Sorgenbarometer 40 Jahre Sorgenbarometer

40 Jahre Sorgenbarometer

Das Sorgenbarometer der Credit Suisse misst seit 1976 der Bevölkerung die Temperatur. Die Einführung der Umfrage war bahnbrechend und ihre grosse Kontinuität erlaubt einmalige Einblicke in die Entwicklung des Problemhaushalts von Herrn und Frau Schweizer. Die 11 wichtigsten Erkenntnisse und Veränderungen hat René Buholzer für Sie analysiert.

1976 stirbt der Staatsgründer Chinas, Mao Zedong, im Amt. In Deutschland gewinnt Helmut Schmidt die Wahl zum Bundeskanzler gegen Helmut Kohl, in den USA schlägt Jimmy Carter den amtierenden Präsidenten Gerald Ford. Die Tschechoslowakei wird Fussballeuropameister. Steve Jobs und Steve Wozniak gründen Apple. Milton Friedman erhält den Wirtschaftsnobelpreis.

Und in der Schweiz? Lugano hat über 2046 Sonnenstunden, ABBA dominiert die Hitparade mit «Fernando». 1976 leben rund 6,3 Millionen Menschen hier, der Ausländeranteil beträgt 15,6 Prozent und Rudolf Gnägi (BGB/SVP) wird nach 1971 noch einmal Bundespräsident. Doch die Stimmung ist in den späten 70er Jahren gedrückt: Die Ölpreise haben sich seit der ersten Ölkrise (1973) nicht erholt, der RAF-Terror erreicht auch die Schweiz. Es gibt Initiativen gegen «Überfremdung» und die Zahl Arbeitslose steigt.

Visionär war, dass man repräsentativ Bürgermeinungen abfragte und damit nicht dem Rhythmus von Abstimmungen folgte. 

In dieser Zeit beauftragt die Credit Suisse (damals Kreditanstalt) das Meinungsforschungsinstitut Isopublic, mit «einem wissenschaftlichen Verfahren» und «bei allen Schichten der Bevölkerung» eine Umfrage durchzuführen. Ziel: herauszufinden, was die Schweizerinnen und Schweizer beschäftigt. Als griffiger Titel wird «Sorgenbarometer» gewählt – auch wenn es eigentlich eher ein «Sorgenthermometer» ist: Die Umfrage soll der Bevölkerung die Temperatur nehmen.

«Die Idee, das Sorgenbarometer einzuführen, war visionär», sagt der Politologe Lukas Golder, Co-Leiter der Firma gfs.bern, welche die Studie seit 1995 durchführt. «Meinungsforschung kam damals erst langsam auf und wurde dominiert von Markt und Konsumentenforschung. Visionär war auch, dass man repräsentativ Bürgermeinungen abfragte und damit nicht dem Rhythmus von Abstimmungen folgte», so Golder. Und: «Die Resultate wurden öffentlich zur Verfügung gestellt. Bis dahin galt das Vorurteil, dass man über die direkte Demokratie die Bürgermeinung ja schon zur Genüge kenne.»

Heute, 2016, gibt es einige politische Volksbefragungen in der Schweiz. Doch trotz der Konkurrenz konnte das Sorgenbarometer seine ausserordentliche Stellung halten. Wenn jeweils pünktlich zu Beginn der Wintersession des eidgenössischen Parlaments die neuste Ausgabe erscheint, sieht man viele Politiker mit der Umfrage unter dem Arm durch die Wandelhalle des Bundeshauses gehen. Und so mancher (politische) Vorstoss beginnt mit «X Prozent der Schweizerinnen und Schweizer machen sich viele Sorgen um…», eingeleitet von einer Zahl aus dem Barometer.  

Die Methodologie der Umfrage hat sich über die Jahre in den Grundzügen nicht verändert: Circa 1000 Befragte werden repräsentativ ausgewählt und persönlich befragt. Ihnen werden Kärtchen vorgelegt, die Instruktionen lauten: «Auf diesen Kärtchen sehen Sie einige Themen, über die in der letzten Zeit viel diskutiert und geschrieben worden ist: Sehen Sie sich bitte alle Kärtchen an und legen Sie mir dann von allen Kärtchen jene fünf heraus, die Sie persönlich als die fünf wichtigsten Probleme der Schweiz ansehen.» 

Dieses Jahr feiert das Credit Suisse Sorgenbarometer den 40. Geburtstag. Eine der ältesten und grössten politischen Volksbefragungen deckt damit einige der interessantesten und bewegtesten Jahre der Schweizer Geschichte ab. Was sind die Erkenntnisse? 

1. Die Krise macht Angst

Bereits das erste Sorgenbarometer erscheint im Bulletin, dem ältesten Bankmagazin der Welt (seit 1895). Der Titel der Umfrage ist prosaisch und wenig geschlechterfreundlich: «Was beschäftigt den Schweizer?» Schon damals führt Arbeitslosigkeit (75 Prozent) den Sorgenkanon an, vor Umweltschutz (73 Prozent) und Altersvorsorge (64 Prozent).

Auch die Themen auf den nächsten Plätzen kommen einem vertraut vor: Steuerbelastung (51 Prozent), Inflation (48 Prozent) und Bildungswesen (42 Prozent). 1976 ist ein wirtschaftlich angespanntes Jahr, das wird durch die ganze Umfrage hindurch spürbar. Interessanterweise ist der starke Schweizer Franken ein Problem wie heute. Die Nennung von «Inflation» als grossem Problem geht einher mit der grossen Zustimmung (81 Prozent) zur Aussage, dass die Teuerung sehr dringend oder dringend bekämpft werden müsste. Der Autor der Studie sieht darin den «gesunden Sinn unseres Volkes für das Stabile und Währschafte».

Die grössten Sorgen

1976 2016
  • Arbeitslosigkeit
  • Umweltschutz
  • Altersvorsorge
  • Steuerbelastung
  • Inflation
  • Bildungswesen
  • Konjunkturpolitik
  • Gastarbeiter
  • Wohnungsbau
  • Bankenmacht
  • Arbeitslosigkeit
  • Ausländer
  • Altersvorsorge
  • Flüchtlinge/ Asyl
  • EU/ Bilaterale
  • Gesundheit
  • Euro-Krise/ -Kurs
  • Neue Armut
  • Verkehr
  • Persönliche Sicherheit

Wenig überraschend freut er sich darüber, dass 88 Prozent der Befragten gegen eine Steuererhöhung sind. Schon damals ist das Anliegen aktuell, das Schulsystem zu vereinheitlichen, 92 Prozent bezeichnen das als dringlich. Der Bau von neuen Universitäten wird abgelehnt – zu teuer? –, dafür wird die Förderung von Berufsschulen (83 Prozent Zustimmung) unterstützt – weil man damit etwas gegen die Arbeitslosigkeit tun könnte.

Zuletzt dreht sich das Sorgenbarometer 1976 um Fragen zum Finanzplatz, der generell gut wegkommt: Nur 27 Prozent sind gegen das Bankgeheimnis und nur 20 Prozent sehen zu viel Macht bei den Banken, ein «hochgespieltes Problem», heisst es.

2. Teil der Identität

Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz war international gesehen nie hoch und trotzdem ist sie in den 40 Jahren Sorgenbarometer oft das meistgenannte Problem der Befragten. In den letzten 10 Jahren stand sie jeweils an der Spitze des Sorgenkanons.  

Unemployment
Unemployment

Warum? «Die Angst vor der Arbeitslosigkeit ist symptomatisch für die bröckelnde Mittelschicht. Sie fürchtet um ihre finanzielle Unabhängigkeit und ihren sozialen Status», schreibt Jean Christophe Schwaab, SP-Nationalrat und ehemaliger Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, in der letztjährigen Ausgabe des «Kompasses für die Schweiz», einer Sonderpublikation der Credit Suisse zum Thema. Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, pflichtet ihm insofern bei, als die hohe Bedeutung der Arbeitslosigkeit alles andere als ein Phantomschmerz sei: «Gerade in der Schweiz sind Beruf und Arbeit Teil der eigenen Identität und mithin sinnstiftend.» Die Daten unterstützen diese Aussage. Die Befragten haben über die Jahre die Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt sehr genau registriert: Reale Ausschläge bei der Arbeitslosenquote und beim Bruttoinlandprodukt (BIP) zeigen sich direkt im Sorgenbarometer.

3. Status quo zu gut für Reformen!

Über 40 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer bezeichnen Altersvorsorge/AHV in den letzten zehn Jahren als grösstes Problem der Schweiz, 1976 sind es gar 63 Prozent. Gleichzeitig ist die AHV auch eine Geschichte der gescheiterten Reformen. Vor 21 Jahren ist letztmals eine Rentenreform gelungen, seither lehnt das Volk Vorlagen regelmässig ab. 2004: 11. AHV-Revision und Anhebung der Mehrwertsteuer für AHV/IV; 2010: Anpassung des Mindestumwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge. Wie passt das zusammen?

Eine Erklärung könnte sein, dass im Prinzip jedem klar ist, dass etwas getan werden muss, weshalb das Thema im Sorgenbarometer jeweils weit vorn ist. Die Lebenserwartung bei Geburt ist seit Einführung der AHV (1948) um 14,3 Jahre (Männer) und 14,0 Jahre (Frauen) gestiegen, und gleichzeitig hat die Geburtenziffer von 2,40 auf 1,54 abgenommen (2,08 Kinder pro Frau wären nötig, um die Bevölkerung im Gleichgewicht zu halten). Die Bevölkerungspyramide wird für ein Umlageverfahren wie die AHV immer ungünstiger. Das Problem ist erkannt, doch eine «Lösung» ist für die meisten weniger gut als der Status quo: Ältere Leute müssten länger arbeiten oder auf einen Teil der Rente verzichten. Bereits im Jahr 2021 wird gemäss einer Studie von Avenir Suisse das Durchschnittsalter der Stimmberechtigten 60 Jahre betragen. Die Ü60-Altersschicht wird also Vorlagen beinahe allein entscheiden können. Zudem ist der Begriff «Rentenklau» so stark im kollektiven Bewusstsein etabliert, dass jede Senkung der Rente postwendend als politisch nicht machbar gilt.

Pensions

Den Jungen ist das Problem bekannt, im Jugendbarometer der Credit Suisse belegt es immer einen der vorderen Ränge bei den grössten Problemen der Schweiz. Doch die Jungen allein können keine Abstimmungen entscheiden und wollen wohl letztlich auch von einer guten 1. Säule profitieren. Die AHV scheint zudem zu einem Teil der Erfolgsgeschichte und Identität der Schweiz geworden zu sein. Letztlich ist vielleicht nicht jedem 20-Jährigen bewusst, dass er oder sie im heutigen System zu den Verlierern gehört – unterdessen finanzieren die unteren Altersschichten nicht nur die AHV, sondern auch den zu hohen Umwandlungssatz in der 2. Säule, aktuell 6,8 Prozent (obligatorischer Teil, geplant 2018: 6,6 Prozent). Laut Avenir Suisse sind nur 5,4 Prozent finanzierbar. Der Status quo ist auch deshalb attraktiv, weil das gesamte Vorsorgeprinzip aus drei Säulen (staatliche, berufliche und private Vorsorge) immer besser greift. Wer heute nach einem längeren Erwerbsleben in Rente geht, bekommt meist Geld aus zwei oder drei Quellen.

Die Altersarmut ist gesunken und die heutigen Armen werden mit Ergänzungsleistungen unterstützt. Ausserdem gibt es die Krankenversicherung, die eine solidarische Lösung für Gesundheitsfragen, eines der Hauptprobleme im Alter, darstellt. Bei der Krankenversicherung bezahlen Jüngere mehr als die Kosten, die sie verursachen, die Älteren weniger.

4. Wie zusammenleben?

Das Zusammenleben mit der ausländischen Bevölkerung ist ein konstant wichtiges Thema im Sorgenbarometer. 1976 sorgt man sich um die Gastarbeiter (32 Prozent, Platz 8), dann spricht man von «Überfremdung», später wird eine Kategorie gebildet mit «Ausländer/Personenfreizügigkeit/ Zuwanderung» und eine zweite mit «Flüchtlinge/ Asylfragen». Obwohl diese Unterscheidung im öffentlichen Diskurs bisweilen vernachlässigt wird, ist sie bei den Befragten sehr präsent. Die beiden Sorgen korrelieren nur schwach.

Foreigners

Eine Wechselbeziehung gibt es trotzdem – aber mit einem anderen, realpolitischen Indikator: Steigt die Anzahl der Ausländer in der Schweiz, nimmt auch die Sorge um das Zusammenleben zu. Ausserdem nehmen die Befragten (welt-)politische Veränderungen sehr stark wahr, die einen Einfluss auf die Immigration haben.

Foreigners

5. Differenzierte Sicht

Auch die Sorge um Flüchtlinge korreliert mit einem statistischen Indikator der Schweiz: den gestellten Asylanträgen. Die Anzahl Asylanträge ist neben der Arbeitslosenquote (Arbeitslosigkeit) wohl die Zahl, die am stärksten wahrgenommen wird und direkt einen Ruf nach politischer Reaktion nach sich zieht. Entsprechend wurde das Asylrecht in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich verschärft. Doch das Resultat aus dem diesjährigen Sorgenbarometer deutet darauf hin, dass die Schweizerinnen und Schweizer jetzt zufriedener sind als in den vergangenen Jahren: Die Sorge ging – trotz der vielen Schlagzeilen rund um Flüchtlinge – von 35 Prozent auf 26 Prozent zurück.

Refugees
Refugees

6. Bilaterale als einzige Option

Das Verhältnis der Schweiz zur EU dominiert seit Jahrzehnten viele politische Diskussionen, lange war die entsprechende Sorge bei den Befragten auch sehr präsent. Doch in der diesjährigen Auswertung rangiert «EU/Bilaterale» nur an 6. Stelle (22 Prozent). Warum? Die bilaterale ist die einzige klar mehrheitsfähige Option: 67 Prozent der Befragten geben im Sorgenbarometer an, dass man diesen Weg fortsetzen soll. Ein Alleingang ist nicht mehrheitsfähig, geschweige denn ein EU-Beitritt.

EU/Bilateral Agreements

7. Borkenkäfer & Co.

Zwischen 1976 und 1991 ist Umweltschutz immer unter den drei grössten Sorgen, seither verliert er an Bedeutung. 2007 wird das Thema noch von 7 Prozent der Befragten genannt. Ist das Problem gelöst, wie die Drogenfrage? Nein. Es erzählt eine andere Geschichte.

«Der Spiegel» schlägt im Herbst 1981 Alarm: «Saurer Regen über Deutschland – Der Wald stirbt» steht auf dem Cover vor einer Illustration mit rauchenden Schloten, Giftwolken und kahlen Bäumen. 1983 besucht Bundesrat Alphons Egli den Staatswald Baan bei Zofingen, wo ihn Vertreter des Bundesamts für Forstwesen über neue Krankheitssymptome informieren. Bäume, die dem Laien kaum auffallen, sind für die Förster «vom Tod gezeichnet».

Environmental protection

Dieses Beispiel aus der «NZZ» zeigt verschiedene Aspekte. Erstens ist «Umweltschutz» ein Thema, das durch die Parteifarben hindurch von Naturschützern vertreten wird: Egli ist ein Bundesrat der CVP, die «NZZ» gilt als bürgerlich, der «Spiegel» als sozialdemokratisch. Zweitens wird die Lage dramatisiert: Ob Borkenkäfer oder saurer Regen – vieles stellt sich später als wenig gravierend heraus. Aber das Ziel ist erreicht: Die Menschen sorgen sich um die Umwelt, wie das Sorgenbarometer zeigt, und damit lässt sich Politik machen. Tempolimiten auf den Autobahnen werden diskutiert und autofreie Sonntage durchgeführt.

In diesem Klima wird die Grüne Partei der Schweiz gegründet (1983) und erreicht 1991 bereits einen Stimmenanteil von 6,1 Prozent und 14 Sitze im Nationalrat. Nach einer Baisse bei den darauf folgenden Wahlen erreichen die Grünen 2003 wieder 7,4 Prozent (13 Sitze) – doch zu diesem Zeitpunkt ist das Umweltthema nicht mehr so wichtig. Die Grünen haben sich aber zumindest teilweise bereits von Waldsterben & Co. emanzipiert. Sie sind zur linken Alternative zur SP geworden. Ein anderer Teil der Umweltschützer wiederum findet eine neue Heimat in der Grünliberalen Partei (gegründet 2004 in Zürich, national aktiv seit 2007). 2007 schnellt die Sorge um die Umwelt noch einmal hoch, von 7 Prozent (2006) auf 25 Prozent.

Ein Grund könnte sein, dass Europa in diesem Jahr ungewohnt stark von Naturkatastrophen heimgesucht wird (Orkan Kyrill, sehr starke Waldbrände in Griechenland, Hochwasser in der Schweiz). Die Grünen erzielen ein Rekordergebnis (9,6 Prozent, 20 Sitze). 2011 hingegen, als die nukleare Katastrophe im Kernkraftwerk von Fukushima weltweit Schlagzeilen macht, zeigt sich kein Ausschlag bei der Umweltsorge – auch die Sorge bei «Energiefragen/Kernenergie/Versorgungssicherheit» steigt nur um 4 Prozentpunkte (von 11 Prozent auf 15 Prozent) an.

8. Entzug erfolgreich!

Zwischen 1978 und 1994 finden im Durchschnitt 65 Prozent der Befragten, Drogen seien ein Hauptproblem der Schweiz. Zwischen 1995 und 2016 liegt der Durchschnitt noch bei 15 Prozent. Was ist passiert?

Schon während der Achtziger-Unruhen sind harte Drogen weit verbreitet. 1987 bildet sich die offene Drogenszene in Zürich. Bis zu 3000 Drogensüchtige leben beim Zürcher Landesmuseum am Platzspitz, der als «Needle Park» internationale Berühmtheit erlangt. 1 Prozent der damals 24- bis 25-jährigen Schweizerinnen und Schweizer werden heroinabhängig. Fast jeder hat einen Süchtigen im näheren Familien- oder Bekanntenkreis.

1991 sterben auf dem Platzspitz 21 Menschen am Konsum von Drogen, 3600 müssen wegen einer Überdosis wiederbelebt werden. In der ganzen Schweiz gibt es im Jahr darauf 419 Drogentote, die meisten davon sterben an den Folgen des Heroinkonsums. Die Politik reagiert: 1991 wird das erste Massnahmenpaket des Bundes zur Verminderung der Drogenprobleme eingeleitet, 1992 der Platzspitz geräumt und 1995 auch der stillgelegte Bahnhof Letten und damit die letzte offene Drogenszene in Zürich geschlossen. 1994 wird in den eidgenössischen Räten ein Spitzenwert an politischen Vorstössen zur Drogenpolitik eingebracht, danach nehmen diese rapide ab.

Narcotics

Das Drogenproblem wird schliesslich mit einem gutschweizerischen Kompromiss gelöst, der aus vier Säulen besteht: Prävention, Therapie, Schadensminderung sowie Repression und Marktregulierung. Das Radikale an diesem Ansatz ist die kontrollierte Abgabe von harten Drogen, was rund um die Welt für Schlagzeilen sorgt. Die Anzahl Drogentote nimmt bis 1999 auf die Hälfte ab und die Sorge verschwindet fast aus dem Sorgenbarometer (2016: 10 Prozent).Und auch bei den heutigen Jungen sind Rauschmittel erfreulicherweise kein grosses Thema: Im Jugendbarometer der Credit Suisse, das die Befindlichkeit der 16- bis 25-Jährigen untersucht, findet eine Mehrheit der Befragten, Drogen seien out und sie nähmen auch keine – nur «Handy ohne Internet» ist noch unbeliebter (81 Prozent).

9. Steuerbelastung: Kein Problem mehr?

Im ersten Sorgenbarometer von 1976 ist die Steuerlast ein grosses Thema. 51 Prozent sorgen sich darum, das Thema erreicht Platz vier auf der Sorgenrangliste. Und 88 Prozent lehnen in einer Zusatzfrage Steuererhöhungen ab. In den folgenden Jahren verliert das Thema an Bedeutung, in den achtziger Jahren nennen es gut 25 Prozent der Befragten, in den neunziger und den frühen nuller Jahren rund 20 Prozent, ab 2009 sind es noch rund 10 Prozent. 

Taxes

Auch heute noch sorgen sich 9 Prozent der Befragten um das steuerliche Umfeld. Aber es gibt andere staatlich verordnete Entrichtungen, die stärker im Fokus sind, vor allem die jährlich steigenden Krankenkassenprämien. Die Sorge darum erreicht bisweilen 64 Prozent Zuspruch (2001). Sie bewegt sich fast parallel zu den jährlichen Prämienerhöhungen – auch hier nimmt das Elektorat sehr genau wahr, wie sich der relevante Indikator verändert.

10. Institutionen der Herzen

Im Sorgenbarometer werden nicht nur die Probleme der Schweizerinnen und Schweizer abgefragt, sondern auch, wie stark sie den hiesigen Institutionen vertrauen. Und wenn es um die Politik geht, ist dieses Vertrauen sehr hoch: Ständerat 62 Prozent, Bundesrat 61 Prozent, Nationalrat 57 Prozent. Bei allen drei Kategorien stieg das Vertrauen um ungefähr 10 Prozentpunkte seit 2010. Wie sind die Resultate international einzuordnen? Im «Trust Barometer 2016» von Edelman, einer amerikanischen PR-Firma, liegt der Vertrauensdurchschnitt für Regierungen bei 43 Prozent für 25 untersuchte Länder.

Trust

Die offensichtlichste Erklärung für das gute Resultat der Schweizer Politik ist, dass die Einbindung aller relevanten Kräfte Vertrauen schafft. Die Schweiz hat ein gut funktionierendes Halbberufsparlament, das europaweit zu den kostengünstigsten gehört. Die hiesige Demokratie führt zu Kompromissen, die halten, und zu Gesetzen, an die man sich hält. Ausserdem geht es den Menschen in der Schweiz gut und man fühlt sich sicher – gerade im Vergleich zum Ausland.

Das Vertrauen in die Politik befindet sich auf einem Höchststand, gleichzeitig nehmen die Hauptsorgen ab. Es scheint, als wäre die Bevölkerung zurzeit sehr zufrieden mit «Bern», gerade im Vergleich zum europäischen Ausland.

11. Prognosefähigkeit: Gute Kristallkugel

Die Befragten schauen die Schweiz sehr rational an. In verschiedenen Kapiteln kann gezeigt werden, dass die Probleme, die sie im Sorgenbarometer angeben, eng mit realen Begebenheiten verknüpft sind. Zuletzt nun die Frage: Wie steht es um die Prognosefähigkeit der Schweizerinnen und Schweizer? Jedes Jahr werden sie gefragt, wie sie die kommenden zwölf Monate beurteilen. Wird es wirtschaftlich besser oder schlechter laufen? Gleichzeitig werden sie gefragt, wie sie die letzten zwölf Monate erlebten.

Legt man die beiden Kurven übereinander und verschiebt man sie um ein Jahr, damit Prognose und Rückblick für das gleiche Jahr übereinanderliegen, sieht man, dass die Befragten ein sehr gutes Gefühl für die wirtschaftliche Entwicklung haben. Gute Nachrichten: Für das Jahr 2017 sagen 22 Prozent der Befragten eine Verbesserung voraus (63 Prozent: Es bleibt gleich, 14 Prozent: Es wird schlechter, 1 Prozent: Weiss nicht). 

Aus 40 Jahren Sorgenbarometer lassen sich zwei Faktoren festmachen, die für die Problemwahrnehmung entscheidend sind:

  1. Dringlichkeit: Wie virulent ist ein Thema und wie intensiv wird es in den Medien diskutiert? Viele Sorgen haben direkte Bezüge zu realen Vorkommnissen: Als die Drogentoten in der Schweiz zunehmen, kommt Rauschgift/ Drogenkonsum/Alkoholmissbrauch eine grössere Bedeutung zu. Gleiches beim sauren Regen und dem Umweltschutz.
  2. Relevanz: Wie wichtig ist ein Problem für die eigene Situation? Arbeitslosigkeit trifft uns im Kern, entsprechend rangiert sie auch in wirtschaftlich guten Zeiten relativ weit oben. Die Relevanz sorgt für eine Art «Grundbedeutung» eines Themas. Beispiele für Themen mit grundsätzlich eher tiefer Relevanz sind Drogen oder Umweltschutz. Hier muss viel passieren, damit sie auf einen vorderen Platz kommen.

Ferner lässt sich über die Jahre eine zunehmende Heterogenität der Sorgen beobachten: Früher gab es zwei, drei Hauptprobleme, die vom grössten Teil der Befragten genannt wurden. Heute haben diese «Topsorgen» an Zuspruch verloren, dafür sind viele «kleine» Sorgen dazugekommen. Ein Grund für diese Zersplitterung könnte die sinkende Bedeutung der Leit- und Massenmedien sein. Es gab Zeiten, als die Hauptausgabe der «Tagesschau» täglich gegen eine Million Menschen erreichte, heute schauen noch 600 000 Zuschauer das Programm – wobei die Bevölkerung gleichzeitig zugenommen hat.

Was bringen die nächsten 40 Jahre? Themen mit hoher Relevanz werden sicher auch in Zukunft beschäftigen. Dazu werden (neue) Themen mit akutem politischem Handlungsbedarf («Modethemen») auftauchen: das «Schul- und Bildungswesen»? «Verkehr»?

Nach den ersten 40 Jahren Sorgenbarometer lässt sich sagen, dass das ursprüngliche Ziel mehr als erreicht wurde: Die Umfrage ist der Gradmesser für die politische Befindlichkeit der Bevölkerung geworden und nicht mehr wegzudenken – nicht nur aus der Wandelhalle in Bern.