Möglichkeit gibt, ein digitales Portfolio ihrer Hausarbeiten anzulegen, hat sich innerhalb eines Monats nach den Schulschliessungen im März 2020 verzehnfacht und wächst weiter kräftig. Google Classroom, das Lehrkräften die Möglichkeit gibt, Unterrichtseinheiten und Materialien an ihre Studierenden zu verschicken, verdoppelte im März 2020 seine Nutzerzahl auf 100 Millionen. Weitere 50 Millionen Nutzer sind seitdem hinzugekommen. Die indische Online-Learning-App Byju’s, die sich an Schülerinnen und Schüler der Primar- und Sekundarstufe richtet, hat seit dem Lockdown 20 Millionen neue Nutzer gewonnen, und das Unternehmen hat kürzlich eine Finanzierungsrunde in Höhe von USD 500 Mio. abgeschlossen, wodurch seine Bewertung auf USD 10,5 Mia. angestiegen ist.

Im Oktober gab die führende chinesische Online-Bildungsplattform Yuanfudao bekannt, dass sie Mittel in Höhe von USD 2,2 Mia. aufgebracht hat, um ihre Bildungstechnologie weiter voranzutreiben. Die jüngste Finanzierungsrunde erhöht die Bewertung von Yuanfudao auf USD 15,5 Mia. Damit ist das Unternehmen das wertvollste EdTech-Start-up der Welt. Auch Zuoyebang, einer der Wettbewerber von Yuanfudao, startete Anfang des Jahres eine Finanzierungsrunde bei einer Bewertung von USD 10 Mia.

Einige EdTech-Unternehmen nutzen die Gelegenheit des EdTech-Booms für Börsengänge. Der Aktienkurs von iHuman Inc., einem führenden chinesischen Anbieter von Online-Edutainment für Kinder, legte an seinem ersten Handelstag an der New Yorker Börse um über 30 % zu.

In China verzeichneten Koolearn, GSX und Youdao – drei Anbieter von reinen Online-Nachhilfediensten – in den ersten drei Monaten des Lockdowns jeweils über zehn Millionen Anmeldungen für kostenlose Kurse. In den USA meldete das Unternehmen Chegg für das dritte Quartal 2020 einen Anstieg der Abonnenten seiner Online-Lernangebote um 69 %, und die grösste Online-Schule, K-12 Inc., verzeichnete im Vergleich zum Vorjahresquartal einen Abonnentenzuwachs von 49 % – den höchsten seit über zehn Jahren. Die Mehrzahl der Abonnenten waren Grundschulkinder, für die Social Distancing schwierig ist. Zwei Drittel der Schulen in den USA nutzen seit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus Newsela, eine App, die digitale Inhalte und Lernressourcen bereitstellt. EdTech gewinnt zunehmend Publikum. Umfragen zufolge sind 50 % aller Lehrkräfte in den USA der Meinung, dass Online-Lernen effektiv ist. Vor sechs Monaten lag dieser Anteil noch bei 38 %. 73 % der Studierenden in den USA gaben an, dass sie wegen des Coronavirus Online-Programme mit höherer Wahrscheinlichkeit in Erwägung ziehen werden.

Edutainment – Hightech-Bildung trifft auf Gaming

EdTech-Apps zeichnen sich durch hochwertige Videoinhalte und «Gamifizierung» aus – das Ganze nennt sich Edutainment –, wodurch Studierende länger am Ball bleiben. Künstliche Intelligenz und adaptive Lernalgorithmen ermöglichen personalisiertes Lernen, und in E-Schulbüchern können die Studierenden Text markieren, nach Stichwörtern suchen und zugehörige Videoinhalte ansehen.

Technologie befähigt auch Lehrkräfte. EdTech ist weniger eine Alternative zur traditionellen Bildung als vielmehr ein «Enabler», der Lehrkräften hilft, die Problembereiche von Schülerinnen und Schülern zu identifizieren, und begabte Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzt, ihre Begabung optimal zu nutzen.

EdTech als Rettungsanker

In Entwicklungsländern (und benachteiligten Regionen in Industrieländern), wo Schulen sehr schlecht ausgestattet sind, kann eine effektive EdTech-Implementierung ein Rettungsanker für Lehrpersonen sein, da sie auf diesem Weg ihren Unterricht verbessern und ein grundlegendes Bildungsniveau vermitteln können, was bisher nicht möglich war.

Die Coronavirus-Pandemie, so viele Todesopfer sie fordert und so hohen wirtschaftlichen Schaden sie anrichtet, hat auch einen unbeabsichtigten positiven Effekt: Sie hat die Akzeptanz von EdTech enorm beschleunigt und Lernenden aller Altersgruppen weltweit enorme Vorteile gebracht. Mit den zusätzlichen Ressourcen und dem hohen Anteil an Lehrenden und Lernenden, die nun offener für digitales Lernen sind, wird EdTech die Bildung, wie wir sie kennen, weiter transformieren.

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