«Niemand hat ein Monopol auf die Wahrheit»
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«Niemand hat ein Monopol auf die Wahrheit»

Wie geht es der Welt? Geostratege Fareed Zakaria analysiert den Aufstieg Asiens und die postamerikanische Weltordnung. Er warnt vor der «illiberalen Demokratie» und der Erosion von Verfassungsrechten. Und er beantwortet die Frage, wie westliche Nationen besser mit Globalisierungsverlierern umgehen können.

Fareed Zakaria, Sie zählen zu den profiliertesten Beobachtern und Kommentatoren der Gegenwart. Was ist Ihre Analyse, wo steht die Welt heute?

Wir befinden uns in einer postamerikanischen Weltordnung. Die USA ziehen sich aus einer Welt zurück, die sie wirtschaftlich und machtpolitisch seit fast hundert Jahren dominieren – und niemand tritt an ihre Stelle. China scheint bis jetzt weder die Fähigkeit zu haben, diese Rolle zu übernehmen, noch die Ambition zu zeigen, eine globale Agenda festzusetzen.

Eine instabile Konstellation?

Ja. In gewisser Weise ist die aktuelle Lage ein Experiment, denn in den letzten 250 Jahren hatte entweder Grossbritannien oder die USA eine weltpolitische Dominanz – oder es gab Chaos und Weltkrieg. Darum sprach man von der Pax Britannica oder der Pax Americana. Ein anderes System – Multipolarität zum Beispiel – oder sonst ein Ansatz, wie die Ordnung und Stabilität und die internationalen Strukturen aufrechterhalten werden können, fehlen uns bislang. Das mag etwas pessimistisch klingen, so ist es aber nicht gemeint. Ich sage nur, wir steuern auf einen beispiellosen Moment der Weltgeschichte zu und der Ausgang ist offen.

Ein Machtvakuum führt selten zu Frieden und Prosperität.

Das stimmt leider. Im Nahen Osten lässt sich gut beobachten, wie sich das auswirken kann. Seit dem sowjetischen Rückzug aus Ägypten in den 1970er-Jahren war die Region im Wesentlichen von den Vereinigten Staaten dominiert. Sie nahmen die Rolle ein, die Bismarck für Deutschland im 19. Jahrhundert wollte, das heisst, die USA pflegten bessere Beziehungen zu jedem einzelnen Land als die Länder untereinander, sie waren der Knotenpunkt, über den alle Beziehungen liefen. Dieses System fiel nach dem Irakkrieg auseinander, als die USA nicht mehr bereit waren, so viel Zeit, Geld und Energie in der Region zu investieren. Seither versuchen Israel, die Türkei, Saudi -Arabien oder der Iran Einfluss zu gewinnen. Die Instabilität ist gross. Dazu gibt es eine der schlimmsten humanitären Krisen der Welt. Zwölf Millionen Menschen im Jemen leiden Hunger, weitere zwölf Millionen Menschen brauchen dringend humanitäre Hilfe. Das ist ein dramatischer Fall, und man muss sich fragen, was passiert, wenn sich die Vereinigten Staaten in Asien oder in Europa weniger stark engagieren.

Sie haben China angesprochen: Es mag kein Hegemon wie die USA im 20. Jahrhundert sein, aber sein Bruttoinlandprodukt wuchs innert 20 Jahren um das Vierzehnfache, das Land bestreitet heute 15 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Wie verändert das die Welt Ihrer Ansicht nach?

Auf wirtschaftlicher Ebene ist das eine uneingeschränkt gute Nachricht. Die Anzahl an Konsumenten, Sparern und Investoren in der Welt nimmt zu und diese vergrössern die Weltwirtschaft als Ganzes. Und nach China wird Indien einen ähnlichen Aufschwung erleben. Doch China ist nicht nur wirtschaftlich stark gewachsen, sondern es hat sich auch in der Wertschöpfungskette sehr schnell nach oben vorgearbeitet. Viele Menschen sind überrascht, wenn sie hören, dass von den 20 grössten Technologiekonzernen der Welt bereits 9 aus China stammen. Die anderen 11 sind aus den Vereinigten Staaten, aber noch vor 10 Jahren waren 18 oder 19 Firmen auf dieser Liste amerikanisch. China ist an der Spitze der digitalen Wirtschaft angekommen und wird nun selbstverständlich versuchen, seine eigenen Interessen zu vertreten und Einfluss auszuüben – genau wie früher die USA und wie Grossbritannien. Die interessante Frage wird sein, ob die Vereinigten Staaten bereit sind, diese Ausweitung der chinesischen Eigeninteressen zuzulassen.

Sind sie es?

Darüber habe ich mit vielen Entscheidungsträgern in Washington diskutiert. Diese beklagen sich über Chinas Vorgehen in der Welt. Auf die Frage, wie eine für sie akzeptable chinesische Expansion aussehen würde, haben sie aber keine Antwort. Die Leute haben offenbar noch nicht strategisch darüber nachgedacht, was es konkret bedeutet, wenn ein anderes Land zur wirtschaftlichen Grossmacht und damit zum Konkurrenten aufsteigt. Das ist, was Graham T. Allison die Thukydides-Falle nennt, in Anlehnung an die Angst der Spartaner vor der wachsenden Macht der Athener und dem daraus resultierenden Peloponnesischen Krieg [431 v. Chr. bis 404 v. Chr., Anm. d. Red.]. Eine berühmte Betrachtungsweise über die Vereinigten Staaten besagt, das Land fühle sich nie wohl in Situationen, in welchen es sich weder von der Welt abkapseln noch sie dominieren kann. Genau eine solche Lage haben wir heute.

Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen für das Konzept der liberalen Demokratie, welche die Grundlage der westlichen Nationalstaaten bildet?

Es gibt viele Statistiken und Forschungen, die zeigen, wie die Welt ein immer besserer Ort wird. Die Weltbevölkerung ist gesünder, die Armut nimmt ab, ebenso die Zahl der Kriege. Aber bei einem Parameter lässt sich meines Erachtens nur schwer argumentieren, dass es noch vorwärts geht: bei der liberalen Demokratie. Vor 20 oder 25 Jahren war die Türkei demokratischer als heute. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Ungarn, Polen oder in Indien. Auch in Lateinamerika gibt es diesen Trend. Schauen Sie Brasilien an, und auch Mexiko könnte sich in diese Richtung entwickeln. In all diesen Ländern gibt es eine Regierungsform, die ich «illiberale Demokratie» nenne: die politischen Leader nutzen ihre momentane Beliebtheit, um die liberale demokratische Verfassung erodieren zu lassen.

Die Regierungen in den genannten Ländern wurden alle demokratisch gewählt und einige führen ihre Länder zu wirtschaftlichen Erfolgen. Was genau macht Ihnen Sorgen?

Die liberale Demokratie hat zwei Elemente: das demokratische, dazu gehört die Volksbeteiligung bei Abstimmungen und Wahlen. Und dann gibt es noch das liberale Element, wozu die Rechtsstaatlichkeit, der Schutz der individuellen Freiheit, die Trennung von Kirche und Staat und die Pressefreiheit gehören. Dieses liberale Element ist beispielsweise in den amerikanischen Grundrechten, der Bill of Rights, festgeschrieben. Dies sind unveräusserliche Verfassungsrechte, das heisst, sie können nicht abgeschafft werden, auch wenn das eine Mehrheit möchte. Damit fungieren sie quasi als Kontrollmechanismus für die Demokratie, man muss die Bürgerinnen und Bürger schützen vor der «Tyrannei der Mehrheit», wie Alexis de Tocqueville das nannte. Aber eben diese Verfassungsrechte scheinen in den illiberalen Demokratien zu erodieren.

Warum haben Politiker, die solche illiberalen Systeme anstreben, derart grossen Zulauf?

Die grösste Herausforderung für die gesamte westliche Welt besteht darin, die noch immer tiefe Kluft zu überbrücken zwischen Menschen, die Zugang zu Wissen und Kapital haben und denen es entsprechend gut geht, und Menschen, die diesen Zugang nicht haben. Es ist unterdessen klar, dass diese Kluft vor allem geografischer Natur ist: Die Profi - teure der modernen Welt leben in Städten und urbanen Ballungsräumen, die Verlierer in ländlichen Gebieten. Schauen Sie die Unruhen jüngst in Frankreich an. Es ist der Widerstand derer, die nur dürftig mit der Welt verbunden sind. Sie profitieren nicht vom grossartigen urbanen öffentlichen Verkehrssystem in Frankreich, sondern müssen mit dem Auto zur Arbeit fahren. Sie haben tiefe Löhne und sollen nun die Erhöhung der Ökosteuern mit steigenden Benzin- und Dieselpreisen finanzieren? Vielleicht ein Drittel oder ein noch grösserer Teil der Bevölkerung im Westen hat das Gefühl, er profitiere zu wenig von der vermeintlich wundervollen Welt der Globalisierung und der Informationsrevolution. Sie sehen zwar die Wachstumszahlen und wie die Löhne steigen, aber das hat nichts mit ihrer Lebensrealität zu tun.

Was läuft Ihres Erachtens falsch?

Interessanterweise hat diese Situation den Ursprung darin, dass wir im Westen grossen Wert auf die Meritokratie setzen – viel mehr als in der alten aristokratischen Gesellschaftsordnung. In einer Meritokratie sind Menschen erfolgreich und steigen auf, weil sie gute Leistung abliefern – so ist der Begriff gemeinhin definiert.  Man kann daraus schliessen, der eigene Erfolg sei gerechtfertigt und legitimiert – und damit wird auch suggeriert, dass Menschen, die weniger erfolgreich sind, ebenfalls selber für ihren Misserfolg verantwortlich seien. Nur wird dabei oft ausgeblendet, dass wir eben nicht in einem rein meritokratischen System leben: Menschen haben verschiedene Ausgangslagen, und Faktoren wie Glück spielen ebenfalls eine grosse Rolle. Auf merkwürdige Art und Weise birgt die Meritokratie ein unvorhergesehenes Potenzial zum Klassenkonflikt.

Was kann getan werden, um dieses Ungleichgewicht auszugleichen?

Das ist die ganz grosse Frage. Wir kennen die Kräfte, die die Gesellschaft auseinandertreiben. Aber welche Kräfte bringen uns zusammen? Ich denke, das erste, was wir tun müssen, ist, den Menschen, die von Kapital und Wissen ausgeschlossen sind, mehr Möglichkeiten zu bieten. Für mich bedeutet das beispielsweise mehr Investitionen in Infrastruktur. Wir müssen auch akzeptieren, dass gewisse Tätigkeiten mehr Unterstützung und vielleicht auch mehr Staatsausgaben benötigen. Ich befürworte eine neue Art der Verteilung, die den Fokus auf die Verlierer der Globalisierung und der Informationstechnologie legt. 

Welche Rolle kann Europa in der Welt spielen?

Europa ist ein aussergewöhnliches Experiment, das im Grossen und Ganzen sehr gut funktioniert. Der Kontinent hat Institutionen und Normen geschaffen und bewahrt, die die Freiheit und die individuellen Rechte beschützen. Länder, die sich Jahrhunderte lang bekriegten, existieren heute friedlich nebeneinander und arbeiten zusammen. Das Resultat geht vielleicht nicht so weit, wie sich das manche erträumt haben, aber es ist aussergewöhnlich und eine sehr beachtliche Leistung. Auf der Weltbühne sollte sich Europa nun strategischer und aktiver bewegen und die zweite Säule für Freiheit und Demokratie in der Welt stärken, speziell in einer Zeit, in der die erste Säule, die USA, geschwächt oder zumindest nicht mehr sehr interessiert zu sein scheint an dieser Rolle.

Der Westen hadert, der Osten blüht. Sie haben in Ihrem eigenen Leben erlebt, wie sich der Schwerpunkt der Welt verschiebt.

Als ich in den 1980er-Jahren Indien verliess, war es ein Land von Finsternis und Verderben, von Pessimismus und Rückgang. Ich kam nach Amerika, einem viel positiveren Ort. Dort wurde die Zukunft erfunden. Heute fühlt es sich genau umgekehrt an. Sogar der amerikanische Präsident wirkt doch fast pessimistisch. Sein Slogan «Make America Great Again» impliziert ja eigentlich einen Niedergang. Ganz anders in Indien und an anderen Orten in Asien, wo ein sehr optimistisches Grundgefühl vorherrscht, auch gegenüber der Globalisierung, die dort Millionen und Abermillionen aus der Armut geführt hat.

Wie spüren Sie den Aufschwung, wenn Sie in Indien sind?

Nur ein Beispiel: Ich war bei der verrücktesten Hochzeit der Welt dabei, als die Tochter von Mukesh Ambani, dem reichsten Mann Indiens, heiratete. «Crazy Rich Asians», der Blockbuster über die Jeunesse dorée von Singapur, sieht daneben aus wie ein Film über die Mittelklasse. Der Ambani-Clan ist ein gutes Beispiel für eine typische asiatische Selfmade-Story: In kürzester Zeit entstanden hier unglaubliche Vermögen.

Auch in Ihrer Kindheit war Indien ein sehr hoffnungsvoller Ort, die gewaltfreie indische Unabhängigkeitsbewegung von 1947 schwang nach. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Jawaharlal Nehru, der erste Ministerpräsident Indiens, starb im Jahr, als ich auf die Welt kam [1964, Anm. d. Red.], aber wir hatten Aufnahmen von seinen Reden, die wir hörten, als wäre es Musik. Seine Unabhängigkeitsrede kann ich immer noch auswendig. Auch mein Vater kämpfte als Politiker mit. Meine Mutter war Journalistin. In unserem Haus wehte dieser Wind der neuen Freiheit und der schönen Zukunft, ein Gefühl von Hoffnung und Verheissung lag in der Luft. Gandhi und Nehru gaben den Anstoss zu einem Indien, das auf Pluralismus, Demokratie und Säkularismus beruhte. Meine Familie war muslimisch. Trotzdem begingen wir alle Feste der Hindus, wir feierten Weihnachten und wir hatten sogar einen Weihnachtsmann: Das war mein jovialer Onkel, der später ein muslimischer Fundamentalist werden sollte …

Die Hoffnungen Ihrer Kindheit erfüllten sich nicht.

Als ich das Teenageralter erreichte, begannen die Probleme. Wegen der quasi-sozialistischen Ausrichtung, die Nehru hatte, versagte die Wirtschaft. Seine Tochter Indira Gandhi setzte dann noch drastischere Massnahmen um, sie verstaatlichte Banken und regulierte weiter, dazu gehörten auch hohe Einfuhrzölle, um die Binnenindustrie abzuschirmen. Zwischen 1975 und 1977 wurde die Demokratie ausgesetzt, Oppositionelle eingesperrt und die Presse zensuriert. Es tat weh, das mitanzusehen. Die Erwartungen und der Optimismus aus den 1970er-Jahren waren verflogen.

Wie beeinflussten diese Zeiten Ihre eigene Weltanschauung?

Sie prägten mich als Säkularisten und als jemanden, der Bigotterie und Chauvinismus jeglicher Art zutiefst verachtet, denn das war es, was Indien auf die schiefe Bahn gebracht hatte, und ich konnte die Kosten dafür sehen. Ich erlebte Unruhen, bei denen Tausende und Abertausende von Menschen auf der Strasse getötet wurden. Mein Vater nahm uns mit, er wollte, dass wir das sehen. Ich erkannte die Bedeutung der westlichen Werte beziehungsweise was passiert, wenn sie nicht eingehalten werden. Und ich erkannte, wie ineffizient der wirtschaftliche Sozialismus ist. Nichts funktionierte, er führte zu Stagnation, Korruption und zu einer bürokratischen Elite, die das System zu ihrem eigenen Vorteil missbrauchte.

1982 kamen Sie schliesslich als Student in die USA. Was war Ihr erster Eindruck?

In Indien war ich der Aussenseiter in der Highschool. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler waren nur daran interessiert, Arzt oder Anwalt zu werden und einen Job zu finden. Mich faszinierte der intellektuelle Teil der Schule, ich las und wollte die Welt verstehen – aber ich fand keine Gleichgesinnten. Dann kam ich mit einem Stipendium nach Yale und es fühlte sich an, als käme ich nach Hause. Die Kommilitonen waren genau gleich wie ich. Wir blieben bis vier Uhr morgens wach und sprachen über Politik, Wirtschaft und Literatur. Ein magischer Moment für mich. Ich verliebte mich sofort in Amerika, aber natürlich war das ein ganz spezieller Teil des Landes.

Als Kommentator und Buchautor passen Sie in keine politische Schublade, Sie sind weder rechts noch links, kein klarer Immigrationsbefürworter oder -gegner. Wird das Leben dadurch einfacher oder schwieriger?

Definitiv schwieriger. Ich möchte die Welt verstehen und versuche, jedes Thema vorurteilsfrei anzugehen. Ich handelte mir viel Ärger ein, als ich sagte, einige der Deregulierungen von Donald Trump seien nötig gewesen und ein Grund, warum die USA wirtschaftlich besser dastehen als andere Länder. Es gilt in gewissen Kreisen fast als Verbrechen, so etwas zu sagen, aber das ist nun einmal meine Meinung. Ich hoff e nach wie vor, dass ein grosser Teil der Öffentlichkeit pragmatisch ist und nicht versucht, die Welt zu bewerten, als gäbe es zwei Sportmannschaften und habe ihre Mannschaft immer recht und die andere Mannschaft immer unrecht. Niemand hat ein Monopol auf die Wahrheit. Naturgemäss sind gemässigte Stimmen leiser – aber sie existieren in allen Gesellschaften. Ich verstehe mich als Stimme der vergessenen Mitte.