Jugendbarometer 2020: Chats und Streamen sind «in», Drogen «out»
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Jugendbarometer 2020: Chats und Streamen sind «in», Drogen «out»

Jugendliche sind in vielen Belangen unterschiedlich, jedoch sind sie sich überraschend einig bei dem, was «in» und «out» ist: Plattformen wie WhatsApp, YouTube und Netflix sind top, Drogenkonsum und Rauchen hingegen Flops. Die Jugend zelebriert einen materiell zurückhaltenden und gesunden Lebensstil.

Grosse Gestelle gefüllt mit Schallplatten, CDs oder Filmen wird man bei Jugendlichen im Alter von 16 bis 25 Jahren kaum mehr finden. Denn für sie ist klar, dass Streaming-Plattformen für Musik und Filme, sprich Spotify, YouTube und Netflix, ihren Bedürfnissen besser entsprechen als das Sammeln von Datenträgern – und natürlich sind sie günstiger. Ausserdem sind Apps, die die jungen Leute mit ihrem Freundeskreis verbinden, äusserst zentral für ihr Leben: WhatsApp oder auch Instagram nehmen Spitzenplätze bei den Angeboten und Aktivitäten ein, die «in» sind. Diesen Online-Diensten gehört die Zukunft, wenn es nach den befragten Jugendlichen geht. Auffallend oft gehören auch seit Jahren Aktivitäten zu den Flops, die heute in der «Cloud» stattfinden. Das gilt beispielsweise für den Austausch mit handgeschriebenen Briefen, aber auch für das Herunterladen von Filmen.

Dennoch sind die Flops über die Jahre eher konstant als die absoluten Trendsetter. So hat sich die Attraktivität von Drogen und Rauchen bei der Generation Y grundlegend gewandelt. Während die Zigarette im Mundwinkel einst als attraktiv galt, gehört das Rauchen konstant zu den grossen Flops. Ebenso gering ist der Anteil Junger, der den Konsum von Drogen in der Befragung als etwas bezeichnet, dass sie «in» finden und selber machen. Diese Aktivitäten nehmen die beiden Spitzenplätze in der Liste der diesjährigen Flops ein – und sind «out». Auch das Trinken von Alkohol liegt auf Platz 17 von 59 bei den Aktivitäten, die unbeliebt sind.

Offensichtlich ist es Jugendlichen weltweit zunehmend wichtig, einen gesunden und materiell zurückhaltenden Lebensstil zu pflegen. Dies belegen die neusten Ergebnisse des Credit Suisse Jugendbarometers, das seit zehn Jahren mit einer repräsentativen Befragung Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren in der Schweiz, den USA, Brasilien und Singapur den Puls fühlt – und dabei globale Trends sowie länderspezifische Erkenntnisse für die Zukunft liefert.

Top trends Switzerland: The rise of streaming and social media

«In»: Digitale Unterhaltung auf Knopfdruck

Streaming-Dienste werden weltweit von Jahr zu Jahr beliebter unter Jugendlichen. In allen vier Ländern nehmen Apps wie Spotify, Netflix oder YouTube Spitzenplätze auf der «In»-Liste ein. Diese Dienste ermöglichen, gratis oder mit einem monatlichen Abo, Zugriff auf sehr grosse Bibliotheken von Musik, Filmen, Podcasts und anderen Angeboten. Während früher das Herunterladen von Unterhaltungsangeboten Zeit in Anspruch genommen hat, ermöglichen diese Dienste den sofortigen Zugang zum Angebot.

Beispielsweise sind die Musik- und Film-Apps Netflix und Spotify in Singapur im Anteil Junger, die diese selber als «in» bezeichnen und gleichzeitig nutzen, von rund 25 Prozent im Jahr 2015 auf über 60 Prozent im Jahr 2020 gestiegen. Ähnliche Anstiege sind auch in den anderen Ländern zu erkennen. Dies verdeutlicht, dass sich diese Dienste in allen vier Ländern von einem Nischenprodukt zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell und Treiber des kulturellen und medialen Wandels entwickelt haben.

Dementsprechend hat der klassische Fernsehkonsum sogar in den USA, wo er als typische und populäre Nebenbeschäftigung gilt, an Attraktivität unter Jugendlichen stark eingebüsst. Es ist durchaus denkbar, dass Streaming-Dienste lineares TV bei der Generation heutiger Jugendlicher mittelfristig ganz verdrängen werden.

Chatten ist «in», Facebook «out»

Ebenso zentral für diese Generation sind Apps, die den sozialen Austausch gestalten: WhatsApp und Instagram sind seit Jahren die zentralen Plattformen, über die Jugendliche mit Freundinnen und Freunden kommunizieren. Auch diese Dienste haben sich von einem Werkzeug trendaffiner Influencer zu einem Service entwickelt, den heute eine klare Mehrheit der Jugendlichen selber nutzt und «in» findet..

Nischenprodukte wie Telegram oder Tinder und andere Dating-Apps gelten unter den Befragten aber als «out» und werden wenig genutzt, was jedoch auch daran liegen könnte, dass diese Apps relativ jung sind, der Markt für sie bereits gut abgedeckt ist, oder sie sich nur für bestimmte Lebenssituationen anbieten. Es sind also nicht alle digitalen Apps, die Dates oder Chats auf Knopfdruck ermöglichen, «in» und werden auch genutzt.

Zudem können gewisse Plattformen an Attraktivität verlieren: Die grösste und am weitesten verbreitete Plattform im Westen, Facebook, wurde 2010 noch von knapp 80 Prozent der Befragten in der Schweiz als «in» bezeichnet und auch genutzt. Nach einem stetigen Sinkflug an Popularität finden 2020 gerade mal noch knapp 30 Prozent der Befragten, dass Facebook «in» sei und geben an, es zu nutzen. Gut möglich, dass es derzeitigen Überflieger-Apps wie Instagram in zehn Jahren ähnlich ergehen wird und eine neue Generation Jugendlicher ganz andere Apps für sich beansprucht.

«Out»: Drogenkonsum und Rauchen sind uncool

Mit Rauchen oder dem Konsum von Drogen will eine klare Mehrheit der Jungen nichts zu tun haben. Über alle Länder hinweg finden 49 Prozent, nicht nur, dass sie selber keine Drogen konsumieren würden, sondern dass dies auch «out» sei. Beim Rauchen sind es 41 Prozent. Weitere 20 Prozent (Drogenkonsum) respektive 22 Prozent (Rauchen) der Jugendlichen geben zwar an, selber keine Drogen zu nehmen oder zu rauchen, sie beurteilen dies im aktuellen Kontext aber eher als etwas, das «in» ist. Beim Konsum von Alkohol hingegen überwiegt die Einschätzung, dass dies «in» sei, und der Anteil Jugendlicher, der selber angibt, Alkohol zu trinken, hält sich ungefähr die Balance mit dem Anteil Junger, der vollständig oder weitgehend abstinent lebt. Dass der Drogenkonsum und das Rauchen so unpopulär sind, mag einerseits eine Geldfrage sein, sind viele der Jugendlichen noch in der Ausbildung oder im Begriff eine Karriere zu starten. Andererseits scheint es hingegen gut möglich, dass ein gesunder Lebensstil auch in Zukunft ein wichtiges Anliegen der heutigen Jugendlichen bleibt.

Was «out» ist, hängt auch stark mit dem jeweiligen Land und den entsprechenden Gegebenheiten zusammen: Zum Beispiel sind Geländewagen und SUVs nur in der Schweiz «out», was dazu passt, dass sich in der Schweiz sehr viele Jugendliche für den Schutz der Umwelt einsetzen. Ebenso länderspezifisch ist das Resultat, dass es in den USA «out» ist, mit dem Nachtzug in die Ferien zu fahren. Das Streckennetz und die zurückzulegenden Distanzen im riesigen Land sind kaum zu vergleichen mit der Situation in Europa, wo das Angebot weiter ausgebaut wird. Schliesslich gelten Autos in Singapur nicht als «in», wo die Anzahl zugelassener Fahrzeuge limitiert ist und ein solches Fahrzeug dementsprechend teuer wäre.