Meret Oppenheim lebt!
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Meret Oppenheim lebt!

Im MASI Lugano erhält Meret Oppenheim eine Ausstellung. Ganz in der Nähe, im Dorf Carona, verbrachte die Künstlerin ihre Sommermonate. Zur Vorbereitung trafen sich dort jetzt Mitglieder ihrer Familie und der Kurator.

Bertolt Brecht lebte nur einen Steinwurf weiter. Hermann Hesse war täglicher Gast bei den Grosseltern Lisa und Theo Wenger. Viele heute weltberühmte Künstler trafen sich bei Meret Oppenheim in Carona, in einem kleinen Palazzo, der seit alters her Casa Costanza heisst.

Mitten im Dorf steht das Haus mit den dicken Mauern und hohen Räumen. Wer die Casa Costanza besucht, sieht und hört Geschichten aus den letzten 300 Jahren. Das bemerkenswerte Haus ist nur wenige Kilometer von Lugano entfernt und gehört seit mehreren Generationen den Familien Oppenheim und Wenger.

Mit Man Ray am Tisch

In der Casa Costanza versammeln sich der Kunsthistoriker Guido Comis, die engsten Familienmitglieder von Meret Oppenheim und das journalistische Team von «Aspekte», des neuen Magazins der Credit Suisse in der Schweiz. Die Runde erinnert an den Tessiner Freundeskreis der Künstlerin und an die Tischgespräche mit den Künstlerfreunden, die aus der ganzen Welt in die Südschweiz reisten. Oppenheim traf sich in Carona mit ihren Bekannten ganz ähnlich wie vorher in Paris, als sie Teil des Surrealistenzirkels war. Dort war sie eine der wenigen Frauen unter Männern wie Man Ray, Marcel Duchamp, Max Ernst oder Alberto Giacometti.

Heute empfängt Oppenheims Schwägerin Birgit Wenger mit ihrer Tochter, Lisa Wenger - sie ist die Verwalterin und Herausgeberin des schriftlichen Nachlasses der Künstlerin. Lisa Wenger hat Guido Comis an den Tisch gebeten, den Kurator des MASI in Lugano, des Museo d'arte della Svizzera italiana. Comis plant eine Ausstellung mit dem Titel «Meret Oppenheim. Werke im Dialog». Birgit Wenger stösst dazu. Sie ist inzwischen 95 Jahre alt und erinnert sich an die erste Begegnung mit der Kunstlegende Meret: «Ich war 17, sie hat mich eingeschüchtert, sie war Meret Oppenheim! Schon als junge Frau war sie eine würdevolle Persönlichkeit.»

Brief an André Breton

Meret Oppenheim wirkte und wirkt magisch, auf ihre Zeitgenossen und auf eidgenössische Künstler. Die Casa Costanza, das Haus ihrer Grosseltern, ist ihr Gesamtkunstwerk. Hier leben ihre Persönlichkeit und ihr Esprit weiter, in jeder Ecke und in jedem Raum. Oppenheim hat den Palazzo nach ihren Plänen umgebaut und eingerichtet, sie entwarf das meiste des Mobiliars. Im Prunksaal hängt ihr Kronleuchter aus goldenen Blättern, er glänzt. Hat ihn die Schöpferin eben erst abgestaubt? Ihr Tisch, den sie aus Onyx-Marmor baute, leuchtet von innen.

Oppenheim arbeitete gerne mit edlen und teuren Materialien, obwohl sie zeitlebens wenig Geld besass. Materielle Werte waren für sie nicht von Bedeutung. So schrieb sie an ihren Künstlerfreund André Breton: «Das Wichtigste in meinem Leben ist die Unabhängigkeit und meine Freiheit.»

Auch deshalb ist ihr Schlafzimmer spartanisch eingerichtet, der Kleiderschrank ist klösterlich schmal. Oppenheim verzichtete auf Spiegel, Eitelkeit war kein Thema für sie.

«Déjeuner en fourrure»

Meret Oppenheim hat mit 23 Jahren die Pelztasse «Déjeuner en fourrure» geschaffen. «Es war ein Geniestreich, einer unter mehreren in ihrer Karriere», sagt Guido Comis. Durch den Ankauf durch das MOMA in New York wurde die junge Frau 1936 zur Kunstikone.

Der Kurator des MASI richtet seine Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit der Familie ein. «Meret Oppenheim. Werke im Dialog» soll die Bedeutung und die Stärke der Künstlerin zeigen, indem man ihre Wirkung auf ihr Umfeld nachzeichnet. Comis wird zeitgenössisches Kunstschaffen zeigen und Werke von Zeitgenossen, befreundeten Künstlern. Arbeiten von Max Ernst und Man Ray sind zu sehen, aber auch Werke von jüngeren wie Robert Gober oder Mona Hatoum. Die Ausstellung wird um einzelne Themenschwerpunkte gruppiert: um Merets traumähnliche Fantasien, ihre erotischen Bilder, ihre Fetische und ihre Beziehung zur Natur.

In der Kunstgeschichte gilt Oppenheim oft nur als Künstlerin der «Pelztasse». Zudem kennt man sie als Surrealisten-Muse. Kurator Guido Comis möchte ein differenzierteres Bild zeichnen und auf die Breite von Oppenheims Schaffen hinweisen. Er meint, dass die Persönlichkeit Oppenheims umso stärker wirke, je näher man sie an die Werke anderer Künstler rücke.

Schweizer Künstlerin

In der Casa Costanza versammelt sich mit den Damen Wenger und mit Guido Comis ein Freundeskreis. Er ist eine Art Hommage an die Jahre, als Oppenheim hier lebte, philosophierte und mit den Freunden das Lieblingsspiel der Surrealisten spielte: Cadavre Exquis. Man spielte es an heissen Sommerabenden im kühlen Solaio, im Speicher unterm Dach, zu Weihnachten im grossen Saal vor dem Kamin.

Meret habe Freundschaften mit grossem Verantwortungsbewusstsein gepflegt, sagen ihre Verwandten. Sie unterstützte, förderte und kaufte ihren Protegés Werke ab oder tauschte sie gegen eigene ein. Sie empfand sich als Schweizer Künstlerin und legte besonders in Bern, nach ihrer Pariser Zeit, Wert auf ihre Wurzeln. Doch ihre Kunst kannte keine Nationalität. Grenzen im Leben wie in der Kunst waren da, um von ihr egalisiert zu werden: zwischen Natur und Kultur, Traum und Wirklichkeit, Mann und Frau.

In der Casa Costanza wird seit 1917 ein Gästebuch geführt. Auch Meret führte eine Art Agenda, sie erzählt von der Liebe zu diesem grossartigen Haus. Auf kleinen Zetteln notierte sie die Herkunft und die Geschichte aller Kunstgegenstände. Die Zettel versteckte sie in den Objekten selbst. So können die Besucher bis heute die Historie vieler Gegenstände in Erfahrung bringen.

Die Kunst-Kosmopolitin Meret Oppenheim war auf der Welt zuhause. Doch ihr Herz gehörte einem kleinen Palazzo in einem sehr kleinen Tessiner Dorf.