Jugendbarometer 2020: Gleichstellung, Nachhaltigkeit und Social Media
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Jugendbarometer 2020: Gleichstellung, Nachhaltigkeit und Social Media

Immer mehr junge Menschen setzen sich für ihre Anliegen politisch ein – und zwar vor allem für Gleichberechtigung und Umweltthemen. Dafür nutzen sie Social Media als Katalysator, was aber wiederum neue Probleme mit sich bringt.

2020 ist es zum ersten Mal «in», zu demonstrieren. Nachdem lange Zeit die weitverbreitete Meinung lautete, dass sich Jugendliche kaum für Politik interessieren und sich noch weniger dafür engagieren, setzen sich heute mehr Jugendliche den je für politische und soziale Anliegen ein – und das kommt auch bei ihrem Freundeskreis gut an.

Vor allem Jugendliche in der Schweiz finden es «in», sich politisch zu engagieren: 22 Prozent aller Jugendlichen geben dabei auch an, selber aktiv an einer Demonstration teilgenommen zu haben oder dies tun zu wollen. Weitere 36 Prozent sind zwar der Meinung, dass solche Veranstaltungen im Trend sind, waren bisher aber inaktiv und wollen auch weiterhin nicht teilnehmen.

Dieses Mass an politischem Engagement ist das höchste, seit das Credit Suisse Jugendbarometer vor zehn Jahren erstmals erhoben wurde. Die repräsentative Befragung von Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren in der Schweiz, den USA, Brasilien und Singapur zeigt zudem auch prägnante Länderunterschiede auf und bietet neue Erkenntnisse zum Nutzen und den Gefahren von Social Media.

Growing commitment to gender equality

Gleichberechtigung wird wichtiger

Ein zentrales Thema, für das sich Jugendliche aus allen Ländern politisch einsetzen, ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Jedoch gibt es Unterschiede zwischen den Ländern: Während eine knappe Mehrheit der Befragten in den USA dieses Thema seit Jahren weit oben auf ihrer Agenda stehen hat, ist sein hoher Stellenwert bei jungen Menschen aus der Schweiz und Singapur neu: Im Vergleich zu 2015 finden rund die Hälfte der Befragten, und damit knapp 20 Prozentpunkte mehr, dass sie sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen wollten und das in ihrem Umfeld «in» sei. Bei den Jugendlichen in Brasilien ist die Einigkeit noch grösser: Über 70% sehen Gleichberechtigung als zentrales Anliegen und wollen sich dafür einsetzen. Dies deutet auf einen globalen Trend hin – und stellt die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau als politisches Thema auf einen Spitzenplatz.

Die Befragten äussern ihren Wunsch nach Gleichberechtigung nicht nur mit Blick auf die Politik, sondern auch auf ihren Alltag und ihre Arbeitgeber: Während ein guter Lohn, ein kreativer Arbeitgeber und ein modernes Umfeld als Faktoren im Vergleich zu Vorjahren auf hohem Niveau etwas weniger wichtig geworden sind , wird – neben der im Pandemiejahr ganz besonders aktuellen Möglichkeit, von zu Hause aus arbeiten zu können – auch wichtiger, dass Frauen genauso eine erfolgreiche Karriere haben können wie Männer. Dieses Anliegen wird von Frauen noch etwas stärker angetrieben. Die Werte beider Geschlechter sind aber sehr ähnlich: 88 Prozent aller Frauen (im Durchschnitt über alle vier Befragungsländer) finden es wichtig, dass Frauen in einem Unternehmen gut Karriere machen können; bei den Männern sind es 86 Prozent.

Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wird in Zukunft weiterhin ein heisses politisches Eisen sein und Jugendliche weltweit scheinen sich einig zu sein, dass Ungerechtigkeiten beseitigt werden sollen.

Engagiert für Umweltthemen

Ein weiteres zentrales Anliegen junger Menschen sind Umweltthemen: In allen Ländern ist die Meinung verbreitet, dass es «in» sei, sich dafür einzusetzen – und in der Schweiz, den USA und in Singapur wurden dafür auch Höchstwerte gemessen. In der Schweiz geben mehr als die Hälfte der Jugendlichen an, sich für Nachhaltigkeit aktiv einzusetzen und darin auch einen Trend zu erkennen. Knapp die Hälfte der Befragten fühlt sich dabei mindestens tendenziell der Klimabewegung zugehörig.

Der Umweltschutz und der Klimawandel werden aller Voraussicht nach in den nächsten Jahren weiterhin weit oben auf der Agenda dieser Generation stehen. Das Thema nimmt für sie privat und beruflich eine wichtige Rolle ein. Zwar verändern sich politische Ansichten im Laufe der Lebensjahre häufig, die Werte und Prinzipien, die einer Person während ihrer Adoleszenz wichtig sind, und die Erfahrungen und Ereignisse aus dieser Zeit, prägen sie jedoch häufig für das ganze Leben.

Social Media vereinfachen politisches Handeln

Zwei Katalysatoren tragen zu dieser Politisierung von jungen Erwachsenen weltweit bei. Zum einen vereinfachen sehr beliebte Apps wie WhatsApp oder Instagram den Austausch unter Gleichgesinnten. Dadurch lässt sich schnell und unkompliziert zeigen, wer sich wofür einsetzt – und ob das bei Freundinnen und Freunden ankommt. Zum anderen sehen Jugendliche bei grossen gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Covid-19-Pandemie, dem Klimawandel, Finanzkrisen oder geopolitischen und sozialen Problemen auch politischen Handlungsbedarf.

So hilfreich die Sozialen Medien dabei als Schmiermittel für weltumspannende soziale Bewegungen sind – sie bringen auch Herausforderungen mit sich: Indem sie immer häufiger nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern auch als Quelle für News immer wichtiger werden, lösen sie klassische Medien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen zunehmend ab. Die Kehrseite der Entwicklung, dass jede und jeder Inhalte erstellen und mit der Welt teilen kann, macht es extrem schwierig, Fake News zu berichtigen und Filterblasen zu vermeiden.

Insofern sind Social Media ein zweischneidiges Schwert: Zum einen erleichtern sie den politischen Austausch und aktivieren politisches Engagement, jedoch können Auslöser für politisches Handeln auch auf Halbwahrheiten oder erfundenen Geschichten basieren. Dieses Problem nehmen auch die befragten Jugendlichen deutlich wahr: In allen vier Ländern rangieren Fake News unter den Top-Sorgen der 16- bis 25-Jährigen. Die politisierte Jugend scheint also einen differenzierten Blick auf ihre eigenen Medien und Mittel zu haben.