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Schweizer Gesundheitswesen: Wachstumsmarkt unter Kostendruck

Credit Suisse veröffentlicht den «Monitor Schweiz» für das 1. Quartal 2017

Das Schweizer Gesundheitswesen leistet einen wichtigen Beitrag zur Beschäftigung und zum Wohlstand in der Schweiz. Die jährlichen Ausgaben für Gesundheit belaufen sich auf rund 70 Mia. Schweizer Franken und jede 10. Arbeitsstelle ist in diesem Sektor angesiedelt. Gleichzeitig steht der Sektor angesichts des massiven Kostenanstiegs vor grossen Herausforderungen und wird die wirtschaftliche Zukunft der Schweiz entscheidend prägen. Vor diesem Hintergrund nehmen die Ökonomen der Credit Suisse in der aktuellen Ausgabe der «Monitor Schweiz» Studie das hiesige Gesundheitswesen und die aktuell brennendsten Fragen genauer unter die Lupe. Weiter zeigt die Studie, dass die Finanzierung des Booms im Spitalbau nur teilweise gesichert ist und die Sharing Economy dank Ärztehäusern auch im Gesundheitssektor immer mehr an Bedeutung gewinnt. Ihre vierteljährliche Wachstumsprognose für die Schweizer Wirtschaft belassen die Ökonomen der Credit Suisse für 2017 unverändert bei 1,5%. Die Teuerung dürfte im 2017 wieder positiv sein und bei 0,5% liegen.

Das Gesundheitswesen leistet einen signifikanten Beitrag zur Beschäftigung und zum Wohlstand in der Schweiz. Rund 70 Mrd. Schweizer Franken, mehr als 10% der jährlichen Wirtschaftsleistung, werden hierzulande jährlich für Gesundheit ausgegeben, und bereits jeder Zehnte arbeitet in diesem Bereich. Die weitere Entwicklung des Sektors wird deshalb auch die wirtschaftliche Zukunft der Schweiz entscheidend prägen. Gerade die in den vergangenen Jahren beobachtete Kostenausweitung stellt das Gesundheitssystem aber vor grosse Herausforderungen: Die Gesundheitsausgaben sind in der Schweiz innert zehn Jahren um gut ein Drittel gestiegen. Die Ökonomen der Credit Suisse zeigen in ihrer Analyse auf, dass entgegen der weitverbreiteten Annahme nicht die demografische Alterung hauptverantwortlich für diesen Kostenanstieg war, sondern Faktoren wie der medizinische Fortschritt, individueller Mehrkonsum und systembedingte Fehlanreize. Diese nicht-demografischen Gründe zeichneten sich für etwas mehr als die Hälfte des Kostenanstiegs verantwortlich. Es ist davon auszugehen, dass diese Entwicklung auch in den nächsten zwei Jahrzehnten anhalten wird.

Krankenkassenprämien dürften sich bis 2040 fast verdoppeln, der Fachkräftemangel weiter verschärfen
Laut den Ökonomen der Credit Suisse dürften die Gesundheitskosten bis 2040 jährlich um über 3% zunehmen. Die Schweiz dürfte dannzumal knapp 15% ihrer Wirtschaftsleistung für das Gesundheitswesen aufwenden – heute sind es 11%. «In diesem Szenario werden sich die durchschnittlichen Krankenkassenprämien pro Kopf beinahe verdoppeln», so Andreas Christen, Hauptautor der Studie. In Franken ausgedrückt könnte die durchschnittliche monatliche Prämie der obligatorischen Krankenversicherung von CHF 274 im Jahr 2015 auf CHF 517 im Jahr 2040 steigen. Bereinigt um die generelle Teuerung entspricht dies einem Anstieg um 44%.
Parallel zum Kostenanstieg nimmt auch der Bedarf an Fachkräften zu. Die Ökonomen der Credit Suisse gehen davon aus, dass bis 2040 im Gesundheitswesen zusätzliche 185'000 Vollzeitstellen entstehen, was gegenüber den heute 360'000 Beschäftigten ein Anstieg von rund 50% bedeutet. Anders wird diese Zahl aussehen, falls ein erhöhter Automatisierungsgrad erreicht werden kann: Gemäss den Berechnungen der Studienautoren können im Gesundheitswesen rund 23% der Tätigkeiten als Routinetätigkeiten bezeichnet werden und sind zumindest theoretisch, zum Beispiel im Rahmen der voranschreitenden Digitalisierung, automatisierbar. Sollte eine vollständige Automatisierung dieser Tätigkeiten gelingen, würde der Fachkräftebedarf bis 2040 nur um 67'000 steigen. Eine vollständige Ausschöpfung des theoretischen Automatisierungspotenzials erscheint den Studienautoren aber nicht realistisch.

Ohne weitere Staatsmittel dürften gewisse Spitalinvestitionen nicht finanzierbar sein
Derzeit sind gemäss öffentlich verfügbaren Quellen in der Schweiz Spitalbauten im Wert von rund CHF 16 Mrd. geplant. Viele der heutigen Spitalgebäude wurden in den 1960er-, 1970er- oder 1980er-Jahren errichtet und sind sanierungsbedürftig, sodass bezüglich Investitionen ein Nachholbedarf besteht. Trotzdem wird in der öffentlichen Diskussion befürchtet, dass der Bauboom zu Überkapazitäten und Finanzierungslücken führen könnte. Die Ökonomen der Credit Suisse zeigen, dass die Zahl der stationär behandelten Patienten bis 2030 schweizweit zwar um 25% steigen dürfte, was den Bedarf an Spitalinfrastruktur grundsätzlich erhöht. Zusätzliche Spitalbetten dürften aufgrund sinkender Aufenthaltsdauer, Verlagerungen in den ambulanten Bereich und besserer Bettenauslastung schweizweit gesehen hingegen nur wenige nötig sein.

Ein bedeutender Teil der der geplanten Investitionssumme für Schweizer Spitalbauten ist heute noch nicht gesichert. «Momentan erreichen nur etwa ein Viertel der Spitäler einen genügend hohen Gewinn zur nachhaltigen Finanzierung ihrer Infrastruktur», führt Andreas Christen aus. Trotzdem geht er aber nicht davon aus, dass aufgrund dieses Umstands eine grosse Zahl an Spitäler langfristig schliessen muss. Vielmehr dürften gewisse Kantone – entgegen der Intention des neuen Spitalfinanzierungsgesetztes von 2012 – weiter stützend in den Markt eingreifen. Aus diesem Grund, aber auch angesichts der steigenden Kosten im Gesundheitswesen, gilt es vermehrt neue Finanzquellen zu erschliessen. «Für öffentliche Spitäler ist beispielsweise die Finanzierung über die Finanzmärkte angesichts des Tiefzinsumfelds attraktiv», so Didier Denat, Leiter Corporate & Investment Banking der Credit Suisse in der Schweiz. «Diese Art der Finanzierung könnte durchaus einen Beitrag zur finanziellen Transparenz und damit zur Effizienzsteigerung im Gesundheitswesen leisten».

Ärztehäuser: Synergien erhöhen die Profitabilität der einzelnen Betriebe
Einer der am schnellsten wachsenden Teilbereiche im Gesundheitswesen sind gemäss den Ökonomen der Credit Suisse die Ärztehäuser. Diese stellen sowohl für Patienten als auch für viele Ärzte eine attraktive Alternative zur klassischen Einzelpraxis dar. Patienten können zum Beispiel von längeren Öffnungszeiten profitieren, Ärzte von flexibleren Arbeitszeiten und einer besseren Auslastung von medizinischen Geräten. Gemäss den Berechnungen der Ökonomen der Credit Suisse nahm die Zahl der Ärztehäuser zwischen 2011 und 2014 um 19% auf 1'300 zu. Absolut gesehen war das Wachstum in den Zentren am grössten, relativ zum bisherigen Bestand aber besonders in suburbanen und periphereren Gebieten dynamisch. Dies dürfte gemäss den Autoren damit zusammenhängen, dass in den Zentren bereits vergleichsweise viele Ärztehäuser bestehen und die Konsolidierung der Praxen schon weiter fortgeschritten ist. Insgesamt dürfte die Zahl der Ärztehäuser weiter steigen, da in den kommenden Jahren viele ältere Ärzte pensioniert werden und junge Ärzte klar eine Präferenz in Richtung Gruppenpraxen aufweisen.

Die Publikation «Monitor Schweiz» wird quartalsweise publiziert und ist im Internet in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch verfügbar unter: https://www.credit-suisse.com/research (Schweizer Wirtschaft).
Die nächste Ausgabe erscheint am 14. Juni 2017.