«Die meisten Finanzinstitute verliessen die Region. Wir blieben.»
Schweiz

«Die meisten Finanzinstitute verliessen die Region. Wir blieben.»

Er kam als Kind aus dem kommunistischen Prag ins kapitalistische Jakarta und erlebte später die massiven Auswirkungen der Asienkrise. Seit fast zwanzig Jahren arbeitet Helman Sitohang für die Credit Suisse. Der Asien-Pazifik-CEO weiss: Treue ist seinen Kunden wichtig.

Manuel Rybach: Herr Sitohang, Sie kamen 1965 in der Tschechoslowakei zur Welt. Als Sie neun Jahre alt waren, kehrte Ihre Familie nach Indonesien zurück. Wie hat Sie dieser Umzug nach Asien geprägt?

Helman Sitohang: Prag war eine sehr schöne Stadt, gut organisiert, aber kommunistisch und nicht wahnsinnig energetisch. Jakarta hingegen stand am Anfang der Entwicklung und war kapitalistisch – das fand ich unglaublich aufregend. Es herrschte ein unternehmerisches Flair, fast alles war möglich. Ständig wurde über Business gesprochen, das fiel mir sofort auf. Für mich war es eine prägende Erfahrung, in ein unbekanntes Milieu geworfen zu werden und mich zurechtfinden zu müssen. Das half mir später oft.  

Helman Sitohang

Helman Sitohang, CEO Asia Pacific, Credit Suisse

«Der helvetische Unternehmersinn kommt hier sehr gut an»

Die Bevölkerung der indonesischen Hauptstadt wuchs von 4,5 Millionen Einwohnern in den 1970er Jahren auf über 10 Millionen heute. Wie erlebten Sie den Aufstieg Jakartas zur Metropole?

Unser Haus lag gleich um die Ecke von Sudirman. Das ist heute eine der Hauptachsen der Stadt, doch damals war dies ein Quartiersträsschen, über das ich jeden Tag zur Schule lief und wo pro Stunde ein paar wenige Autos vorbeikamen. Heute ist sie eine dieser berüchtigten Strassen, in denen man stundenlang im Stau steht. Es gab damals in der ganzen Stadt ein Haus mit 18 Stockwerken. Da ging ich mit meinem Vater öfter hinauf; es faszinierte uns, denn aus Prag kannten wir nur flache Plattenbauten. Heute stehen in Jakarta knapp 70 Hochhäuser, die mindestens 150 Meter hoch sind.

Wann entdeckten Sie Ihr Interesse fürs Banking?

Als wir in Jakarta ankamen, sprach ich nur tschechisch, damit kam man nicht weit in der Schule. Ich brauchte ein paar Monate, um die lokale Sprache zu lernen, dafür war ich gut in Mathematik – so konnte ich überleben. Damals entdeckte ich mein Talent für Zahlen. Das, neben der vibrierenden Geschäftsatmosphäre, die ich in vollen Zügen aufsog, weckte mein Interesse fürs Banking.

Sie kamen nach Ausbruch der Asienkrise von 1997 zur Credit Suisse. Die Region befand sich in einem Schockzustand.

Ich begann in Indonesien. Die Situation war kritisch: Mit Ausnahme einer kleineren Delle in den 1960er Jahren hatte sich die Wirtschaft in einem ununterbrochenen Wachstum befunden, nun fiel 1997 plötzlich alles zusammen. Das indonesische BIP schrumpfte um 13 Prozent innerhalb eines Jahres. Niemand hatte je eine solche Situation erlebt und niemand wusste, wie damit umzugehen war. Viele unserer Kunden standen vor dem Ruin, ihnen schmolz förmlich das Kapital weg. Bei einigen der berühmten asiatischen Milliardäre waren die Schulden höher als ihre Vermögen.

Wie reagierten Sie?

Wir hielten zu unseren Kunden und unterstützten sie – selbst wenn das in Krisenzeiten auch für eine Bank nicht immer einfach ist. Die meisten Institute verliessen die Region. Wir blieben. Daran erinnern sich die Kunden heute noch. In dieser Krisenzeit konnte sich die Credit Suisse in Südostasien einen hervorragenden Ruf erarbeiten.

Man muss sich immer der schieren Grösse der Märkte bewusst sein. China, Indien und Indonesien haben zusammen fast drei Milliarden Einwohner. Vier von zehn Menschen auf der Welt leben in einem dieser drei Länder!

Helman Sitohang 

Sie arbeiten für eine Schweizer Bank – wofür steht die «Swissness» in Asien?

Der helvetische Unternehmersinn kommt sehr gut an hier, wobei die CS den Gründergeist ja quasi in der DNA hat. Auch als Stärken werden die Präzision, die Liebe zum Detail und das Qualitätsbewusstsein angesehen. Schliesslich steht die Schweiz für Tradition und Langlebigkeit: Man rennt nicht jedem Trend nach oder lässt die Klienten beim ersten Unwetter im Regen stehen, sondern hält zusammen, wie wir das in der Krise in Indonesien taten.

Ganz generell, was zeichnet asiatische Kunden aus?

85 Prozent der Firmen hier gehören Familien. Dazu gehören kleine Betriebe auf dem Land ebenso wie multinationale Konglomerate, die Milliarden wert sind. Interessant ist, dass diese Firmen oftmals noch von der Gründergeneration geführt werden oder ihr zumindest gehören. Die Bedürfnisse der Kunden ergeben sich durch diese Besitzstruktur: Viele Firmen befinden sich heute in einer Phase des Übergangs zur nächsten Generation, die wohlhabenden Familien möchten ihr Portfolio diversifizieren, die Kunden brauchen generell Unterstützung bei Aktivitäten am Kapitalmarkt – für sich selbst und für ihre Firmen. Zudem beobachten wir einen Boom in der Philanthropie.

Heute sind praktisch alle Finanzinstitute zurück in der Region und haben ambitionierte Wachstumsziele. Auch für die Credit Suisse gilt Asien als Schlüsselmarkt. Was machen Sie anders und besser?

Wie erwähnt hat unsere Bank eine spezielle Stellung hier. Und kein CEO einer internationalen Bank ist länger in der Region als ich. Ausserdem funktioniert unser Modell: Das Investment und das Private Banking arbeiten Hand in Hand, das ist einmalig in der Region und passt hervorragend zu den hiesigen familiengeprägten Besitzerstrukturen. Zudem ist Asien ganz generell zurzeit einfach der interessanteste Markt der Welt: Nirgendwo leben mehr Menschen. Nirgendwo sind die Vermögen in den vergangenen zehn Jahren schneller gewachsen. Nirgendwo gibt es mehr vermögende Menschen.

Viele Firmen befinden sich heute in einer Phase des Übergangs zur nächsten Generation, die wohlhabenden Familien möchten ihr Portfolio diversifizieren, die Kunden brauchen generell Unterstützung bei Aktivitäten am Kapitalmarkt – für sich selbst und für ihre Firmen.

Helman Sitohang 

Wo sehen Sie die grössten Wachstumschancen?

Das Hauptthema ist der Aufschwung der Mittelklasse. Asien ist fast schon ein Lehrbuchbeispiel dafür, welche Sektoren boomen, wenn das verfügbare Einkommen eine gewisse Schwelle überschreitet: Konsumgüter, Unterhaltung, Medien und Gesundheit erfahren eine grosse Nachfrage. Von den Ländern her muss man sich immer der schieren Grösse der Märkte bewusst sein: China, Indien und Indonesien haben zusammen fast drei Milliarden Einwohner. Vier von zehn Menschen auf der Welt leben in einem dieser drei Länder! Ein anderer Trend sind diejenigen asiatischen Schwellenländer, die heute ein ähnliches Wachstum aufweisen wie China vor zehn Jahren. Und auch hier gilt es die Grösse der Märkte zu beachten: Auf den Philippinen, in Thailand und in Vietnam beispielsweise hat es zusammen mehr als halb so viele Einwohner wie in der Europäischen Union.

Bei all dem Hype – welche Risiken muss man in Asien ernst nehmen?

Ohne Zweifel ist das chinesische Wachstum die Unbekannte mit der potenziell grössten Auswirkung. Wir gehen nach wie vor von 6,5 Prozent BIP-Wachstum aus, angetrieben von Infrastrukturinvestments und zunehmenden Exporten. Aber das ist nicht in Stein gemeisselt. Daneben ist die Welt auch in Asien unsicherer geworden. Die grosse Frage lautet, wie sich die Beziehungen zwischen China und den USA entwickeln.

Dieses Jahr richtet die Credit Suisse zum 20. Mal die Asian Investment Conference (AIC) in Hongkong aus, wo solche Fragen erörtert werden. Wie wichtig ist die Konferenz für den Kontinent?

Die AIC ist die grösste und exklusivste Investmentkonferenz in der Region. Sie ist das Stelldichein von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Letztes Jahr besuchten 3500 Personen den Anlass, sie repräsentierten 18 Billionen Dollar Anlagevermögen. Jack Ma, Shinzo Abe, Michael S. Dell oder Lawrence Summers – alle waren schon da. Auch dieses Jahr wird es ein erstaunliches Line-up an Speakern geben, beispielsweise treten Mo Farah oder Glenn Hubbard auf.