News und Insights

Telemedizin nach COVID-19

Die Telemedizin sticht als eine der wenigen Branchen hervor, die von dem beispiellosen weltweiten Lockdown im Zuge der Corona-Krise während der ersten Jahreshälfte 2020 profitiert hat. 

Nun, da sich das Leben schrittweise wieder normalisiert, fragen sich viele Menschen, ob die während der Pandemie stark gestiegene Akzeptanz und Nutzung der Telemedizin in aller Welt anhalten wird, wenn das Virus einmal eingedämmt ist. Es ist nie einfach, das Tempo zu prognostizieren, mit dem sich das Verbraucherverhalten ändern wird. Dennoch möchten wir hier das Konzept der «Telemedizin als virtuelle medizinische Grundversorgung» erörtern und die Frage aufwerfen, ob die Beschleunigung der Triage dank telemedizinischer Lösungen im Gesundheitswesen sich nun flächendeckend verbreiten sowie effizient umgesetzt und strukturell verankert werden könnte.

Komfort und positive Nutzererfahrungen fördern die frühzeitige Einführung

Die Opportunitätskosten, die mit dem Besuch eines Arztes in der Praxis verbunden sind, sind für viele Menschen eine Belastung. Laut Datenerhebungen, die im «American Journal of Managed Care» veröffentlicht wurden, hatten Patienten in den USA im Jahr 2015 für einen 20-minütigen Arzttermin im Schnitt 37 Minuten Fahrzeit und 64 Minuten Wartezeit in der Praxis.2

Der potenzielle Vorteil des höheren Komforts scheint offensichtlich, doch telemedizinische Konsultationen wurden erst mit dem Siegeszug der Smartphones vermehrt genutzt, da die Verwendung von Bildern und Videos die Zuverlässigkeit der Diagnosen deutlich gesteigert und somit die virtuelle Konsultationserfahrung für Patienten allgemein verbessert hat. Sowohl Forscher als auch führende Branchenvertreter verweisen auf hohe Zufriedenheitswerte unter Nutzern digitaler medizinischer Angebote, die die besseren Ergebnisse, Unkompliziertheit, geringe Kosten, verbesserte Kommunikation und den Wegfall der Fahrzeit lobend erwähnten.3

Einer Studie der Harvard Medical School zufolge stieg der Einsatz von Telemedizin in der breiten, kommerziell versicherten Bevölkerung von 0,02 Konsultationen pro 1000 Versicherte im Jahr 2005 auf 6,57 Konsultationen 2017.4

Weltweiter Anstieg der Nutzerzahlen erhöht Bewusstsein

Während des Coronavirus-Ausbruchs in China Anfang 2020 erlebten die führenden lokalen Anbieter telemedizinischer Lösungen – Ping An Good Doctor, Alibaba Health und WeDoctor – rasant steigende Nutzerzahlen. Ping An Good Doctor wurde insgesamt 1,11 Milliarden Mal aufgerufen und die Zahl neuregistrierter Nutzer wuchs um das Zehnfache5, während die Gesamtzahl aktiver Nutzer des Gesundheitsangebots von Alibaba im ersten Quartal 2020 390 Millionen erreichte6. Dank seiner 1500 festangestellten Ärzte konnte Ping An Good Doctor darüber hinaus kostenfrei telemedizinische Leistungen anbieten, um jene Menschen zu unterstützen, die in der Krise am stärksten darauf angewiesen waren.

Als die Pandemie sich in den USA ausbreitete, stiegen die Gesamtaufrufe von Teladoc im ersten Quartal 2020 über die zwei Millionen Marke. Dies entspricht einem Zuwachs von fast 90 % gegenüber dem Vorjahr. 60 % der Besucher riefen die Seite zum ersten Mal auf und hatten Fragen zu möglichen COVID-19-Symptomen, gefolgt von Konsultationen in den Bereichen Dermatologie und psychischer Gesundheit.7

Mit den steigenden Nutzerzahlen verbreitete sich dank Mundpropaganda, Presse und sozialen Medien auch das Wissen um die Vorteile der Telemedizin, was wiederum die Nutzerzahlen weiter in die Höhe schnellen liess.

Die Krise könnte einen Wendepunkt in Bezug auf Deregulierung auslösen

Die politischen Entscheidungsträger haben lange gezögert, der Telemedizin denselben Status einzuräumen wie persönlichen Arztbesuchen. Begründet wurde dies unter anderem mit der Sorge um Fehldiagnosen oder Verschreibung ungeeigneter Medikamente. Bis heute werden digitale Konsultationen in vielen US-Bundesstaaten nicht mit demselben Satz vergütet wie ein persönlicher Arztbesuch. In Japan dürfen erstmalige Arztbesuche nicht als Online-Konsultation durchgeführt werden, und die chinesische Regierung hat erst im September 2019 Vorgaben für die Erstattung telemedizinischer Leistungen im nationalen Versicherungswesen erlassen.

Diese Einschränkungen wurden während der Pandemie rasch vorübergehend oder dauerhaft aufgehoben. Besonders hervorzuheben ist, dass die US-Behörde «Centers for Medicare & Medicaid Services» seit März 2020 die Erstattung von Medicare Leistungen (Medicare ist die staatliche Versicherung für Senioren) auf die Telemedizin ausgeweitet hat und die japanische Regierung die Durchführung erstmaliger Konsultationen online gestattet hat.

Wir glauben, dass diese Erfahrung die politischen Entscheidungsträger dazu veranlassen wird, die Integration der Telemedizin in das allgemeine Gesundheitswesen nachdrücklicher zu verfolgen um das Potenzial der Digitalisierung, die Senkung der Gesundheitskosten ohne Abstriche bei Patientenzufriedenheit, vermehrt auszuschöpfen. Bereits die Einsparungen durch niedrigere Fixkosten und den geringeren Verwaltungsaufwand für Arztpraxen bieten eine beachtliche Ausgangslage. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass diese Einsparungen letztlich in Form geringerer Zuzahlungen und Selbstbehalte an die Patienten weitergereicht werden, also schlussendlich zu einer bezahlbareren Gesundheitsversorgung führen.

Von der Akutversorgung zur «virtuellen Grundversorgung»

In den letzten zehn Jahren hat der Hausärztemangel in den USA für Patienten zu sehr viel längeren Terminwartezeiten geführt. Einer Studie von 2017 zufolge mussten Patienten in US-Grossstädten durchschnittlich 24 Tage auf eine Erstkonsultation bei einem Arzt warten.8 Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Online-Konsultation beträgt dagegen in der Regel unter zehn Minuten. Folglich ist die virtuelle Gesundheitsversorgung ein naheliegender Ersatz für eine persönliche Konsultation – besonders für Patienten mit dringenden Beschwerden. Jedoch erleben wir jetzt eine spannende Entwicklung weg von diesem ursprünglichen Verwendungszweck.

Die virtuelle Verhaltensmedizin hat in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs erlebt, da die lang andauernde und wiederkehrende Natur der entsprechenden Krankheiten sie für Online-Konsultationen geradezu prädestiniert. Wichtige Akteure in diesem Bereich bieten mittlerweile Monatspakete für unbegrenzte Online-Konsultationen im Bereich der psychischen Gesundheit an, die Text-, Audio- und Videolösungen umfassen und bisher sehr positives Feedback erhalten haben. Das Potenzial scheint beträchtlich, da auf dem Gesundheitsmarkt für psychische Störungen allein in den USA ca. 24 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet werden und der Online-Anteil nach wie vor gering ist.

Alternate text

Abbildung 1. Gesamter Zielmarkt für aktuelle und potenzielle telemedizinische Behandlungen

Quellen: Agency for Healthcare Research and Quality, 2012. Charles R, Zachary W, James A, Initiierung: First in the water, catching the rising tide of telehealth, 10. Juli 2015, Seite 19, Cowen and company.

Ein weiterer, vielversprechender Bereich ist die Kombination aus Fernüberwachung und Telemedizin zur Verbesserung der Prävention. Innovationen wie das Diabetes- und Herz-Rhythmus-Management per Fernzugriff haben sich als sichere, zeitsparende und kosteneffiziente Lösung mit hoher Patientenzufriedenheit erwiesen.9 Die Demokratisierung dieser Lösungen könnte sehr vorteilhaft sein, wenn man bedenkt, dass ein beachtlicher Anteil der globalen Bevölkerung an langfristigen chronischen Krankheiten leidet. Die Situation in den USA ist alarmierend: Nahezu jeder dritte Erwachsene hat keinen Hausarzt und 60 % der Bevölkerung leiden im Laufe des Lebens an mindestens einer chronischen Erkrankung.10 11

Unter virtueller medizinischer Grundversorgung («Virtual Primary Care», VPC) wird ein umfassendes Angebot verstanden, das die Notfallversorgung, Verhaltensmedizin, psychische Gesundheit, das Management chronischer Erkrankungen und andere spezialisierte Angebote wie die telemedizinische Versorgung durch Kinderärzte umfasst – jeder Patient erhält eine massgeschneiderte Lösung für seinen aktuellen Lebensabschnitt.

Einige innovative Angebote sind bereits auf dem Markt erhältlich. So hat MDLive im Januar 2020 in Kooperation mit Cigna eine Plattform für virtuelle medizinische Grundversorgung eingerichtet, um den Zugang für Patienten zu medizinischen Angeboten zu verbessern. 

MDLIVE, die Plattform für die virtuelle medizinische Grundversorgung, wird es Krankenversicherungen und Gesundheitssystemen erleichtern, sich von einer reaktiven Versorgung abzuwenden und stattdessen ein Gesundheitsmanagement und eine Versorgung anzubieten, die stärker proaktiv und prädiktiv ausgerichtet sind. Unsere Zusammenarbeit mit Cigna ist Ausdruck unseres gemeinsamen Ziels: Wir wollen die Gesundheitsversorgung von morgen auf den Weg bringen – und die beginnt online,

Rich Berner, Chief Executive Officer von MDLIVE kommentiert.12

Doctor On Demand, ein weiterer, führender Telemedizin-Anbieter in den USA, bietet gemeinsam mit Humana eine neue Krankenversicherung an, bei der die virtuelle medizinische Grundversorgung im Mittelpunkt steht und mit erheblich niedrigeren Monatsbeiträgen einhergeht. 

Wenn wir die über 300 Millionen Einwohner der USA versorgen wollen, kommen wir an einem virtuellen Zugang nicht vorbei,

CEO Hill Ferguson kommentiert.13

Am anderen Ende des Spektrums könnten VPC-Plattformen den Patienten ein intelligentes Überweisungssystem bieten, indem sie Kontakt zu einem spezialisierten Kompetenzzentrum an einem beliebigen Ort im Land herstellen – unabhängig vom Wohnort des Patienten. Dies würde erfordern, dass die Plattform in das allgemeine lokale Gesundheitssystem integriert wird. Durch die Schaffung eines regen Daten- und Analysenaustausches wäre der VPC-Anbieter dann in der Lage, eine bessere "Bevölkerungsgesundheit" zu bieten und letztlich die Kosten der medizinischen Grundversorgung zu senken.

Unseres Erachtens nach ist es durchaus denkbar, dass durch VPC-Plattformen eine langfristige Beziehung zwischen Patienten und Ärzten im Bereich der virtuellen Grundversorgung entsteht, bei der die elektronische Patientenakte, Termine und Zahlungsverlauf an einem zentralen Ort verfügbar sind.

Wer wird zu den Gewinnern gehören?

In allen verbrauchernahen Online-Geschäftszweigen ist Traffic die Hauptvoraussetzung für den Erfolg – auch bei Online-VPC wäre dies nicht anders. Sollte die virtuelle medizinische Grundversorgung tatsächlich zum ersten Anlaufpunkt bei der Massenversorgung werden, werden unserer Auffassung nach jene Anbieter zu den Gewinnern zählen, die zu diesem Zeitpunkt über einen starken, bei Verbrauchern bekannten Markennamen verfügen, der Vertrauenswürdigkeit vermittelt, und die sich auf reibungslos funktionierende Benutzererfahrungen stützen.

Die VPC-Plattform sollte zudem mit den weiteren IT-Systemen des jeweiligen Gesundheitssystems kompatibel sein, reibungslose Datenströme ermöglichen und gleichzeitig im Einklang mit den Datenschutzbestimmungen der unterschiedlichen Rechtssysteme stehen. Daher dürften unserer Überzeugung nach Unternehmen, die bereits in der Vergangenheit auf Digitalisierung und cloudbasierte Anwendungen gesetzt haben, im Vorteil sein.

Nicht zuletzt müssten potenzielle Gewinner starke Verkaufskompetenzen gegenüber den verschiedenen Interessensgruppen des Gesundheitssystems aufweisen, d. h. gegenüber Arbeitgebern (im Falle der USA), Zahlungspflichtigen, Anbietern und Verbrauchern.

Weltweite Anwendbarkeit in den unterschiedlichen Gesundheitssystemen

Das US-Gesundheitssystem ist einzigartig. Die meisten Länder der Welt setzen heute auf eine Gesundheitsversorgung, die auf einer Kombination aus einer Einheitskasse und hybriden (privaten und/oder staatlichen) Anbietern setzt. Wir sind jedoch überzeugt, dass sich das VPC-Modell auch für Länder mit Einheitskasse oder mit eingeschränkter persönlicher Grundversorgung – etwa China – eignet, in denen ein Mangel an Hausärzten herrscht. Im Falle Japans, wo die meisten Kliniken noch auf der Grundlage von Papier und Fax organisiert werden, ermöglicht die Telemedizin Gesundheitsversorgern den Sprung ins digitale Zeitalter mithilfe elektronischer Patientenakten auf «Software as a Service»(SaaS)-Basis und macht lokal hinterlegte Patientenakten überflüssig.

Gleichzeitig gibt es immer mehr Anbieter in den öffentlichen und privaten Gesundheitssystemen, die aktiv den Dialog mit grossen Telemedizin-Anbietern suchen, entweder als Quasi-Outsourcing-Modell oder im Rahmen von Technologie-Lizenzen.

Risiken

  • Kein Kapitalschutz: Anleger können den in dieses Produkt investierten Betrag ganz oder teilweise verlieren.
  • Politische Entwicklungen betreffend den Gesundheitssektor könnten sich in erheblichem Masse negativ auf den Digital-Health-Sektor auswirken.
  • Das Engagement in Small und Mid Caps kann zu einer höheren kurzfristigen Volatilität führen und Liquiditätsrisiken in sich bergen.
  • Aufgrund des Schwerpunkts auf hoch innovative Unternehmen kann die Volatilität deutlich erhöht sein.
  • Aktienmärkte können volatile sein, besonders kurzfristig.

Haben Sie Fragen?

Kontaktieren Sie uns