Lebenswelten in der Schweiz
Artikel und Stories

Lebenswelten in der Schweiz

Der Stadt-Land-Graben, der Generationenkonflikt oder Differenzen zwischen Sprachregionen werden zuweilen politisch und medial stark diskutiert. Die Stimmbevölkerung besinnt sich aber solidarisch auch auf Gemeinsamkeiten.

Individualisierung der Gesellschaft

Mit dem zunehmenden Wohlstand der Gesellschaft, der Steigerung des Bildungsniveaus und der Verkürzung der Arbeitszeiten geht häufig auch eine Individualisierung der Lebensführung einher. Diese Trends lassen sich auch in der Schweiz beobachten. Und wo Lebensstile diverser werden, findet auch eine Pluralisierung der Lebenswelten statt. In der Regel existieren diese verschiedenen Lebenswelten friedlich nebeneinander und sind Ausdruck von immer breiter verfügbaren Chancen und Möglichkeiten. In Kombination mit gesellschaftlichen Megatrends wie der politischen Polarisierung, der Fragmentierung des Mediensystems oder auch mit aktuellen Ereignissen wie der Corona-Krise, besteht aber auch eine gewisse Gefahr von sich vertiefenden Gräben zwischen den verschiedenen Lebenswelten. Denn Individualisierung bedeutet auch Abgrenzung.

Kaum eine politische Entwicklung hat in den vergangenen Jahren für mehr Zündstoff gesorgt als der Stadt-Land-Graben. Eine Auswertung aller nationalen Abstimmungen seit den 1980er-Jahren zeigt aber, dass der Unterschied im Stimmverhalten zwischen städtischen und ländlichen Regionen im Durchschnitt gar nicht so gross ist, wie das häufig den Anschein erweckt: Über alle rund 350 Vorlagen der letzten 30 Jahre sind es durchschnittlich rund 8 Prozent Unterschied pro Vorlage. Hinzu kommt, dass lediglich 20 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz effektiv auf dem Land wohnen. Von den restlichen 80 Prozent lebt die Mehrheit in Agglomerationen, die effektiv eine Art Bindeglied zwischen den Kernstädten und dem Land darstellen. Da also die meisten gar nicht klar «auf dem Land» oder «in der Stadt» wohnen, sondern irgendwo dazwischen, sind es vielmehr gewisse Themen, die diesen Stadt-Land- Graben hervorheben.

So zeigt das Credit Suisse Sorgenbarometer unterschiedliche Sorgenwahrnehmungen je nach Siedlungsart: Je ländlicher jemand lebt, desto grösser ist beispielsweise die Sorge um die Corona-Pandemie und ihre Folgen. Ähnlich gestaltet es sich auch bei der Frage der Löhne oder der Teuerung, die auf dem Land rund doppelt so vielen Sorgen bereiten, als dies in der Stadt (oder auch in der Agglomeration) der Fall ist. Im urbanen Raum ist dagegen die Sorge um den Klimawandel ausgeprägter als auf dem Land und insbesondere in der Agglomeration. Während die Klimasorge in den Städten insbesondere auch durch das dort stark vorhandene linksliberale Milieu ausgeprägt sein dürfte, ist es auf dem Land die Nähe zur Natur, die das Thema stärker befeuert als in der Agglomeration, die strukturell zwischen diesen beiden Lebenswelten steckt. Ein Aspekt, bei der die Wahrnehmung zwischen Stadt und Land auffallend divergiert, ist die generelle Entwicklung der Schweizer Demokratie. Während sich in den Städten neun Prozent um die Schwächen der direkten Demokratie sorgen, sind es auf dem Land lediglich vier Prozent. Ebenfalls ist der Anteil Personen, der in der politischen Polarisierung, dem zunehmenden Reformstau oder der sinkenden Fähigkeit der Politik für tragfähige Lösungen eine Gefährdung der nationalen Identität sehen, in den Städten höher als auf dem Land. Auf dem Land ist dagegen der Anteil Personen, der eine sehr grosse Gefahr für die Identität aufgrund des Stadt-Land-Grabens ausmacht, deutlich höher (23%) als in der Stadt (13%).

Unterschiedliche Prioritäten zwischen Deutschschweiz, Romandie und Tessin

Während der sogenannte Röstigraben etwas an Sprengkraft verliert, werden in den drei Sprachregionen der Schweiz dennoch unterschiedliche Prioritäten gesetzt. In der Deutschschweiz fällt auf, dass die Klimafrage, die Altersvorsorge, die Beziehungen zur EU, die Migrationsthematik oder auch soziale Fragen stärker im Fokus der Sorgenwahrnehmung der Leute sind, als dies in den restlichen Sprachregionen der Fall ist. Das Unbehagen über die Übernahme von Schweizer Unternehmen durch ausländische Investoren ist in der Deutschschweiz zudem deutlich ausgeprägter als sonst in der Schweiz.

In der französischsprachigen Schweiz ist die Sorge um die Beziehungen zur EU ähnlich ausgeprägt wie in der Deutschschweiz. Mit Bezug auf die Wahrnehmung der Kosten im Gesundheitswesen ist man dagegen näher bei der italienischen Schweiz.

Südlich der Alpen schliesslich präsentiert sich die Landschaft der Sorgen noch einmal etwas anders: Bei wirtschaftlichen Fragen wie Arbeitslosigkeit, neue Armut oder Einkommen sind die Sorgen deutlich ausgeprägter als in der Deutschschweiz, jedoch auch im Vergleich zur Romandie. Zudem werden Sicherheitsaspekte, zum Beispiel in Bezug auf die Versorgung oder die Terrorismusgefahr, stärker gewichtet als in den anderen Sprachregionen. Ausgeprägt sind auch die Sorgen mit dem aktuellen Verkehr (Stau) beziehungsweise der Blick auf die Zukunft der Mobilität. Diese Region weist ja nicht nur einen regen Grenzverkehr mit Italien auf, sondern ist auch ein Tourismus-Hotspot der Schweiz. Die bringt neben postiven wirtschaftlichen Aspekten eben auch einen starken Binnenverkehr.

Die zehn Top-Sorgen der Schweizer 2021

Die Generation als Lebenswelt

Nicht nur die städtische oder ländliche Umgebung oder die Sprachregion, auch das Alter einer Person verändert die Prioritäten: Die Generationensolidarität respektive der -konflikt wurde nicht nur im Zusammenhang mit der Sanierung der AHV, einer der grössten politischen Reformbaustellen unserer Zeit, sondern auch in der Zeit der Corona-Pandemie wiederholt zum Thema. Im Kompass-Abschnitt zur Sorgenwahrnehmung wird ersichtlich, dass bei Jungen weltweite Trendthemen wie Klimaschutz oder Gleichstellung die Prioritäten prägen. Ältere Personen sind in ihrer Sorgenwahrnehmung hingegen weniger postmaterialistisch und gewichten beispielsweise Sicherheitsaspekte höher.

Gerade die Corona-Krise hat bei vielen, aller Unterschiede in den Lebenswelten zum Trotze, aber auch wieder ein relativ grosses Empfinden der Solidarität und einen Anstieg im Stolz auf das eigene Land ausgelöst. Rund 70 Prozent sind der Meinung, man sei in dieser schwierigen Zeit solidarisch zusammengestanden, habe sich gegenseitig unterstützt. Und weitere 64 Prozent finden, dass die Krise vor Augen führe, dass viele politische Konflikte im Alltag eigentlich unwichtig seien. Nachdem der Stolz, Schweizerin oder Schweizer zu sein, in den letzten Jahren etwas gelitten hat, ist dieses Jahr nun wieder ein Anstieg zu beobachten.