News und Insights

COVID-19-Krise: Eine Fixed-Income-Perspektive

In einem offenen Forum sammeln wir die Einschätzungen von Luc Mathys, Leiter Fixed Income, zu den neuen Fundamentaldaten und potenziellen Chancen in der Welt der festverzinslichen Anlagen.

Wie wirkt sich COVID-19 auf die Finanzmärkte aus?

Die Weltwirtschaft wurde von einem Nachfrage- und Angebotsschock getroffen, der sich im zweiten Quartal in deutlich negativen Wachstumsraten niederschlagen dürfte. Was wir seit einigen Wochen erleben, sind dramatische Bewegungen an den Finanzmärkten, die Erinnerungen an die weltweite Finanzkrise wachrufen. Wie im Jahr 2008 ist die Marktliquidität äusserst gering. Die Störungen reichen bis ans obere Ende des Qualitätsspektrums und umfassen damit auch Staatsanleihen und sogar die Devisenmärkte.


Haben Sie schon einmal Turbulenzen in dieser Grössenordnung erlebt?

Die Bewegungen an den Zinsmärkten waren dramatisch. Die Renditen 10-jähriger US-Treasuries fielen innerhalb eines Handelstages um mehr als 100 Basispunkte (Bp), und die gesamte Kurve der deutschen Bundesanleihen rutschte in den negativen Bereich. Gleichzeitig führte die allgemeine Verkaufswelle in sämtlichen Segmenten der Kreditmärkte zu erheblichen Schwankungen bei den Kreditspreads. Die Korrektur vollzog sich weitaus schneller als bei der weltweiten Finanzkrise, und der Spread von US-Hochzinsanleihen erreichte seinen zweithöchsten Stand überhaupt. In den letzten 50 Jahren gab es sieben grosse Rezessionen. Gemessen am Ausmass der Neubewertung liegt die aktuelle Phase auf Platz drei.

In gewisser Hinsicht bewegen wir uns bereits in die richtige Richtung, aber es müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein.

Welche Bereiche des Marktes sind am stärksten betroffen?

Während sich die Spreads bei den High-Grade-Indizes seit Jahresbeginn durchschnittlich um mehr als 250 Bp ausgeweitet haben, legten die Spreads im High-Yield-Segment zwischenzeitlich um mehr als 1’000 Bp zu. Generell lässt sich also sagen: Je niedriger die Qualität, desto grösser die Veränderung bei den Spreads. Am stärksten betroffen waren die Sektoren Energie, Glückspiele, Gastgewerbe, Versorgung und Grundstoffe.

Können Sie die Auswirkungen auf den Primärmarkt beschreiben?

Die Neuemissionen kamen zunächst völlig zum Erliegen. In der Woche, welche am 27. März endete, sahen wir dann aber in den USA mit USD 100 Mia. das bislang höchste wöchentliche Emissionsvolumen des Jahres. Diese Neuemissionen waren allerdings aufgrund der Störungen an den Commercial-Paper-Märkten mit grossen Preiskonzessionen und einer gewissen Dringlichkeit verbunden.

Wie schnell wird die Volatilität an den Märkten nachlassen?

Angesichts der anhaltenden Marktverzerrungen und der grossen Unsicherheit über die zukünftigen Wirtschafts- und Finanzdaten dürfte die Volatilität noch einige Zeit hoch bleiben. Normalerweise bestehen Finanzmarktkrisen aus mehreren Phasen und verlaufen nicht einheitlich. So können politische Massnahmen eine vorübergehende und deutliche Erholung auslösen. Ebenso dürfte es gelegentlich gegenläufige Bewegungen geben, wenn sich die Preise in überkauften Märkten erholen. Letztendlich wird sich die COVID-19-Krise: Eine Fixed-Income-Perspektive April 2020 Luc Mathys Managing Director, Head of Fixed Income Asset Management Fixed Income 1/2 Situation bessern. In gewisser Hinsicht bewegen wir uns bereits in die richtige Richtung, aber es müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, bevor die Volatilität auf ein moderateres Niveau zurückgeht.

Neben der üblichen Bottom-up-Analyse halten wir ein aktives Management und eine
Erhöhung der Liquidität für wichtige Voraussetzungen, um diese ungewöhnlichen, wenn
nicht gar beispiellosen und ständig wechselnden Marktbedingungen zu überstehen.

Wie könnte sich eine Markterholung beschleunigen lassen?

Zunächst einmal müssen die COVID-19-Infektionsraten einen Höhepunkt erreichen, um eine grössere Klarheit bezüglich der wirtschaftlichen und finanziellen Aussichten zu erhalten. Auch müssen wir erst rezessionsähnliche Bewertungen sehen, die den negativen Nachrichtenströmen Rechnung tragen. In dieser Hinsicht sollte erwähnt werden, dass die meisten Fixed-Income-Märkte bereits schlimmere Szenarien als eine technische Rezession einpreisen. Die dritte Bedingung ist eine Fortsetzung der umfassenden politischen Massnahmen sowohl durch die Zentralbanken als auch auf Regierungsebene. Die Zentralbanken haben schnell und entschlossen reagiert, können aber kleinen Unternehmen und Verbrauchern nicht direkt unter die Arme greifen. Daher sind die Massnahmen der einzelnen Regierungen, beispielsweise in Form von Direktkrediten, ein positives Zeichen. Und schliesslich muss noch aus Sicht von Angebot und Nachfrage eine Trendumkehr bei den Abflüssen in den verschiedenen Bereichen der Anleihenmärkte stattfinden. Diese bewegten sich im März mehrere Wochen in Folge auf einem Rekordniveau.

Wie sieht Ihr Ansatz zur Portfoliopositionierung aus?

Neben der üblichen Bottom-up-Analyse halten wir ein aktives Management und eine Erhöhung der Liquidität für wichtige Voraussetzungen, um diese ungewöhnlichen, wenn nicht gar beispiellosen und ständig wechselnden Marktbedingungen zu überstehen. Die Portfolios müssen liquide bleiben, damit sie sich an das immer neue Marktumfeld anpassen können. Auch sollten gefährdete Emittenten, von denen es in verschiedenen Sektoren viele gibt, unbedingt gemieden werden.

Wie wichtig ist Diversifikation?

In der Vermögensverwaltung ist Diversifikation ein wichtiges Thema, noch viel bedeutender wird sie aber in einem Umfeld steigender Ausfallzahlen. In der Regel halten Investmentfonds zwischen 60 und 200 Positionen, wodurch die Anleger gut vor Ausfällen einzelner Emittenten geschützt sind. Das macht sie strukturell sicherer als Einzelpositionen in Kundendepots. Für den Einstieg in den Fixed-Income-Markt empfehlen wir, einen diversifizierten Ansatz zu verfolgen und diesen über einen längeren Zeitraum vorzunehmen. Niemand kann die Talsohle eindeutig vorhersagen, aber viele der genannten Dynamiken bewegen sich in die richtige Richtung. In der Zwischenzeit bieten die aktuellen Einstiegspunkte ein attraktives Niveau zur Erzielung positiver Renditen in den kommenden Jahren, wenn sich die Zinssätze auf rekordtiefen Niveaus befinden.

Haben Sie Fragen?

Kontaktieren Sie uns