Werden Frauen bei der FinTech-Revolution benachteiligt?
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Werden Frauen bei der FinTech-Revolution benachteiligt?

Die Credit Suisse hilft der Organisation Women's World Banking, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in der Finanzbranche zu erreichen.

In den vergangenen Jahren hat die Finanzdienstleistungsbranche einen beispiellosen Innovationsschub erlebt. Nichtbanken – von Telekommunikations- bis hin zu Finanztechnologie- («FinTech»-) Unternehmen – erobern ehemalige Hochburgen des Bankwesens und definieren nun mit ihren technologischen Innovationen den Standard des digitalen Banking. Solche Unternehmen nehmen Kernsegmente der Banken wie Zahlungen und (kurzfristige) Kredite ins Visier. Damit treiben sie die Banken an, entsprechend nachzuziehen und ihre Dienstleistungen zu digitalisieren, um so kundenfreundlichere Lösungen anzubieten.

Die Einführung digitaler Finanzdienstleistungen hat die Reichweite von Finanzprodukten stark erhöht. Menschen, die bisher keinen Zugang zu Finanzprodukten und -dienstleistungen hatten, sind heute besser eingebunden. Digitale Dienstleistungen bieten bessere finanzielle Inklusion und Zugänglichkeit, höhere Sicherheit, besseren Datenschutz, mehr Verbraucherfreundlichkeit und tiefere Kosten. Sie haben dazu beigetragen, den Anteil der weltweiten Bevölkerung ohne Bankkonto von 2011 bis 2014 um fünf Prozent auf 20 Prozent zu reduzieren. Laut der Datenbank der Weltbank zur globalen finanziellen Inklusion (Global Findex Database) wurde es 700 Millionen Menschen möglich, ein Bankkonto zu eröffnen. Das Ergebnis widerspiegelt die enorme Bedeutung der Digitalisierung für die Finanzdienstleistungsbranche. Das Ungleichgewicht zu Lasten von Frauen, genauer gesagt von Frauen an der Basis der Einkommenspyramide, bleibt allerdings bestehen, denn die Geschlechterkluft bei Menschen ohne Bankkonto verharrt in den Entwicklungsländern unverändert bei neun Prozent.

Geschlechtervielfalt weiterhin ein Thema

Warum hat sich die Kluft zwischen den Geschlechtern nicht geschlossen? Studien deuten darauf hin, dass es keinen einzelnen zentralen Grund gibt. Vielmehr ist eine Kombination von Faktoren dafür verantwortlich, dass Frauen am unteren Ende der Einkommenspyramide nur schwer Zugang zu Finanzdienstleistungen finden. So haben sie zum Beispiel oft keine regelmässige Einkommensquelle, weisen ein geringeres Alphabetisierungsniveau auf, können keine offiziellen Ausweispapiere vorweisen oder es bestehen kulturelle Hemmnisse.

Frauen sind – im Vergleich zu Männern – im Durchschnitt besser im Sparen, treuere Kunden und kommen seltener in Zahlungsverzug.

Bei der Erschliessung des weiblichen Marktpotenzials müssen Unternehmen berücksichtigen, dass Frauen klare Präferenzen bei Finanzdienstleistungen und -produkten haben und diese auf ihre eigene Weise nutzen. Frauen bevorzugen beispielsweise Dienstleistungen, bei denen Komfort und Verbraucherfreundlichkeit im Vordergrund stehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Finanzprodukte verwenden, um Geld für die Ausbildung ihrer Kinder anzusparen oder es in ihre Geschäftsentwicklung zu stecken, ist höher als bei Männern. Angesichts der Geschlechterkluft in der Finanzdienstleistungsbranche (laut dem Bericht «The CS Gender 3000: The Reward for Change» liegt der Anteil weiblicher Finanzdienstleistungsmanager weltweit bei 16,9 Prozent) ist anzunehmen, dass Finanzprodukte in der Vergangenheit vornehmlich von Männern und für Männer konzipiert wurden. Wer davon ausgeht, dass Frauen diese Dienste mit der Zeit annehmen werden, übersieht, wie Frauen an solche Dienstleistungen herangehen und sie nutzen. Eine von Women’s World Banking durchgeführte Studie deutet darauf hin, dass Finanzdienstleistungen (einschliesslich Darlehen, Sparkonten und Krankenversicherungsangebote), die den Bedürfnissen von Frauen gerecht werden, auch Männer ansprechen.

Das Sparkonto BETA der Diamond Bank beispielsweise ist ein solches Produkt, das speziell auf die Präferenzen von Frauen zugeschnitten wurde. Die Organisation Women’s World Banking hat gemeinsam mit der Diamond Bank an der Entwicklung eines Produktes gearbeitet, das die Herausforderungen angeht, mit denen Marktfrauen in Nigeria beim Zugang zu formellen Finanzdienstleistungen konfrontiert sind. Studien ergaben, dass nigerianische Marktfrauen nur eingeschränkte Möglichkeiten besassen, rechtliche Unterlagen zu beantragen, so dass sie nur entsprechend geringe Beträge sparten und zudem Schwierigkeiten hatten, ihren Marktstand zu verlassen, um Bankgeschäfte in einer Filiale oder am Geldautomaten zu erledigen. Um das BETA-Produkt an die Bedürfnisse dieser Frauen anzupassen, wurden die Know-Your-Customer-Anforderungen vereinfacht: Mindestguthaben oder Gebühren entfielen und die Bank schickte ihre Mitarbeitenden direkt zu den Marktständen. Auf diese Weise konnten die Frauen über das Mobiltelefon des Bank-Mitarbeiters ein Konto eröffnen, Beträge einzahlen oder abheben. 

Wir benötigen mehr noch als neue Weisungen und Quoten einen kulturellen Wandel

Mickey Doshi, CEO der Credit Suisse India

Von Frauen für Frauen

Um ein erfolgreiches Produkt für Frauen zu gestalten, ist es wichtig, Frauen in einem frühen Stadium des Produktentwicklungsprozesses einzubeziehen. Allerdings ist der Anteil an Frauen, die einflussreiche Positionen in der Finanzbranche innehaben, immer noch sehr gering. Gemäss dem 2016 veröffentlichten Bericht «The CS Gender 3000: The Reward for Change» des Credit Suisse Research Institute sind nur 11,6 Prozent der Managementpositionen in Finanzunternehmen von Frauen besetzt. Für Finanzdienstleister ist es daher dringend ratsam, die Zahl weiblicher Führungskräfte zu erhöhen. Dies wird sich positiv auf die Anzahl weiblicher Kunden auswirken. Zudem wird es dazu beitragen, die Geschlechterkluft im Hinblick auf die finanzielle Inklusion zu schliessen.

Um Kapazitäten aufzubauen und weibliche Positionen in (Mikro-)Finanzinstituten in Entwicklungs- und Industrieländern zu stärken, arbeitet die Credit Suisse über die Microfinance Capacity Building Initiative mit der Organisation Women's World Banking zusammen. Deren «Leadership and Diversity for Innovation Program» zielt darauf ab, potenzialstarke Mitarbeiterinnen von Mikrofinanzinstituten und ihre Vorgesetzten zu den Themen Führung und Geschlechtervielfalt zu schulen. Die Schulung dauert ein Jahr und schliesst zwei Präsenzseminarwochen ein. Die Mitarbeiterinnen und ihre Vorgesetzten nutzen das vermittelte Wissen, um auf die weibliche Klientel zugeschnittene Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln.

Das Programm und die Partnerschaft mit Women's World Banking sind globale Engagements. Die Credit Suisse nutzt daher die Möglichkeit, ihre Kernbotschaften rund um die Welt zu platzieren, unter anderem auch in Indien, wo die Programmteilnehmer während eines einwöchigen Präsenzseminars zu Gast waren. Mickey Doshi, CEO der Credit Suisse India, ist der Auffassung, dass «wir mehr noch als neue Weisungen und Quoten einen kulturellen Wandel benötigen und alle unsere Mitarbeitenden einbeziehen müssen, um letztendlich einen höheren weiblichen Anteil in Senior-Management-Positionen zu erreichen. Der Bericht «The CS Gender 3000: The Reward for Change» zeigt einmal mehr, dass die Integration von weiblichen Führungskräften in Unternehmen von entscheidender Bedeutung ist und sich finanziell auszahlt. Als führendes Unternehmen der Finanzbranche möchten wir von anderen Firmen rund um den Globus lernen. Wir sind stolz darauf, das Programm von Women's World Banking zu unterstützen.» 

Quellen:

  • Women's World Banking (2015): Digital Savings: The Key to Women's Financial Inclusion?
  • PriceWaterhouseCoopers (2015): Banks taking a quantum leap through digital, 9th CII BANKing TECH Summit.
  • Ernst & Young (2015): Empowering women: uncovering financial inclusion barriers, Steering trends to serve the goal.
  • The Global Findex Database 2014
  • Iskenderian, Mary Ellen (2015): Why financial inclusion for women is critical for shared prosperity, WEF,
  • The CS Gender 3000 Report (2016)