News & Stories

«Alle Menschen sollen zu allen Kunstformen Zugang haben»

Am 1. April veranstaltet das Kunsthaus Zürich unter dem Motto «Kunst und Integration» einen Tag der offenen Tür. Kunstvermittlerin Madeleine Witzig führt Menschen mit einer Sehbehinderung durchs Kunsthaus. Doch Anfassen ist auch bei ihren Führungen die Ausnahme. Sie will alle Sinne ansprechen. Damit Sehende und Sehbehinderte auf Augenhöhe sind.

Madeleine Witzig, Sie sind nicht sehbehindert. Wie wissen Sie, was interessant ist für Menschen, die es sind?

Madeleine Witzig: Ich gehe davon aus, dass die Leute, die bei mir eine Führung besuchen, an Kunst interessiert sind, dass sie sich regelmässig damit auseinandersetzen. Es sind sehr oft ältere Leute, bei denen sich mit dem Alter Einschränkungen der Sehkraft manifestieren. Ich erfinde nicht spezielle Themen, sondern biete dieselben Führungen wie sonst an; auch bereite ich mich vor wie sonst, erarbeite das Thema, die kunsthistorische Relevanz. Es gibt Führungen, die eher wie Workshops angelegt sind, wo wir auch einmal mit Klängen ausprobieren, wie eine Farbe tönen könnte. Aber generell bin ich eine sehr genaue verbale Übersetzerin und erzähle möglichst detailliert, was zu sehen ist.

Aber etwas muss doch anders sein.

Ja, natürlich achte ich darauf, sehr deutlich zu sprechen, nicht zu schnell. Die Führung dauert zwei Stunden – es ist sehr anstrengend, wenn die Information fast ausschliesslich übers Gehör aufgenommen wird. Generell nehmen wir uns mehr Zeit, das fängt beim Empfang der Gäste an. Ausserdem finden die Führungen montags statt, wenn das Kunsthaus fürs reguläre Publikum geschlossen ist. So haben wir mehr Ruhe. Wir bieten mittlerweile zusammen mit der Zürcher Sehhilfe zu allen grossen Ausstellungen eine Führung an. Früher waren das zwei Führungen pro Jahr, mittlerweile sind es sechs.

Wieso überhaupt Führungen für Sehbehinderte?

Natürlich funktioniert bildende Kunst übers Sehen. Leute, die schlecht sehen, mögen mehr von anderen Kunstformen profitieren, von Theater oder Musik. Aber wir finden, dass alle Menschen zu allen Kunstformen Zugang haben sollen. Darum haben wir dieses Angebot geschaffen. Und wir gehen so weit es geht auf ihre Bedürfnisse ein. Was wir aber nicht anbieten, sind dreidimensionale Nachbauten von Bildern, die man dann ertasten kann. Es gibt Museen, die das machen, aber das ist ein ganz anderes Konzept. Ich weiss, dass meine Besucher es schätzen, dass sie jemand mit viel Know-how begleitet und sie intellektuell ernst nimmt. Nur weil jemand älter ist, langsamer und nicht mehr so gut sieht, ist er ja nicht automatisch intellektuell eingeschränkt. Es geht darum, miteinander auf Augenhöhe zu sein.

Wie steht es um die Sicherheit?

Natürlich ist die Sicherheit immer ein Thema. Pro Teilnehmenden kommt eine Begleitperson mit. Die Sicherheitsfrage steht aber ehrlich gesagt auch bei Kindern oder bei Erwachsenen ohne Einschränkung immer mit im Raum.

Der Titel Ihrer Führung verspricht einiges. Mit den Ohren sehen, ok. Aber mit den Händen schauen?

Wir haben ein paar ausgewählte Figuren aus verschiedenen Materialien, die wir anfassen dürfen, leider keine aus Stein, das wäre einfach zu heikel. Eine der Führungen enthält drei verschiedene Frauenfiguren, das ist besonders schön. Aber mir fällt auf, dass gerade Menschen mit einer Sehbehinderung grosse Hemmungen haben, die Kunstwerke einfach so anzufassen. Das Verbot, in einer Ausstellung etwas zu berühren, ist tief verankert. Aber auch beim Anfassen gibt es Regeln: Wischende Bewegungen sind verboten, weil sie der Patina zu sehr schaden. Aber kurzes Betasten mit den Fingern ist erlaubt, und wir müssen dabei nicht einmal Handschuhe tragen – Händewaschen reicht.

Neben Seh- und Tastsinn haben wir auch den Geruchs- und Geschmackssinn. Beziehen Sie diese ebenfalls mit ein?

Bei den Stillleben sind die fünf Sinne ganz klar ein Thema. Besonders die Holländer stellten sie mit Symbolen und Gegenständen dar. All die Esswaren, die wir da sehen, die Blumen, die Tiere – ganze Universen sind da abgebildet. Bei Kindern setze ich oft Gegenstände ein, damit sie sie betasten, daran riechen und sie kennenlernen können. Aber Erwachsene, sehbehindert oder nicht, haben einen breiteren Erfahrungshorizont, da reicht es, wenn ich sie die Zitrone erst betasten lasse: Was spüren sie? So erkennen wir den Unterschied zwischen einer Zitrone und einer Orange sehr deutlich. Dann schneide ich sie an und der Geruchssinn kommt auf seine Kosten. Das Einzige, was man nicht erkennt, wenn man nicht sieht, ist die Farbe der Zitrone. Die Zitrone spricht alle Sinne an: Man hört, wie ich sie schäle, man schmeckt und riecht sie und man kann sie ertasten. So eröffne ich meinen Gästen die Welt eines Stilllebens anhand einer Zitrone.

Haben die Besucher an Ihren Spezialführungen andere Fragen an die Kunst?

Eigentlich nicht. Es gibt Leute, die mehr über Technik wissen wollen, vielleicht selber malen. Jeder nimmt ja von einer Ausstellung etwas anderes mit nach Hause. Da gibt es keine Unterschiede zwischen Sehenden und Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit. Mir ist immer wichtig, dass wir die Bilder und die Künstler ernst nehmen. Sich mit einem Kunstwerk auseinanderzusetzen, ist eine Lebensschule. Wenn wir uns eingehend mit etwas beschäftigen, entsteht eine Bindung – und auch eine Art Liebe. Das ist für unser Leben doch gewinnbringend. Ein Besuch im Kunsthaus kann immer auch ein Echoraum sein für unsere existenziellen Fragen. Da wird die Frage, ob wir alles unbehindert sehen oder eingeschränkt, vielleicht sogar zweitrangig.