Finanzflüsse nachhaltig gestalten
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Finanzflüsse nachhaltig gestalten

Eine umwelt- und sozialverträgliche Wirtschaft wünschen sich immer mehr Leute. Die Finanzindustrie spielt dabei eine zentrale Rolle. Die richtigen Rahmenbedingungen beschleunigen den Prozess zusätzlich.

Auch dieses Jahr stehen im Sorgenbarometer der Credit Suisse Themen, die direkt oder indirekt mit einer nachhaltigen Entwicklung verbunden sind, ganz weit oben auf der Skala. Von der Altersvorsorge über den Umweltschutz / Klimawandel bis hin zur Gesundheit: Immer mehr Menschen sorgen sich um die Zukunft unserer Welt und wünschen sich einen Wandel hin zu einer sozial gerechten, klimafreundlichen und ressourcenschonenden Wirtschaft und Gesellschaft. Dabei wachsen auch die Erwartungen an die Finanzindustrie, die einen aktiven Beitrag zum notwendigen Wandel leisten soll. Die Klima-Jugend verschafft ihren Forderungen für einen grünen Finanzplatz auf der Strasse und in den Medien laut Gehör. Auch das Parlament hat die Finanzwirtschaft im nun verabschiedeten CO2-Gesetz in die Pflicht genommen und festgehalten, dass Finanzflüsse klimaverträglich werden sollen. Und was macht die Finanzindustrie?

Trend zu Anlagen mit positiver Wirkung

Tatsächlich existieren nachhaltige Anlagen in der Schweiz schon seit fast vier Jahrzehnten und der Trend zu solchen Anlageformen hat sich in jüngster Zeit noch einmal massiv beschleunigt. Gemäss der aktuellen Marktstudie zu nachhaltigen Anlagen von Swiss Sustainable Finance sind in der Schweiz derzeit Gelder im Umfang von 1163 Milliarden Franken nachhaltig angelegt, was bereits rund einem Drittel der in der Schweiz verwalteten Vermögen entspricht. Gegenüber dem Vorjahr hat sich das Volumen um eindrückliche 62 Prozent gesteigert. Diese Entwicklung ist Ausdruck veränderter Prioritäten sowohl von privaten wie auch institutionellen Anlegern, die erkannt haben, dass sich gesellschafts- und umweltpolitische Notwendigkeiten mit wirtschaftlichen Entscheidungen verbinden lassen und damit ein dringend notwendiger Veränderungsprozess beschleunigt wird.

Was in der jüngsten Marktstudie besonders auffällt, ist das starke Wachstum unterschiedlicher Ansätze, die alle zum Ziel haben, einen aktiven Beitrag zu einer Veränderung zu leisten. Dazu gehört beispielsweise der verstärkte Dialog mit Unternehmensleitungen, damit diese ihr Geschäftsgebaren vermehrt nachhaltig ausrichten. Auch die aktive Stimmrechtsausübung oder Anlageformen, die direkt zur Armutsbekämpfung beitragen oder in grüne Lösungen investieren, gewinnen an Bedeutung. Es scheint so, als ob Anleger in zunehmendem Masse ihre Einflussmöglichkeiten entdecken und diese auch wahrnehmen.

Enormer Kapitalbedarf für Nachhaltigkeit

Wenn wir uns vor Augen führen, wie viel Kapital nötig ist, um die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, wird aber schnell klar, dass noch viel mehr geschehen muss. Jährlich werden bis 2050 Investitionen im Umfang von weltweit durchschnittlich 3,5 Billionen US-Dollar benötigt, um die weltweiten Energiesysteme so umzubauen, dass das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens erreicht wird. Auf diese enorme Summe kommt das International Panel on Climate Change (IPCC) in einem viel beachteten Bericht – und dabei sind notwendige Massnahmen in anderen Sektoren wie der Landwirtschaft oder der Immobilienwirtschaft noch nicht mitgezählt, geschweige denn Massnahmen zur Erreichung anderer Nachhaltigkeitsziele wie verbesserte Bildung, Bekämpfung des Hungers oder Zugang zu Wasser. Doch wie können jährlich Mittel in dieser Grössenordnung generiert werden?

Finanzflüsse aller Bereiche relevant

Die gesteckten Nachhaltigkeitsziele können nur erreicht werden, wenn sämtliche Finanzflüsse nachhaltig gestaltet werden, was öffentliche Ausgaben ebenso sehr wie Direktinvestitionen von Unternehmen, Finanzierungen durch Banken und Investitionen von Anlegern umfasst. Die EU hat im Dezember 2019 einen «Green Deal» vorgestellt, der sich genau das zum Ziel gesetzt hat: Möglichst alle Finanzflüsse sollen nachhaltig ausgestaltet werden.
 

Es braucht einen CO₂- Preis, der sicherstellt, dass sich klimafreundliche Technologien rasch durchsetzen und CO₂- intensive Technologien obsolet werden.

Sabine Döbeli

Investitionen in umweltfreundliche Technologien sollen wachsen und Innovationen in der Industrie gefördert werden. Das Energie- und das Mobilitätssystem sind klimafreundlich und Gebäude möglichst energieeffizient auszugestalten. Als Basis dazu ist damit begonnen worden, in einer umfangreichen Taxonomie alle wirtschaftlichen Tätigkeiten zu beschreiben, die das Prädikat «grün» verdienen. Unternehmen sollen darüber Bericht erstatten, in welchem Umfang ihre Produkte und Tätigkeiten diesen Vorgaben entsprechen.

Darauf basierend sollen dann Banken und Vermögensverwalter Produkte anbieten, welche Finanzmittel in diese Richtung lenken. Wenn es um die Rolle der Finanzwirtschaft geht, sind nachhaltige Anlageprodukte längst nicht die einzigen Finanzprodukte, die dabei eine Rolle spielen. Andere Instrumente wie Green Bonds, grüne Hypotheken, Versicherungslösungen für erneuerbare Energien oder Gemeinschaftsfinanzierungen für Solaranlagen, die direkt neue grüne Projekte fördern, sind vielleicht sogar noch effektiver. Das Potenzial vieler der genannten Finanzlösungen ist aber bei Weitem noch nicht ausgeschöpft, bestehen doch zum Teil noch erhebliche Barrieren für deren breitere Verwendung.

Richtige Preissignale sind nötig

Es wäre allerdings falsch, den Handlungsbedarf alleine bei den Banken und Vermögensverwaltern zu orten. Entscheidend für eine vermehrte Nachhaltigkeit von Finanzflüssen sind zu einem wesentlichen Teil die richtigen Preissignale in der Realwirtschaft: Letztlich braucht es einen CO2-Preis, der sicherstellt, dass sich klimafreundliche Technologien rasch durchsetzen und CO2-intensive Technologien obsolet werden. Gefordert sind auch die Unternehmen. Sie müssen sich und ihren Stakeholdern transparent Rechenschaft darüber ablegen, welche Massnahmen zum Schutz des Klimas, zu einem schonenden Umgang mit Ressourcen oder zu fairen Arbeitsbedingungen umgesetzt wurden. Aber auch bei Finanzprodukten ist mehr Transparenz zur Nachhaltigkeit von Investitionen angezeigt – gerade im Hinblick darauf, dass es heute noch an einheitlichen Standards mangelt. Die Finanzbranche hat dies erkannt und arbeitet intensiv daran, mehr Klarheit im Nachhaltigkeitsuniversum zu schaffen.

Alle gleichermassen gefordert

Die kommenden Jahre sind entscheidend, wenn es darum geht, die Weichen für eine nachhaltige Zukunft zu stellen. Gefordert sind dabei alle Akteure gleichermassen: Politiker, welche die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, Kunden, die ihren Wunsch nach umwelt- und sozialverantwortlichen Produkten klar zum Ausdruck bringen, und Banken, die passende Produkte bereitstellen und diese auch aktiv anbieten.