Der Vertrauensschwund
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Der Vertrauensschwund

Das Vertrauen in die Schweizer Institutionen geht markant zurück – mit einer Ausnahme: Die Polizei setzt sich an die erste Stelle.

In den Artikeln «Vorteil Schweiz» und «Der Reformstau» akzentuiert sich eine skeptische Haltung gegenüber der Politik und in abgeschwächter Form gegenüber der Wirtschaft. Diese kritische Haltung zeigt sich noch stärker in der Vertrauensrangliste. Fragt man die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, wie gross ihr persönliches Vertrauen in die Institutionen des Landes ist, geben sie eine eindeutige Antwort: «viel kleiner als letztes Jahr». Die 20 untersuchten Institutionen haben insgesamt in einem Jahr mehr als einen Viertel an Volksvertrauen verloren.

Sechs Institutionen haben im Hinblick auf das ihnen entgegengebrachte Vertrauen gar 20 Prozentpunkte oder mehr eingebüsst: EU (–20 PP), Arbeitnehmerverbände (–20 PP), politische Parteien (–22 PP), Arbeitgeberverbände (–23 PP), bezahlte Zeitungen (–23 PP) und die Kirchen (sogar –25 PP). Die Interpretation fällt schwer, da diese sechs Institutionen aus verschiedensten Bereichen stammen. Neben spezifischen Gründen, die das schlechte Abschneiden jeder einzelnen Institution erklären können, könnte die übergeordnete Erklärung im generellen Misstrauen gegenüber den Entscheidungsträgerinnen und -trägern liegen.

Auf der anderen Seite des Spektrums steht einsam die Polizei – sie hat als einzige Institution etwas Vertrauen dazugewonnen (+2 PP) und geniesst erstmals seit 2012 am meisten Zuspruch. Möglicherweise besteht hier ein Zusammenhang mit der «persönlichen Sicherheit», die in der Rangliste der Sorgen am meisten angestiegen ist (+11 PP, Kapitel 1). Das Bundesgericht, das in den letzten 20 Jahren am häufigsten die Rangliste anführte, liegt neu auf Rang 2 (–4 PP).

Das nationale Selbstbild des Landes basiert stark auf seinen Institutionen – und diese stehen in der Kritik. So überrascht nicht, dass 77% die Schweizer Identität gefährdet sehen durch die «sinkende Fähigkeit der Politik, für tragfähige Lösungen zu sorgen», 62% beurteilen die Probleme mit der EU als identitätsgefährdend – die EU gehört auch zu den Institutionen, die 20 PP oder mehr Vertrauen eingebüsst haben, und grundsätzlich ist die Beziehung angespannt. In diesem Kontext wenig überraschend ist auch die Tatsache, dass 61% der Befragten einen Reformstau diagnostizieren.

Interessant ist beim Thema Identitätsgefährdung, dass die «Einwanderung» – zwischen 2004 und 2016 praktisch immer an erster Stelle liegend – weiter an Dringlichkeit verloren hat. Das deckt sich mit den Resultaten aus der Sorgenrangliste, in welcher Ausländerinnen/Ausländer und Flüchtlinge seit 2015 immer weiter in den Hintergrund rückten. Die Skepsis gegenüber den Institutionen zeigt sich in umgekehrter Form, wenn man von den Befragten wissen möchte, auf welche Elemente der Schweizer Politik sie stolz sind. 93% antworten: auf die Volksrechte, also auf Initiative und Referendum. Forschungsleiterin Cloé Jans von gfs.bern sagt: «Die direkte Demokratie ist ein tief verankertes Element der Identität von Schweizerinnen und Schweizern. Die politische Mitbestimmung ist quasi Teil unserer DNA. Es macht Sinn, dass sich der starke Bezug zu diesen Institutionen in Zeiten, in denen man mit der Politik wenig zufrieden ist, noch mehr zeigt.»

Damit bleibt die Frage: Für was steht denn eigentlich die Schweiz? Wenn die Institutionen so kritisch beurteilt werden – was macht uns aus? Mit Abstand am häufigsten wird das Stichwort Sicherheit/Frieden (33%) erwähnt – das passt zur erwähnten Bedeutung der Polizei und der persönlichen Sicherheit. Dahinter folgen die Neutralität (19%) und die Landschaft (15%), danach erscheinen bereits wieder die Merkmale der Volkspartizipation, also Demokratie (14%) und Freiheit/Meinungsfreiheit (12%).

Zuletzt eine schöne Nachricht: Der «Stolz auf die Schweiz» befindet sich – trotz den geschilderten Verwerfungen – auf einem konstant hohen Niveau. 51% sind «eher» und 28% «sehr stolz» auf ihr Land.