News und Insights

"Mehr Entrepreneur. Weniger Ingenieur".

Disruptive Ideen und radikale technologische Fortschritte prägen unsere Märkte und unser Leben immer stärker und umfassender. Unternehmerisches Denken und mutige Weichenstellungen werden zur Überlebensfrage.

Herr Müller, was ist das Faszinierende an der Trendforschung?

Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft. Sie lassen sich beeinflussen von Meldungen in den Medien oder von Politikern, die vor der kurz bevorstehenden Klimakatastrophe oder «den Chinesen» warnen. Aber die Zukunft ist etwas, das wir aktiv gestalten können. Wir brauchen deshalb keine Angst vor ihr zu haben. Die Trendforschung hilft, die Möglichkeiten der Zukunft zu verstehen und das 21. Jahrhundert bestmöglich zu gestalten.

Ist die Beschäftigung mit Zukunftsfragen ein Privileg der geistigen Elite?

Nein, das menschliche Gehirn befähigt uns, in Szenarien zu denken. Jeder Mensch denkt über die Zukunft nach − auch bei einfachen Fragen des Lebens wie «Was koche ich für meine Kinder?» oder «Wie verbringe ich den heutigen Abend?».

Welche Fähigkeiten sind essenziell, um Trends zu erforschen?

Die Offenheit und die Bereitschaft, das Unbekannte zu sehen und zu denken, das Science-Fiction-Thinking. Oder anders formuliert: Die Fähigkeit, mit grosser Sicherheit Dinge zu erzählen, die noch nicht sicher sind.
 

In China werden Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auf Ziele ausgerichtet, die in den nächsten 20 bis 30 Jahren diszipliniert umgesetzt werden.

Dann rücken Zukunftsforscher aber schnell in die Nähe der Scharlatanerie …

Natürlich fehlt hier das wissenschaftliche Fundament, denn man weiss nie, was in der Zukunft passiert. Aber wenn ich die Zukunft gestalten will, muss ich sie antizipieren. Ich muss an sie glauben. Ein gutes Beispiel ist Elon Musk, der an die Elektromobilität glaubt und Teslas baut. Wichtig ist, dass sich die Trendforschung mit der Umsetzung von Innovationen verbindet. Die neue Trendforschung macht die Menschen handlungsfähig. Die Trendforschung der alten Schule beschränkte sich darauf, über die Zukunft zu reden.

Wie kommen Zukunftsforscher bei unseren Ingenieuren an?

Das ist unterschiedlich. Die deutsche Automobilindustrie zum Beispiel hat tolle Ingenieure mit einem stark entwickelten Problemlösungsbewusstsein. Sie tendieren in der Folge zu inkrementellen Verbesserungen. Das wird nicht reichen. Es fehlt an disruptivem Denken. Mehr Entrepreneur, weniger Ingenieur. Wir brauchen mehr Visionsingenieure.

Fehlt es bei uns an einer langfristigen Denkweise?

Ja, das sehe ich so. Nehmen Sie das Beispiel China. Dort werden Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auf Ziele ausgerichtet, die in den nächsten 20 bis 30 Jahren diszipliniert umgesetzt werden. Die Chinesen haben darüber hinaus auch die Ressourcen dazu. Diese Zukunftsgestaltungsfähigkeit ist eine Power.
 

Wir brauchen in Europa mehr Risikokapital, nicht nur Kredite.

Das mag in autoritären Systemen gut funktionieren, aber in Europa …

… sind die Rahmenbedingungen viel schwieriger. Wir haben hier eine Debattenkultur ohne klare Ansagen von oben, mit einem mittleren Management, das alles kaputtredet. Aber auch in Europa wollen sich die Menschen langfristig orientieren können und eine Vision haben.

Sollen wir uns an den Chinesen orientieren?

Ja, an der Schlagkraft, an der Geschwindigkeit und an den Mitteln, die in Forschung und Entwicklung, in neue Technologien und in Start-ups investiert werden. Wir brauchen in Europa mehr Risikokapital, nicht nur Kredite. Auch in den USA ist der Zugang zu Risikokapital viel einfacher.

Welche Trends zeichnen sich im Bildungswesen ab?

Lernen und Ausbildung sind schon heute nicht mehr auf feste Institutionen begrenzt. Durch Apps, Onlinekurse und Virtual-Reality-Inhalte findet Lernen zukünftig ortsunabhängig, mehrdimensional und lebenslang statt.

Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen erfüllt sein, damit sich Edutainment-Angebote wirklich verbreiten?

Die klassischen Bildungssysteme müssen sich weiterentwickeln. Die Schulen müssen für solche Angebote geöffnet werden. Die Politik ist angehalten, solche Bildungsangebote massiv zu fördern. Die Gesellschaft muss akzeptieren lernen, dass sich die Kinder in virtuellen Welten aufhalten. Heute ist es in Deutschland genau umgekehrt. Wenn Kinder heute im Kindergarten erzählen, dass sie abends Minecraft spielen, werden sie oder ihre Eltern schräg angeschaut. In Wirklichkeit ist Minecraft genau diese Welt, wo die Kinder auf die virtuellen Welten vorbereitet werden und lernen, sich dort zurechtzufinden.

Welches sind die technologischen Treiber von Edutainment?

Künstliche Intelligenz (KI), Virtual Reality (VR) und die Skalierbarkeit. Die Skalierbarkeit der KI gibt beispielsweise jungen Leuten in Kenia die Möglichkeit, günstige Onlinekurse zu belegen und an der Harvard-Universität zu studieren. Durch die Verbreitung von Virtual Reality werden sich solche Angebote massiv verbreiten. KI und VR werden im Bildungsbereich, aber auch im Gesundheitswesen riesige Skaleneffekte auslösen. KI und VR sind auf dem Sprung in den Massenmarkt. Die entsprechenden Anwendungen werden in den nächsten zehn Jahren explodieren.

Welches Beispiel aus dem Gesundheitsbereich finden Sie besonders beeindruckend?

In den USA wurde ein mobiler Ultraschallscanner mit einer App zur Bedienung via Smartphone entwickelt. Die App verfügt über KI und ermöglicht jeder Person, ohne Arzt eine Ultraschalluntersuchung durchzuführen. Die App macht dann eine Triage und leitet nur unklare oder problematische Befunde an den Arzt weiter. Dank der intelligenten Software erhalten Millionen von Menschen einfachen und kostengünstigen Zugang zu einer medizinischen Diagnose, die ihnen aufgrund der ungenügenden ärztlichen Versorgung und der fehlenden Infrastruktur sonst verwehrt bliebe.

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