Jugendbarometer 2020: Neues Coronavirus verunsichert junge Menschen weltweit
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Jugendbarometer 2020: Neues Coronavirus verunsichert junge Menschen weltweit

Junge Leute zählen zwar nur in wenigen Fällen zur Covid-19-Risikogruppe, sorgen sich aber dennoch sehr. Welche Auswirkung die Pandemie auf ihr Leben hat, unterscheidet sich aber teilweise stark von Land zu Land – insbesondere bezüglich der Sorgenrangliste, dem Vertrauen in die Regierung, der Zukunft des eCommerce und der Solidarität gegenüber ihren Mitmenschen.

Die Covid-19-Pandemie hat die Welt verändert. Das Coronavirus und der Umgang damit dominieren die Berichterstattung, verändern den Alltag massiv – und verunsichern auch junge Menschen, obwohl nur wenige von ihnen zur Risikogruppe gehören. Das Credit Suisse Jugendbarometer 2020 hat junge Leute zwischen 16 und 25 Jahren in Brasilien, Singapur, der Schweiz und in den USA zum Umgang mit dem Coronavirus und den dazugehörigen Auswirkungen auf ihr Leben befragt und liefert aktuelle Erkenntnisse zu den grössten nationalen Sorgen, dem Verhältnis der Jungen zur eigenen Regierung, der Zukunft des Online-Handels und der Solidarität gegenüber ihren Mitmenschen.

Obwohl die Pandemie verheerende Auswirkungen in allen Ländern verursacht hat, ist sie nur in zwei von vier untersuchten Ländern das grösste Problem gemäss den befragten, Jugendlichen: In Singapur und den USA steht sie mit über 40 Prozent Nennungen an erster Stelle – noch vor öffentlicher Sicherheit in den USA und «Fake News», also Propaganda oder Falschnachrichten, in Singapur. In der Schweiz findet hingegen fast die Hälfte der Befragten, dass die AHV-Sanierung das dringendste Problem sei, in Brasilien ist es die Erwerbslosigkeit – erst danach folgt das Coronavirus. Trotz der Einigkeit in der Sorge um das neuartige Virus verdeutlichen diese Unterschiede in den untersuchten Ländern, dass einige nationale Probleme sogar eine globale Pandemie in ihrer Dringlichkeit übertrumpfen können.

Dabei dürften sich die bestehenden nationalen Probleme gerade durch die Pandemie noch zuspitzen. Das Credit Suisse Jugendbarometer zeigt diese Wechselwirkung in der Wahrnehmung beispielsweise anhand der Resultate für die Schweiz. Die Altersvorsorge belegt in der Schweiz den Spitzenplatz in der Sorgenrangliste: Rund die Hälfte der jungen Schweizerinnen und Schweizer zweifelt heute daran, dass sie genügend Geld haben werden, um nach der Pensionierung komfortabel zu leben. Diese Wahrnehmung wurde durch das neue Coronavirus nun noch verstärkt. Eine Mehrheit der 16- bis 25-Jährigen ist der Meinung, dass der Handlungsbedarf bei der Rentenreform aufgrund der Pandemie an Dringlichkeit zugenommen habe.

Was junge Leute aus der COVID-19-Pandemie folgern

Erfolg führt zu mehr Vertrauen

Das neue Coronavirus hat sich in allen Befragungsländern stark verbreitet, jedoch haben die Regierungen der jeweiligen Länder unterschiedlich erfolgreiche Massnahmen gegen das Virus getroffen: Während in der Schweiz und in Singapur die schnell eingeführten Restriktionen zunächst zu einem vorübergehenden Abflachen der Fallzahlen geführt haben, schiessen die Coronavirus-Fälle in Brasilien und den USA weiterhin in die Höhe. Dem Erfolg der Massnahmen entsprechend vertrauen die Jugendlichen auch ihren Regierungen.

In Singapur vertrauen vier von fünf und in der Schweiz drei von vier Jugendlichen den Massnahmen ihrer Regierungen zur Bekämpfung des Virus. Tendenziell werden die Restriktionen als angemessen empfunden. Obwohl auch junge Menschen in Brasilien und in den USA mit den eingeführten Massnahmen einverstanden sind, vertrauen sie ihren Regierungen deutlich weniger. Etwas mehr als die Hälfte vertrauen den Aktivitäten der Regierung in Brasilien und nur gerade zwei von fünf in den USA. Offensichtlich sinkt die Unterstützung junger Menschen für die Aktivitäten der Regierung, wenn die Fallzahlen weiter steigen.

Das Leben umgestalten

Die Pandemie hat in allen untersuchten Ländern zu Einschränkungen im Alltag geführt –wenn auch in unterschiedlichem Masse. Trotz geringerem sozialen Kontakt, der verschlechterten finanziellen Situation, Maskenpflicht oder landesweitem Lockdown sind sich die befragten Jugendlichen weitgehend einig, dass sie auch Positives über sich gelernt haben: beispielsweise bezüglich ihres Einkaufsverhaltens oder ihrer Freizeitplanung.

Zum einen stimmen 70 Prozent der Aussage zu, dass sie auch gut leben können, wenn sie weniger konsumieren, vor allem in der Schweiz und in Singapur, wo rund zwei von drei Befragten angeben, in den letzten Monaten weniger eingekauft und konsumiert zu haben. In Brasilien und in den USA gaben etwa die Hälfte der Befragten weniger aus. Zudem haben nur Jugendliche in der Schweiz den Drang, ihre Einkäufe nun, da der Lockdown vorbei ist, wieder in herkömmlichen Geschäften zu erledigen. In allen anderen Ländern planen sie, auch in Zukunft vermehrt online einzukaufen. Das ist insofern ein spannender Befund, als die SARS-Epidemie in China in den Jahren 2002 und 2003 ganz massgeblich zu einer stärkeren Verbreitung von eCommerce und Online-Einkauf geführt hat. Es bleibt abzuwarten, ob die derzeit andauernde Pandemie nun einen ähnlichen Effekt auf globalem Niveau haben wird.

Zum anderen haben es die befragten Jugendlichen genossen, dass grundsätzlich weniger los war: Sie mussten sich wegen der Pandemie und der verhängten Massnahmen und Restriktionen nicht entscheiden, wann sie wohin gehen könnten – und hatten deshalb auch keine Angst, etwas zu verpassen. Insofern hatten die erzwungene Ruhe und Entschleunigung auch positive Effekte auf die Jugendlichen und ihr Wohlbefinden – mit Ausnahme von Brasilien, wo sich mehr 16- bis 25-Jährige aufgrund der Krise um ihre Eltern und Grosseltern kümmern müssen.

Mehr Solidarität in der Schweiz

Auch wenn viel Unsicherheit im Zusammenhang mit dem neuen Coronavirus herrscht, weiss man heute, dass Risikogruppen wie ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen deutlich stärker gefährdet sind als gesunde, jüngere Menschen, die mehrheitlich mit milden Symptomen erkranken. Dadurch stellt sich die Frage: Wie wichtig ist es der jüngeren Generation, solidarisch zu handeln und Risikogruppen zu schützen? Unter dem Strich zeigt das Jugendbarometer, dass die Corona-Krise die Solidarität unter ihren Mitmenschen gestärkt hat.

Mehr als die Hälfte der jungen Menschen in der Schweiz und in Brasilien und sogar zwei Drittel in Singapur finden, dass die Gesellschaft ihres Landes in der Corona-Krise näher zusammengerückt ist. Sie sind sich einig, dass die Verbreitung des Virus nur gemeinsam gestoppt werden kann. Zwei von drei Jugendlichen in der Schweiz und sogar fast drei von vier in Brasilien und in Singapur sind sich überdies einig, dass die Solidarität zwischen den Generationen aufgrund des Coronavirus gestärkt wurde.

Umgekehrt wird auch eine gewisse Solidarität der Risikogruppen gegenüber der grossen Masse eingefordert: In allen Ländern finden die Befragten, dass zu Hause bleiben solle, wer besonders gefährdet ist, damit die Mehrheit nicht durch ein paar wenige eingeschränkt wird. Jugendliche fühlen sich demnach der Solidarität verpflichtet und zeigen auch einen stärkeren Zusammenhalt anderen Generationen gegenüber, wünschen sich aber zugleich auch differenzierte und zielgerichtete Einschränkungen, die das normale Leben so gut es geht weiterhin ermöglichen.

Im Vergleich zu den restlichen drei Befragungsländern ist der Solidaritätsgedanken in den USA bei den Jugendlichen etwas weniger ausgeprägt. Knapp die Hälfte finden, die Gesellschaft in den USA sei während der Pandemie stärker zusammengerückt. Dieser Befund ist vermutlich auch ein Abbild der allgemein starken Polarisierung des Landes, die sich nicht zuletzt durch die unterschiedliche Betroffenheit sozioökonomischer Gruppen durch das Coronavirus sowie durch die aktuellen «Black Lives Matter»-Proteste ausdrückt.