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Putting a message behind the picture

Die Menschheit steht vor akuten ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Yann Arthus-Bertrand vertraut auf die Kraft der Fotografie, um Veränderungen herbeizuführen. Seine Stiftung GoodPlanet fördert Ökologie und Solidarität und engagiert sich in Projekten, die Nachhaltigkeitsbestrebungen weltweit unterstützen. Im Interview mit Scope erklärt er, welchen Beitrag Einzelpersonen wie auch die Gesellschaft leisten müssen, um den Planeten Erde für künftige Generationen zu bewahren.

Herr Bertrand, betrachten Sie Ihre Fotografie als Kunst oder als Mission?

Meine Fotografie soll das öffentliche Bewusstsein für Umweltthemen und Umweltschutz schärfen. Anders ausgedrückt möchte ich mit meiner fotografischen Arbeit Ökologie und Humanismus ins Rampenlicht rücken, um die Menschen zu ermutigen, wirklich etwas für die Erde und ihre Bewohner zu tun. Meine gesamte fotografische Arbeit ist für Schulen, Vereine oder Nichtregierungsorganisationen kostenlos. Ausserdem hoffe ich, dass sich meine Fotografie für eine neue Generation zu einer Art Erbe entwickelt, auch wenn sich die Erde durch den sich ausbreitenden Kapitalismus jedes Jahr stark verändert.

Zu Beginn Ihrer fotografischen Arbeit wollten Sie offenbar in erster Linie die Schönheit unserer Welt zur Geltung bringen.

Das stimmt, doch nach mehreren Reisen und Treffen mit zahlreichen Wissenschaftlern erkannte ich, dass man jedes Bild mit einer Botschaft verbinden muss.

Würden Sie manchmal lieber auf einem anderen Planeten leben?

Nein, überhaupt nicht. Ich liebe die Erde und glaube nicht, dass die Erforschung des Mars oder anderer Planeten dazu beiträgt, die aktuellen Probleme auf unserem Planeten zu lösen. Wir sollten uns zuerst auf unsere Umwelt konzentrieren und lernen, sie zu respektieren. Meiner Meinung nach respektieren wir unsere schöne Flora und Fauna zu wenig.

Die globalen Herausforderungen für die Zukunft unserer Kinder sind enorm. Wie können Anleger positiv Einfluss nehmen?

Meiner Wahrnehmung nach haben die Anleger begonnen, Anlageentscheidungen anders zu treffen. Erstens bemühen sie sich zunehmend, sozial verantwortlich zu investieren. Diese Initiative sollte natürlich in Zukunft weiter ausgebaut werden. Ausserdem halte ich es für wichtig, sich stärker zu beschränken, also beispielsweise nicht in Waffenhersteller oder Ölgesellschaften zu investieren. Ich weiss, dass sich die Anleger zunehmend dieser Themen bewusst werden, und das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft.

Auch wenn das kapitalistische Wirtschaftsmodell unsere Umwelt zerstört, sollten wir es nutzen, statt es anzuprangern. Deshalb arbeite ich mit Total und anderen grossen Unternehmen zusammen, um positive Veränderungen für die Umwelt zu bewirken.

Sie sind der Gründer von GoodPlanet. Was macht diese Organisation anders oder einzigartig?

Unsere Stiftung unterscheidet sich tatsächlich nicht so sehr von anderen Umweltorganisationen, aber einige unserer Aktionen können definitiv als einzigartig betrachtet werden. So haben wir in Paris einen öffentlichen Raum geschaffen, welcher der Ökologie und Solidarität gewidmet ist und jedermann offensteht. Die Fondation GoodPlanet hat sich in der Domaine de Longchamp in Paris niedergelassen. Wir haben dort eine «grüne Blase» mit freiem Eintritt eingerichtet, in der die Besucher in Gesprächen und Begegnungen eine fruchtbare, positive Form einer solidarischen Ökologie erleben können.

Was beinhaltet dieses Erlebnis im Einzelnen?

Neben den Dauerausstellungen veranstaltet die Fondation GoodPlanet jedes Wochenende zwei Thementage zu ökologischen, sozialen und solidaritätsbezogenen Fragen. Von Bionahrung bis Kernkraft, von Pressefreiheit bis zu Flüchtlingen und von der Honigernte bis zu ethischer Mode werden alle Themen von heute, von den interaktivsten bis zu den kritischsten, in der Domaine de Longchamp ins Rampenlicht gerückt.

Unsere Stiftung arbeitet auch umfassend mit Schulen zusammen. Vor Kurzem haben wir Plakatsets zu den 17 UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung an alle 80’000 Schulen in Frankreich verschickt.

Unter anderem unterstützt die Fondation GoodPlanet Unternehmen und Institutionen bei der Einführung ökologisch verantwortlicher Ansätze. Könnten Sie beschreiben, wie die Stiftung dabei vorgeht?

Unsere Stiftung ist auf CO2-Kompensation spezialisiert. Mithilfe von Biogasspeichern kompensieren wir die CO2-Emissionen mehrerer grosser Unternehmen. Zum Beispiel kompensieren wir mit 7’000 im Bau befindlichen Speichern sämtliche von Total gebuchten Geschäftsflüge. Ein Biogasspeicher ist ein Behälter, in dem organische Abfälle (Tierexkremente, Lebensmittelabfälle usw.) durch Bakterien über einen Gärungsprozess, der als Kochgas verwendbares Methan produziert, anaerob abgebaut werden. Jeder Speicher setzt auch Rückstände frei, die als Naturdünger verwendet werden können, um chemische Produkte zu ersetzen. So tragen diese Speicher dazu bei, die Lebensbedingungen von Bevölkerungen zu verbessern sowie die Entwaldung und den Treibhausgasausstoss zu reduzieren.

Wo werden diese Speicher gebaut?

Sie werden in Entwicklungsländern gebaut. In Indien zum Beispiel kostet ein von der Fondation GoodPlanet und ihrem Partner SKG Sangha installierter Familienspeicher EUR 450 und ersetzt vier Tonnen Holz pro Jahr. Das bedeutet fünf Tonnen CO2 pro Jahr. Das Projekt läuft in sechs Distrikten (Jabalpur, Naramahpur, Madla, Chindwara, Seoni und Balaghat) im Bundesstaat Madhya Pradesh. 

Es hat vier Ziele:

  • durch den Bau und die Instandhaltung inländischer Biogasanlagen eine nachhaltige Energieversorgung zu entwickeln;
  • die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen von Bevölkerungen zu verbessern;
  • das Projekt durch freiwillige CO2-Kompensation zu finanzieren und
  • eine alternative Landwirtschaft durch die Verwendung von Gärrückständen zu fördern.

Um diese Ziele zu erreichen, haben wir Familien in Not ermittelt, zukünftige Nutzer geschult und präzise Follow-up-Protokolle erstellt.

GoodPlanet fördert Projekte mit dem Ziel, durch freiwillige CO2-Kompensation finanzierte erneuerbare und nachhaltige Energie verfügbar zu machen. Reicht der auf Freiwilligkeit basierende Ansatz aus, um unsere Energiestrategie dauerhaft zu ändern?

Ja, ich glaube schon. Ich finde es beschämend, wenn wir die Umweltauswirkungen unseres Verhaltens ignorieren. Zum Beispiel sollte sich jeder Flugpassagier darüber Gedanken machen, wie viel CO2 durch seinen Flug entsteht. Meiner Meinung nach sollten wir alle viel weniger fliegen und bei jedem Flug die damit verbundenen CO2-Emissionen kompensieren.

Wie vorhin erwähnt, kompensiert unsere Stiftung CO2-Emissionen durch Biogasspeicher. Man kann sie aber auf viele andere Weisen kompensieren, beispielsweise indem man Bäume pflanzt.

Allerdings muss dieser auf Freiwilligkeit beruhende Ansatz von Einzelpersonen durch Unternehmen und Institutionen unterstützt werden, um eine breitere Wirkung zu erzielen.

Auf welche Ihrer vielen Auszeichnungen und Ehrungen sind Sie besonders stolz? Warum?

Zwölf Schulen in Frankreich tragen heute meinen Namen. Ich glaube, eine grössere Anerkennung könnte ich mir gar nicht wünschen. Ich wäre sehr stolz, wenn meine Arbeit zu weltweiten Massnahmen zur Veränderung der Welt anspornen würde. Ich sehe aber nicht die jüngere Generation in der Verantwortung. Massnahmen müssen von den Regierungen, Unternehmen und Institutionen der weltweit führenden Länder heute ergriffen werden.

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