Suche nach einer neuen Strategie
Artikel und Stories

Suche nach einer neuen Strategie

Der Krieg gegen die Ukraine hat die Karten in vielerlei Hinsicht neu gemischt. Nach dem Ende der Sowjetunion vor dreissig Jahren beobachten wir aktuell eine Renaissance des damals vorherrschenden Blockdenkens. Für die Schweiz stellt sich nun die Frage, ob sie Sicherheit innerhalb eines dieser Blöcke sucht oder aber im fluiden Raum dazwischen.

Die Geschichte wird anhand von Krisen geschrieben. Das zeigt der Blick zurück und das zeigt im Moment auch der Blick in die Zukunft. Die modernen Zäsuren unseres Lebens waren das Ende des kalten Krieges, 9/11, die Finanzkrise oder auch Corona. Und nun der Krieg gegen die Ukraine. Wie wird der nächste Winter und wie werden die nächsten 12 Monate? Das sind die Fragen, welche Privatpersonen und Politik in der Schweiz aktuell gleichermassen beschäftigen. 

Wirtschaftssorgen werden neu definiert

Während die Schweiz vergangene Krisen bisher relativ unbeschadet überstanden hat, scheint die aktuelle Situation grössere Sorgen zu bereiten. Dabei steht nicht direkt die Angst vor einem Krieg selber im Zentrum, sondern die Frage, welche Folgen die aktuellen Unsicherheiten mit sich bringen. Noch nie seit 1995 war der Anteil Stimmberechtigter, die davon ausgehen, dass es ihnen in den nächsten 12 Monaten wirtschaftlich schlechter gehen wird, grösser als heute (19%). Dabei geht es nicht in erster Linie um die Angst, den eigenen Job zu verlieren.

Worries of the Swiss

Im Gegenteil: Die Arbeitslosigkeit fällt erstmals seit Beginn der Befragung im Jahr 1988 aus den Top Ten der grössten Sorgen. Vielmehr geht es um die Unsicherheit, ob und wie die Versorgung des Landes und der Erhalt des bisher gewohnten Lebensstandards unter den aktuellen Voraussetzungen gewährleistet werden kann. Neben dem Krieg gegen die Ukraine (20%) und der Angst um den Verlust der Neutralität (13%) ist die Versorgungssicherheit (21%) die dritte Sorge, die es aus dem Stand in die Top Ten von 2022 schafft. 

Besonders grosse Sprünge in der Sorgenwahrnehmung haben dieses Jahr zudem die Teuerung/Inflation (24%, +16pp), Energiefragen (25%, +11pp) oder auch der Preis von Benzin oder Erdöl gemacht (+14%, +8pp). Mit einem Verlust von vier Prozentpunkten (9%, –4pp) ist das Thema der Gleichstellung von Mann und Frau eine der Sorgen, die am stärksten zurückgestuft werden. Angesichts der grossen geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten findet aktuell offenbar eine neue Auslegung der Prioritätenliste der Sorgen statt: Gesellschaftliche Themen rücken in den Vordergrund, postmaterialistische Themen verlieren dagegen an Bedeutung. 

Identität unter Druck

Neben der direkten Demokratie, Föderalismus und dem Milizgedanken ist die Neutralität ein Identitätsmerkmal und eine der Säulen der Schweizer Politik. Die Angst vor dem Verlust dieser Neutralität beschäftigt derzeit jedoch vor allem Wählerinnen und Wähler aus der Mitte, der FDP und der SVP. Bei den Sympathisantinnen und Sympathisanten linker Parteien ist diese Sorge weniger dringlich. Nach verschiedenen Faktoren gefragt, welche die Identität der Schweiz gefährden, spielt der Druck von Aussen in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen aber für viele Befragte eine wesentliche Rolle. Konkret schätzt man die Abhängigkeit der Schweiz von der globalen Wirtschaft (71%), die EU und ihre Probleme (67%), die Einwanderung (60%) oder auch die internationale Öffnung (55%) im Vergleich zum letzten Jahr zunehmend als Gefahr für die Identität der Schweiz ein.

Dass die westlichen Werte im neuen geopolitischen Tauziehen generell unter Druck geraten, erachten 68 Prozent als Gefahr für die Kernidee der Schweiz. Neben den Kräften, die von aussen auf die Schweiz einwirken, identifizieren die Stimmberechtigten aber auch hausgemachte Probleme für die Seele der Nation – allen voran das sinkende freiwillige Engagement (79%) und die Unfähigkeit der Politik, tragfähige Lösungen für Probleme zu finden (78%). Seit einigen Jahren empfinden die Schweizerinnen und Schweizer zudem den Reformstau (67%) und die zunehmende politische Polarisierung (66%) wieder vermehrt als Gefahr für die Identität des Landes.

67 %

der Stimmberechtigten empfinden den Reformstau als Gefahr für die Identität des Landes.

Generationengraben

Wie viel Solidarität zwischen den Generationen effektiv vorhanden ist, wurde insbesondere seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie häufig thematisiert und eine Mehrheit der Stimmberechtigten nimmt die Abnahme dieser Solidarität auch als Gefahr für die Schweiz wahr. Interessanterweise haben gerade jüngere Leute und ältere Generationen dabei eine unterschiedliche Leseweise der Dinge, welche die Identität der Schweiz untergraben: Jüngere Leute fühlen sich von einer vernetzten, globalisierten Welt deutlich weniger bedroht, als dies bei älteren Schweizerinnen und Schweizern der Fall ist. Dafür haben die ganz Jungen und Personen im Pensionsalter ein ähnliches Sensorium für Dinge wie den Reformstau oder die politische Polarisierung – beides Gefahren, die bei Personen mittleren Alters weniger stark wahrgenommen werden. 

Leadership von Politik und Wirtschaft 

Um die politischen Probleme des Landes zu lösen, wünscht sich das Volk wieder mehr Führung seitens des Bundesrats und des Parlaments. Diese Sichtweise hat sich im Laufe der Coronajahre verstärkt und nun 2022 nochmals akzentuiert. Neben der Politik wird auch der Wirtschaft eine wichtige Rolle zugeschrieben, da diese – sofern sie genug Freiräume hat – zuweilen schneller als die Politik Lösungen findet, so die Wahrnehmung der Stimmberechtigten. 

Kein Rückzug ins geopolitische Reduit

Obwohl die Resultate des diesjährigen Sorgenbarometers durchaus kritische Töne gegenüber einer vorbehaltslosen Globalisierung anschlagen, ist der Rückzug ins geopolitische Reduit für die Stimmberechtigten keine wirkliche Lösung. Zwar wird die Neutralität weiterhin hochgehalte und auch gegenüber einer aktiven Rolle der Schweiz in den Geschehnissen rund um den Krieg gegen die Ukraine ist man skeptisch. Ein Rückzug respektive ein Alleingang der Schweiz ist aber für Mehrheiten ebenfalls keine Lösung. Stattdessen ist man der Ansicht, Lösungen für politische Probleme müssten international und mittels einer stärkeren Anbindung der Schweiz gefunden werden. Dass die weltweiten Probleme die Schweiz nichts angehen, dieser Meinung sind in den letzten Jahren immer weniger Leute und gerade wenn es um die Klimapolitik geht, wünscht man sich zunehmend eine Vorreiterrolle. 

Anlehnung an die EU-Position

Traditionellerweise haben die Schweizerinnen und Schweizer eine pragmatische und von wirtschaftlichen Standortüberlegungen geprägte Sichtweise auf die Beziehung zu anderen Staaten. Werte und Normen stehen dagegen eher weniger im Vordergrund. Die aktuellen Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft des Landes dürften darum ein wichtiger Katalysator für den Wunsch sein, sich weg von der Strategie einer eigenständigen Nischenpolitik und hin zu einer stärkeren Anlehnung an die Position der EU zu orientieren. Diese Einschätzung wird dabei von Schweizerinnen und Schweizern durch alle politischen Blöcke bis weit ins bürgerliche Lager hinein geteilt.