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Roger Federer: Die guten Gene der Mutter

15.01.2014

"Positiv, loyal und dynamisch": Diese drei Wörter wählte Lynette Federer, als sie sich einst für die Website der Roger Federer Foundation, zu deren Stiftungsrat sie gehört, selber beschreiben sollte. Und auf der Suche nach einem Motto, das zu ihr passt, beschränkte sie sich auf einen Slogan mit zwei Wörtern: "Think positive."

Roger Federer: Die guten Gene der Mutter

© Sonja Ruckstuhl

"Doch, darin erkenne ich mich ziemlich gut wieder", sagt Lynette Federer, wenn sie heute auf diese Kurzbeschreibung angesprochen wird. Positiv denken, sich allen Herausforderungen mit Zuversicht stellen, dynamisch und loyal durchs Leben gehen – sind das nicht alles Eigenschaften, die auch auf ihren Sohn zutreffen würden? Es ist tatsächlich unübersehbar, dass Lynette Federer selber viele der Tugenden besitzt, die ihren Sohn zum erfolgreichsten Spieler der Tennisgeschichte werden liessen. Auch sie besass sportliches Talent, Wettkampf-Eifer, einen gesunden Ehrgeiz und mentale Härte. Auch sie war im Kern eine Vollblutsportlerin. Während ihr Mann erst mit 17 Jahren zu einem Fussballclub stiess – dem FC Widnau –, war Sport für sie schon in der Jugend von zentraler Bedeutung. "In Südafrika wächst man eben mit Sport auf", sagt sie, achselzuckend. Und gibt ohne falsche Bescheidenheit zu, dass sie in ihrer Schulzeit praktisch durchwegs zu den besten drei gehört habe, ob in der Leichtathletik, im Netball, einem basketballähnlichen Mannschaftsspiel, oder im Landhockey.

"Das ist kein Sport für eine Frau"

Vor allem dem Landhockey gehörte ihre Vorliebe, als sie in Kempton Park, einem Vorort von Johannesburg, aufwuchs. Nach der Sekundar- absolvierte sie eine Handelsschule. "Ich wurde auch für eine Regionalauswahl selektioniert und spielte ein Jahr lang intensiv auf einem relativ hohen Niveau", erzählt sie. Doch wegen der vielen Schläge bekam sie Schwierigkeiten mit den Beinen; damals wurde eben noch ohne Schienbeinschoner gespielt. Ihre Mutter, eine Krankenschwester, drängte sie zu einem Besuch beim Arzt. "Der schaute sich die Beine an und sagte: Das ist kein Sport für eine Frau, hör damit auf." Was sie auch tat.

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Schicksalshafte Begegnung in der Kantine

Lynette Durand war am 16. Februar 1952 als Tochter eines Fabrik-Vorarbeiters zur Welt gekommen. Er hatte im zweiten Weltkrieg in Europa gedient, liess seine Familie neben Afrikaans auch Englisch sprechen und schickte seine vier Kinder in eine englischsprachige Schule. Lynette fand eine Stelle als kaufmännische Angestellte beim Schweizer Chemieunternehmen Ciba, das in Kempton Park eine Fabrik unterhielt. In der Kantine lernte sie einen gewissen Robert Federer kennen, als sie 18 war. Sie und der sechs Jahre ältere Chemie-Laborant wurden ein Paar, und gemeinsam entdeckten sie eine neue Sportart: Tennis. Im Schweizer Club von Johannesburg waren sie bald regelmässig auf den Courts anzutreffen. 1973 beschlossen sie, ihre Zelte in Südafrika abzubrechen und in der Schweiz einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Sie übersiedelten nach Basel, wo beide im Mutterhaus der Ciba wieder angestellt wurden.

Fussballduelle gegen Roger in der Küche

Lynette und "Robbie" Federer, wie sie ihren Mann nennt, sollten dem Tennis treu bleiben. Sie spielten noch immer intensiv, als ihre Kinder zur Welt kamen; 1979 Diana und 20 Monate später Roger. Die Mutter brachte es immerhin noch zu einem Schweizer Meistertitel im Interclub der Jungseniorinnen. Ihr Sohn hatte ihre Affinität zum Sport offensichtlich geerbt. Vor allem dem Tennis und Fussball gehörten seine Vorlieben – und beides spielte auch sie regelmässig mit ihm. Oder vielmehr: gegen ihn. Gut erinnert sie sich noch an ihre Fussballmatches in der Küche. "Nach dem Mittagessen, bevor er zur Schule ging, spielten wir oft gegeneinander. Die Küche war relativ lang und hatte zwei Türen, das waren die Tore", erzählt sie. "Da ging es jeweils hart auf hart. Jeden Tag hatten wir grosse Kämpfe, wer zuerst zehn Tore schoss." Dabei habe sie ihm nichts geschenkt: "Ich liess ihn nie aus Sympathie gewinnen." Den Siegesdrang, der ihren Sohn so auszeichnet, besass die Mutter eben schon lange vor ihm. Auch das Durchhaltevermögen und die Konzentrationsfähigkeit dürfte er von ihr mitbekommen haben. "Aber das Talent", wirft ihr Mann scherzend ein, "das hat er von mir…"

Viel Gutes aus Südafrika

Lynette Federer entdeckt in ihrem Sohn auch einiges, das sie an ihr Heimatland erinnert. "Vom Körperbau her ist er schon eher der Südafrikaner", sagt sie. Roger gleiche ihrem Bruder, der sei auch so gross und athletisch. Auch seine Unkompliziertheit sei typisch für Südafrika. "Roger sagte einst selber: Die unkomplizierte Art habe er von mir", sagt sie und lacht etwas verlegen. Zudem sei er fasziniert von der Natur und dem reichen Tierleben im Süden des schwarzen Kontinents. "Ich merkte auch im Februar wieder, als wir ein Projekt seiner Stiftung besuchten, dass er sich dort einfach wohl fühlt. Auch unter seiner Verwandtschaft. Obwohl er einige noch nie gesehen hatte, zum Beispiel Kinder meiner Neffen und Nichten."

Angestellte ihres Sohnes

Lynette Federer vergrösserte ihr Arbeitspensum bei der Ciba in Basel von 50 auf 80 Prozent, als ihr Sohn als Junior auf eine Tenniskarriere zusteuerte. Als er sich 2003 – im Jahr seines ersten Wimbledonsiegs – von der Agentur IMG löste und sein Management einer sogenannten In-house-Lösung anvertraute, verliess sie das Unternehmen nach 33 Jahren und wurde Angestellte seiner Firma, was sie auch heute noch ist. Sie fungiert in Bottmingen als Dreh- und Angelpunkt für Anfragen aller Art, erledigt Zahlungen und die anfallenden Pendenzen, alles in enger Zusammenarbeit mit Roger und dem gesamten Team, insbesondere Tony Godsick, dem Manager, der aus den USA operiert, sowie Janine Händel, der Geschäftsführerin der Stiftung. Daneben hilft sie, wo sie helfen kann. Dabei hat sich der Aufgabenkreis deutlich erweitert, seit sie Grossmutter geworden ist, zumal auch Tochter Diana 14 Monate nach Roger Zwillinge erhielt.

Die Grossmutter-Rolle erforderte Anpassungen

Die gewachsene familiäre Beanspruchung fordert auch Einschränkungen. "Bevor die Grosskinder da waren, reisten wir zweimal im Jahr nach Südafrika, nun nur noch einmal", erzählt Lynette. Auch ein Besuch des Australian Open 2014 liegt nicht drin, weil Diana über den Jahreswechsel umzog. Zum Reisen kommt sie aber immer noch genügend; eben begleiteten sie und ihr Mann Roger und seine Familie eine Woche auf die Malediven, und auch Weihnachten verbrachten sie gemeinsam in Dubai. "Roger sagte schon immer: Ihr seid an den Turnieren jederzeit willkommen. Und inzwischen sind wir auch meist gezwungen zu reisen, wenn wir unsere Enkelkinder sehen wollen", so Lynette Federer. Sie spiele oft und gerne mit Myla und Charlene, gehe mit ihnen in Parks, erzähle Geschichten. Dass sie dafür an Turnieren weniger Partien verfolgen kann, dass sie auch nicht mehr so oft wie gewünscht zum Golfspielen kommt, nimmt sie dafür gerne in Kauf. Der Sport ist aber immer noch ein wichtiger Teil in ihrem Leben, ob aktiv oder passiv, vor dem Fernseher. Dabei darf es ruhig auch einmal ein Fussballspiel des FC Basel sein.

"Dann lese ich einfach keine Zeitungen"

Hat es auch Schattenseiten, die Mutter eines weltbekannten Sportstars zu sein? Eigentlich nicht, sagt sie bestimmt. Sie habe gelernt, damit umzugehen, und dabei auch gewisse Schutzmechanismen entwickelt. "Wenn er verloren hat, lese ich einfach keine Zeitungen", sagt sie. "Ich habe meine eigene Meinung und will mich nicht von Artikeln aus der ganzen Welt beeinflussen lassen." Natürlich schmerze es gelegentlich, wenn sie doch negative Kommentare höre oder lese. "Es ist schon brutal, was gewisse Leute von sich geben. Aber andererseits: Der überwältigende Teil der Fanpost, die wir erhalten, ist schlicht grossartig." Sie würde jedenfalls – wen wundert's – mit niemandem tauschen wollen.

Australian Open: Federers 57. Grand Slam in Folge

Zum Auftakt des Tennisjahres 2014 kann Roger Federer einen weiteren Rekord an sich nehmen: Das Australian Open (13. bis 26. Januar) ist offiziell sein 57. Grand-Slam-Turnier in Folge. Er setzt sich damit vor dem zurückgetretenen Südafrikaner Wayne Ferreira (56) an die Spitze. Gleich dahinter auf Rang 3 folgt der Schwede Stefan Edberg (54), der dieses Jahr neu zu Federers Betreuer-Team gestossen ist und ihn in Australien erstmals begleitet.

Federers offizielle Serie begann mit dem Australian Open 2000 und wird der Tatsache nicht gerecht, dass er schon 1999 die drei letzten drei Grand-Slam-Turniere bestritt. Weil er in jenem Jahr am US Open allerdings in der Qualifikation verlor, wird dieses nicht gewertet. Effektiv bestreitet er schon sein 60. Grand-Slam-Turnier in Serie bei den Professionals.

Am meisten Grand-Slam-Turniere insgesamt hat der Franzose Fabrice Santoro (70) aufzuweisen, gefolgt von Andre Agassi (61). Federer belegt in dieser Liste mit offiziell 59 Einsätzen auch schon den dritten Rang, gemeinsam mit dem Australier Lleyton Hewitt, gegen den er beim Vorbereitungsturnier in Brisbane im Final verlor. Hewitt bestreitet bereits zum 18. Mal ein Australian Open, die frühere Weltnummer 1 konnte das grösste Turnier seines Heimatland aber noch nie gewinnen, während Federer 4 seiner ersten 14 Teilnahmen ungeschlagen überstand (2004/06/07/10).

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