Infrastruktur: Enorme Chancen in den USA
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Infrastruktur: Enorme Chancen in den USA

Nach mehr als einem Jahrzehnt mangelnder Investitionen in Infrastruktur sehen viele Staaten sich mit der Tatsache konfrontiert, dass sich diese Investitionslücke auf ihr BIP-Wachstum auswirken und heikle Situationen schaffen könnte.

Zudem sorgen technische Fortschritte wie elektrische oder fahrerlose Fahrzeuge, Smart Grids und erneuerbare Energien für steigenden Investitionsbedarf. Unter den wichtigsten Industrieländern haben allen voran die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren viel zu wenig in ihre Infrastruktur investiert. Die ASCE (American Society of Civil Engineers) hat prognostiziert, dass die mangelnden Infrastrukturinvestitionen jeden amerikanischen Haushalt 9 US-Dollar pro Tag kosten.1  Es scheint, als befänden sich die Vereinigten Staaten an einem Wendepunkt. In attraktiven Anlagebereichen für Privatkapital haben die Investitionen in Infrastruktur bereits zugenommen, etwa im Kommunikations- und Energiebereich. Dagegen hinkt man in der Transportinfrastruktur, einem der am stärksten unterinvestierten Bereiche, aufgrund der Abhängigkeit von Entscheidungsprozessen auf Bundesebene, von Mittelzuweisungen und komplizierten Genehmigungsverfahren nach wie vor hinterher. Der Grossteil neuer Investitionen dürfte weiterhin mit Privatkapital getätigt werden, während sich die Politik auf den Abbau und die Verschlankung von Verordnungen konzentriert. In diesem Thematic Insight werfen wir einen Blick auf den Zustand der amerikanischen Infrastruktur im Allgemeinen und der US-Kommunikationsinfrastruktur im Speziellen – einem der Bereiche, in dem das Investitionsniveau bereits steigt.

The Net is the new underlying infrastructure for civilization itself

David «Doc» Searls2
(Amerikanischer Technologieautor und -blogger)

Wie gross ist die Lücke?

Eine unzureichende Infrastruktur wirkt sich negativ auf die Wirtschaft aus. Verstopfte Strassen und Flughäfen verlängern die Reisezeiten, was zu höheren Kosten führt. In ähnlicher Weise verringert sich die Produktivität, wenn kein Strom oder kein sauberes Wasser verfügbar ist. Letztendlich führen steigende Kosten und sinkende Produktivität zu einem rückläufigen BIP und wirken sich negativ auf Beschäftigung und Einkommen aus. Die ASCE schätzt, dass die mangelnden Infrastrukturinvestitionen für jeden amerikanischen Haushalt einen Verlust von 3’400 US-Dollar jährlich an verfügbarem Einkommen bedeutet. Auch die Schätzung für Unternehmen fällt prekär aus. Wird die Investitionslücke nicht bis 2025 geschlossen, wird der ASCE zufolge das amerikanische BIP um vier Billionen US-Dollar zurückbleiben und rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze wären gefährdet.3

Der Landverkehr ist mit einer Investitionslücke von über 1,1 Billionen US-Dollar eindeutig der am stärksten unterinvestierte Infrastrukturbereich der USA. Die staatliche Benzinsteuer, die als Hauptfinanzierungsquelle für den Bau und die Reparatur von Strassen und Brücken dient, wurde seit 1993 nicht erhöht. Das Verhältnis der Steuereinnahmen zu den gefahrenen Kilometern sinkt seit Jahren und das Volumen der öffentlichen Investitionen hat seinen Tiefstand seit Jahrzehnten erreicht. Laut ASCE weisen 56’000 Brücken und 20 % aller Strassen in den USA Baumängel auf oder befinden sich in schlechtem Zustand.4

Die negativen Auswirkungen der rückläufigen Benzinsteuereinnahmen sind umso bedenklicher, da Neubau-Investitionen traditionell aus dem Bundesbudget finanziert werden. Seit der Finanzkrise sind die Infrastrukturausgaben des Bundes nach Abzug von Wertminderungen negativ. Indes haben die Bundesstaaten und Kommunen, die früher für die Wartung und den Betrieb zuständig waren, seit 2013 ihre Investitionen gesteigert. In dem Masse, in dem die Bundesstaaten im Bereich Neubau-Investitionen an Bedeutung gewinnen, werden auch öffentlich-private Partnerschaften (Public Private Partnerships, PPP) eine zunehmend grössere Rolle bei der Finanzierung und Betrieb neuer Projekte spielen. Bei der Finanzierung ihrer Infrastruktur durch PPP hinken die USA anderen Ländern deutlich hinterher. Schätzungen von Goldman Sachs zufolge entfiel 2016 lediglich etwa 0,05 % des US-amerikanischen BIP auf PPP. Zum Vergleich: In den anderen 16 Ländern, die untersucht wurden, lag der Durchschnittswert bei 0,6 %. Eine Steigerung der PPP-Investitionen innerhalb der nächsten zehn Jahre auf diesen Durchschnittswert würde den USA 411 Milliarden US-Dollar an zusätzlichen Investitionen bringen. Kanada und Australien beispielsweise finanzieren 15–20 % ihrer Infrastrukturinvestitionen über PPP, und Kolumbien verzeichnete 2016 insgesamt 6 Milliarden US-Dollar an PPP-Investitionen (USA: 9 Milliarden US-Dollar), wobei das kolumbianische BIP allerdings gerade einmal 2 % des US-BIP ausmacht. Diese Zahlen vermitteln einen guten Eindruck von dem Potenzial, das in PPP-Vereinbarungen angesichts der zunehmenden Verlagerung der Infrastrukturausgaben vom Bund auf die Bundesstaaten steckt.5

Langwierige Genehmigungsverfahren sind eine weitere Hürde für Investitionen. Die Einholung der Umweltgenehmigung für ein Strassenneubauprojekt dauert im Schnitt zehn Jahre. In den 1980er-Jahren lag die durchschnittliche Zeit bis zur Genehmigung bei rund zwei Jahren. Längere Genehmigungsverfahren bedeuten höhere Kosten und geringere Rendite. Zudem steigen die Kosten häufig auf mehrere Millionen Dollar, was das Risikoprofil der Projekte deutlich erhöhen kann. Auf eine langwierige Überprüfung folgt vielmals eine Umweltschutzklage, die in einem jahrelangen Rechtsstreit münden kann. Von Präsident Trumps Infrastrukturprogramm wird erwartet, dass es Vorschläge zur regulatorischen Entlastung beinhaltet. Ziel wäre die Verkürzung der Genehmigungsdauer auf zwei bis fünf Jahre und verbesserte Transparenz im regulatorischen Prozess.

Wachstumsbereiche

Trotz der schwierigen Finanzierungs- und Genehmigungssituation gibt es im US-amerikanischen Infrastruktursektor bereits Wachstumsbereiche. Treiber dieses Wachstums sind in der Regel entweder starke Nachfrage als Anreiz für neue Investitionen oder durch Unterinvestition entstandene Gefahrensituationen. Als Beispiel werfen wir einen Blick auf die Kommunikationsinfrastruktur, wo unter Anderem das starke Wachstum an Datenmengen für den Investitionsanstieg verantwortlich ist. Im Gegensatz zur Energie-, Verkehrs- und Wasserinfrastruktur, die bereits seit vielen Jahren bestehen, ist die Kommunikationsinfrastruktur ein neues Segment, das stark technologiegetrieben ist und sich deshalb rasant entwickeln wird. Schätzungen zufolge werden zwischen 2016 und 2030 etwa 8,3 Billionen US-Dollar an Investitionen in die Kommunikationsinfrastruktur benötigt.6

Kommunikationsinfrastruktur – getrieben von Daten

Die Aussichten für Investitionen in Kommunikationsinfrastruktur sehen, bedingt durch den massiven Anstieg des drahtlosen Datenverkehrs, für die kommenden zehn Jahre äusserst vielversprechend aus. Das Internet der Dinge, Cloud Computing, zentralisierte Daten – sie alle tragen zum anschwellenden Datenverkehr bei. So werden beispielsweise fahrerlose Fahrzeuge über zahlreiche Sensoren, Kameras, Ultraschallgeräte und Radar verfügen, die allesamt Daten erzeugen und verarbeiten. Cisco prognostiziert für das weltweite Wireless-Datenvolumen im Zeitraum 2016 bis 2021 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 47 %, die sogar noch höher liegen könnte.

Zur Verbesserung der Wireless-Kapazität gibt es drei Möglichkeiten: ein grösseres Frequenzspektrum, bessere Technologie oder mehr Zellen. Da nur begrenzte Spektrumsressourcen zur Verfügung stehen und die Technologie sich stetig weiterentwickelt, ist die Nachfrage nach Funkzellen weiterhin stabil und bildet die Grundlage für die Wachstumsaussichten der Mobilfunkmastbetreiber. Darüber hinaus wird die Nachfrage in den USA in den kommenden Jahren durch das drahtlose Ersthelfernetzwerk FirstNet, die Versteigerung der Rechte am 600-MHz-Übertragungspektrum und die Einführung des 5G-Standards durch die Netzbetreiber beflügelt werden. FirstNet soll laut Planung in allen 50 Bundesstaaten verfügbar sein. AT&T schätzt das erforderliche Investitionsvolumen auf 40 Milliarden US-Dollar. Investitionen in 5G dürften über die kommenden zehn Jahre getätigt werden – der geschätzte Investitionsaufwand beträgt 250 Milliarden US-Dollar. Mit 5G machen mobile Daten den Sprung von Smartphones und Tablets zum Internet der Dinge, das unter anderem selbstfahrende Autos, Telemedizin, Smart Cities und die Nutzung von Sensornetzwerken, beispielsweise im landwirtschaftlichen Bereich, einschliesst.

Zur Ausschöpfung dieses Wachstumspotenzials sind amerikanische Betreiber von Mobilfunkmasten gut positioniert. Aufgrund von Planungs- und Genehmigungsschwierigkeiten sind die Einstiegsbarrieren recht hoch. Es ist äusserst schwierig, eine Genehmigung für einen neuen Maststandort in der Nähe von Wohngebieten zu erhalten. Ausserdem ist der Markt stark konzentriert: Die drei führenden Mobilfunkmastbetreiber haben zusammen einen Anteil von 55 % am amerikanischen Markt. Die durchschnittliche Mieterzahl eines Mobilfunkmasts liegt für die Betreiber derzeit knapp über zwei, sodass angesichts des Maximums von drei Mietern Wachstumspotenzial besteht. American Tower schätzt, dass bei einem Anstieg der Mieterzahl von eins auf drei die Rendite des investierten Kapitals (ROI) von 3 % auf 18 % stiege.7 Darüber hinaus haben die meisten Funkmastbetreiber in ihren langfristigen Verträgen eine Gleitklausel, die eine jährliche Mieterhöhung von 3 % vorsieht, wodurch sie gegen Inflation geschützt sind. Kleinzellen und Glasfaserkabel stellen in dicht besiedelten Gebieten zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten für Funkmastbetreiber dar.

Die gesteigerte Geschwindigkeit und Kapazität von 5G wird durch breitere Frequenzen und höhere Netzwerkdichte erreicht. Dafür sind umfangreiche Investitionen in schnellere Deep-Fiber-Glasfasernetze erforderlich, um die geschätzte Vervierfachung des Datenvolumens in den kommenden fünf Jahren stemmen zu können. Das vom Staat mit 9 Milliarden Dollar finanzierte Programm «Connect America Fund Phase II» schafft derzeit Breitbandverbindungen für rund 3,7 Millionen Haushalte und Unternehmen. Auch Privatunternehmen investieren viel Geld in Glasfasertechnologie. AT&T beispielsweise stattet 12 Millionen Haushalte mit «Fiber to the Home» (FTTH) aus. Einer Schätzung von Deloitte zufolge müssen die USA zur Deckung ihres künftigen Breitbandbedarfs zwischen 130 und 150 Milliarden Dollar investieren, um den Wettbewerb im Breitbandbereich zu fördern, ländliche Regionen zu vernetzen und das drahtlose Mobilfunknetz zu verdichten.8 Die Investitionen werden von einer Kombination aus PPP, Finanzinvestoren sowie Kommunikations- und Infrastrukturdienstleistern getätigt werden.

Rechenzentren, Heimnetzwerke, Speicher und Serverausstattung sind ebenfalls Bereiche mit hohem Potenzial, um von der gewaltigen Steigerung der Datenmengen durch IT-Outsourcing, dem Wachstum des IP-Datenverkehrs und der zunehmenden Nutzung der Cloud zu profitieren. Ähnlich wie bei Mobilfunkmasten sind auch für Rechenzentren die Einstiegsbarrieren hoch. Neben ihrem Schutz durch Planungsbeschränkungen stellen auch die hohen Anfangsinvestitionen und die lange Vorlaufzeit zur Beschaffung der erforderlichen Ausstattung zusätzliche Hürden dar. Darüber hinaus haben Rechenzentren aufgrund der wachsenden Leistungsdichte und Auslastungsrate der Computer zunehmenden Energie- und Kühlungsbedarf. Die meisten Unternehmen verwalten ihre IT-Systeme nach wie vor intern und verfügen über eigene Rechenzentren, die von teuren IT-Fachleuten überwacht und gewartet werden. Wir gehen davon aus, dass sich die Verlagerung von internen IT-Infrastrukturen zu externen Rechenzentren fortsetzen wird. Die Mietverträge von Rechenzentren sind über mehrere Jahre abgeschlossen und die Kundenabwanderung ist gering. Die meisten generieren den Grossteil ihres Neuumsatzes durch den Verkauf an Bestandskunden. Co-Location-Strategien, die Verknüpfungen von Kunden innerhalb eines Rechenzentrums erlauben, sorgen für weitere Kundenbindung. Da die Betriebskosten im Wesentlichen unverändert bleiben, erzielen Rechenzentren durch Neukunden hohen operativen Leverage.

Fazit

In den USA klafft derzeit im Infrastrukturbereich eine riesige Investitionslücke, die bereits negative Auswirkungen auf das BIP-Wachstum zeigt. Obwohl die aktuelle Regierung gewillt ist, mit der Vereinfachung von Genehmigungsverfahren eine grosse Hürde zu beseitigen, werden die Investitionen hauptsächlich durch Privatkapital abgedeckt werden. Wir sehen Wachstumschancen einerseits in Bereichen wie der Kommunikationsinfrastruktur, in denen der wirtschaftliche Investitionsanreiz sehr hoch ist, andererseits aber auch in unterinvestierten Bereichen, wo Investitionsmangel heikle Folgen wie Stromausfälle nach sich ziehen könnte. Die Kommunikationsinfrastruktur, deren Wachstum vor allem vom gewaltigen Wachstum des Datenvolumens getragen wird, ist unserer Einschätzung nach einer der interessantesten Bereiche für Privatanleger und börsenkotierte Telekommunikationsunternehmen. Wir erwarten, dass Mobilfunkmastbetreiber, Rechenzentren und Infrastrukturdienstleister aufgrund von Skaleneffekten weiterhin hohe Wachstumsraten mit steigenden Renditen verzeichnen werden.