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Lara Dickenmann: "Es macht Spass mit den Jungen"

Lara Dickenmann; Frauen-Nationalteam; Frauen-Fussball; Nationalmannschaft; Fussball; Nati

Lara Dickenmann, Sie haben im August bereits zum siebenten Mal die Wahl zum Credit Suisse Player of the Year gewonnen. Haben Sie damit gerechnet?

Nicht wirklich. Natürlich habe ich mich sehr gefreut, aber ich muss gestehen - mit einem etwas faden Beigeschmack. Ich hatte zwar eine gute Saison, aber wenn man diese wertvolle Auszeichnung bekommt, will man beim Saisonhöhepunkt seine besten Leistungen zeigen. Das ist mir bei der EM leider nicht gelungen.

Woran lag es?

Aufgrund von Verletzungen hatte ich die zwei wichtigen Vorbereitungsphasen Anfangs und Mitte Saison verpasst, wo die Grundlage für die Kraft und Ausdauer gelegt wird. Das hat sich gerächt. Ich war bei der EM physisch nicht da, wo ich sein wollte, der Tank war leer.

Trotzdem spielen Sie seit über zehn Jahren auf höchstem Niveau. Was ist das Geheimnis Ihrer erfolgreichen Karriere?

Zum einen meine Familie. Ich wurde von meinen Eltern immer unterstützt. Und wenn ich einmal vom Weg abkam, haben sie mir mit wohlwollender Kritik zurückgeholfen. Dank meiner Erziehung war ich immer selbstkritisch und habe nie aufgegeben, auch in schweren Momenten nicht. Etwa in Lyon, wo ich zu Beginn in die zweite Mannschaft verbannt wurde. Statt davonzulaufen, habe ich mich der schweren Situation gestellt. Das hat mich weitergebracht.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr Nationalmannschaftdebüt im August 2002?

Sehr gute. Wir gewannen auswärts in Clairefontaine gegen Frankreich mit 2:1 und ich habe erst noch einen Treffer erzielt.

Der Schweizer Frauenfussball steckte damals noch in den Kinderschuhen.

Absolut. Die damaligen Verhältnisse sind heute kaum mehr vorstellbar. Wir waren eine absolute Hobby-Truppe. Nur Kathrin Lehmann spielte schon im Ausland, der Rest hat voll gearbeitet oder steckte in der Ausbildung. Trainiert wurde nur abends. Strukturen, welche die Vereinbarkeit von Schule und Sport ermöglichten, existierten nicht. In den Klubs gab es Spesen, aber noch kein Taggeld, von fixen Löhnen ganz zu schweigen. Aber wir haben das Beste daraus gemacht. Es war eine Zeit voller Leidenschaft.

Seither haben Sie 124 Spiele für das Nationalteam bestritten. Was war der schönste Moment?

Der Moment, in dem die WM-Qualifikation feststand. Damit ging ein Traum in Erfüllung, für den wir über ein Jahrzehnt hart gearbeitet haben. Als ich im Nationalteam begann, war eine WM-Teilnahme so weit weg, dass nicht einmal darüber geredet wurde. Es war schlicht unvorstellbar. Damals kassierten wir gegen die besten europäischen Teams regelmässig eine Schlappe.

Sie haben für das Nationalteam 49 Tore geschossen, welches war das wichtigste?

Das war der Ausgleichstreffer gegen Dänemark im Heimspiel 2014. Mit dem Unentschieden hielten wir die starken Däninnen in der WM-Qualifikation vorentscheidend auf Distanz. Aber schön war das Tor nicht - es war ein Penalty.

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Gibt es etwas, das Sie in Ihrer Karriere anders machen würden?

Nicht, was die Wahl der Vereine angeht. Aber natürlich ist man mit 31 schlauer, was den Umgang mit seinem Körper betrifft. Rückblickend war ich als junge Spielerin manchmal fahrlässig in Sachen Regeneration und Prävention.

Mit Ihrem Talent wären Sie als Mann Multimillionär geworden. Wünscht man sich da manchmal, man wäre als Bub zur Welt gekommen?

Nein, ich bin ganz glücklich mit meiner Karriere. Keine Ahnung, ob ich es bei den Männern nach ganz oben geschafft hätte. Die Konkurrenz ist dort viel grösser und es braucht neben Talent enorm viel Disziplin. Ich war nie so diszipliniert wie ein Cristiano Ronaldo, der alles dem Fussball unterordnet. Der Sport war nie das Wichtigste für mich, ich habe daneben immer einen Ausgleich gebraucht.

Nach der EM haben sechs Routiniers ihre Nationalmannschaftskarriere beendet. Haben Sie auch an Rücktritt gedacht?

Ich habe mir das lange überlegt, denn ich war - wie erwähnt - sehr frustriert über meine EM-Leistung. Aber ich wollte mich nicht zu einer Kurzschlussreaktion hinreissen lassen und habe auch mit Vertrauten darüber diskutiert.

Was bewog Sie zum Weitermachen?

Ich mag Herausforderungen und mir gefällt die Verjüngung des Teams. Beim ersten Zusammenzug nach der EM betrug unser Durchschnittsalter 22,8 Jahre. Die Jungen werden ein wenig Zeit benötigen, um sich an das internationale Niveau zu gewöhnen, da die meisten von ihnen in der Schweizer Liga spielen. Aber sie haben grosses Potenzial und sie werden schnell grosse Schritte machen. Mir macht es Spass, mit ihnen zu arbeiten und ihnen - so hoffe ich - auch etwas mitzugeben.

Lastet jetzt noch mehr Verantwortung auf Ihren Schultern?

Die Verantwortung ist gestiegen und das ist gut so. Aber sie lastet nicht auf mir allein, sondern auf mehreren Schultern. Auch Gaëlle Thalmann, Lia Wälti oder Ana-Maria Crnogorcevic bringen grosse internationale Erfahrung mit und verfügen über Leaderqualitäten.

Wo sehen Sie die Stärken dieses Nationalteams?

Im guten Mix aus alt und jung. Und in der grossen Motivation der vielen Neuen. Sie entfachen neues Feuer. Wer noch nie bei einer EM oder WM war, ist noch heisser darauf, dieses Ziel zu erreichen. Das wirkt auf uns Routiniers ansteckend.

Mit zwei Siegen gegen Albanien und Polen ist der Start in die Qualifikation für die WM 2019 optimal gelungen. Erwarten Sie einen ähnlichen Durchmarsch wie bei EM-Qualifikation mit 8 Siegen in 8 Spielen?

Wir müssen uns als Team finden und ich denke, wir müssen unsere Erwartungen etwas anpassen. Mit einer makellosen Siegesserie darf man nicht rechnen. Gerade Polen ist nicht zu unterschätzen. Aber unser Anspruch auf Platz eins, der die WM-Qualifikation bedeutet, der besteht. Daran halten wir fest.

Welche Ziele haben Sie als Spielerin noch?

In erster Linie möchte ich gesund bleiben. Ein Traum wäre es, mit Wolfsburg nochmals die Champions League zu gewinnen. Und die WM in Frankreich, wo ich viele Jahre gelebt habe, wäre ein krönender Karriereabschluss.

Nach der WM 2019 ist Schluss?

Ja. Es sei denn, ich erlebe noch eine zweite Jugend (lacht).

Ist Lara Dickenmann in einigen Jahren Nationaltrainerin?

Eine Trainerlaufbahn würde mich durchaus reizen. Aber eine erfolgreiche Spielerin ist nicht zwangsläufig auch eine gute Trainerin. Klar ist: Das Nationalteam wird mir immer am Herzen liegen. Sollte ich jemals die Möglichkeit bekommen, in irgendeiner Form zu helfen, dann werde ich das tun.

Zur Person

Lara Dickenmann (31), das Gesicht des Schweizer Frauenfussballs, gehört zu den erfolgreichsten Spielerinnen Europas. Die 31-Jährige gewann mit Lyon sechsmal die französische Meisterschaft und zweimal die Champions League. Mit Wolfsburg holte die Mittelfeldspielerin in diesem Jahr das Double. Sie absolvierte 124 Spiele für das Nationalteam und erzielte dabei 49 Tore.