Leben im Angesicht der Unsicherheit
Artikel und Stories

Leben im Angesicht der Unsicherheit

Die Corona-Pandemie führt den Stimmberechtigten die Resilienz der Schweiz in Zeiten der Krise vor Augen. Zwar beobachten die Schweizerinnen und Schweizer das Handeln von Politik, Wirtschaft und Medien in diesen unsicheren Zeiten genau, sehen Verbesserungsmöglichkeiten und wägen ab, wenn es um das geäusserte Vertrauen geht. Von existenziellen Sorgen sind jedoch die allerwenigsten geplagt.

Die Corona-Pandemie verdeutlicht, dass das Leben – auch in der Schweiz – zunehmend durch Unsicherheit geprägt ist. Wir leben heute in einer sogenannten «VUCA-World». Das Akronym steht für die englischen Begriffe «Volatility», «Uncertainty», «Complexity » und «Ambiguity». Der Begriff wurde in den 1990er-Jahren am United States Army War College geprägt, um die sich verändernde Welt nach dem Ende des Kalten Krieges zu beschreiben. Seit der Geburtsstunde des Begriffes bis heute wurde die Welt wiederholt mit neuen Unsicherheiten konfrontiert: 9/11, die globale Finanzkrise und geopolitische Herausforderungen. Nun zuletzt verdeutlicht die Corona-Krise, dass auch die Schweiz Teil dieser VUCAWelt ist und im Kern durchgeschüttelt wird.

Krisenresistente Schweiz und unbesorgte Stimmberechtigte

Aber: Die jüngere Vergangenheit zeigt, dass die Schweiz insgesamt relativ krisenresistent ist. Zumindest, wenn man sich an den Einschätzungen der Stimmberechtigten orientiert. Sie geben an, dass die Schweiz eine hohe Resilienz hat. Bei der Frage nach ihrem aktuellen wirtschaftlichen Wohlbefinden oder der Einschätzung der wirtschaftlichen Situation in der Zukunft etwa, schlagen sich Krisen wie die Finanzkrise (2008), die Euro-Krise (ab 2010) oder auch der Frankenschock (2015) kaum in schlechteren Werten nieder. Vor dem Hintergrund der enormen Kosten für Wirtschaft und Staat, die durch die Pandemie ausgelöst werden, steht die Frage nach den langfristigen finanziellen Konsequenzen von Corona im Raum. Die Stimmberechtigten sind dabei der Meinung, die angehäuften Schulden sollen in den nächsten 20 Jahren (auch mit Sparmassnahmen) abgebaut werden. Die Sorge um eine erhöhte Steuerbelastung scheint jedoch im Vergleich zu den letzten zwei Jahren nicht mehr Leute umzutreiben. Auch dass die breit zugängliche Unterstützung der Wirtschaft in der Krise plötzlich alle bequem werden lässt und sie sich in Zukunft vom Staat durchfüttern lassen werden, ist keine Sorge, welche eine Mehrheit teilt. Und obwohl zuweilen über eine Million Arbeitnehmende in der Schweiz von Kurzarbeit betroffen waren, verliert die einstige Top-Sorge, die Arbeitslosigkeit, auch in diesen ökonomisch so wenig vorhersehbaren Zeiten weiterhin an Bedeutung – mindestens auf nationaler Ebene.

Trend aktuelle individuelle wirtschaftliche Lage

Trotz Corona: Schlechter gestellte Personen gewinnen Optimismus

In der lateinischen Schweiz, bei Personen mit tiefer Bildung oder einem Haushaltseinkommen von 3000- bis 5000 Franken sind die Sorgen einer möglichen Arbeitslosigkeit höher als bei besser gestellten Personen. Ebenso beurteilen Personen, die finanziell weniger gut gebettet sind oder einen tieferen Bildungsabschluss haben, ihre aktuelle wirtschaftliche Lage schlechter, als dies bei besser gestellten Personen der Fall ist. Überraschend ist hingegen, dass sich gerade in den letzten drei Jahren in der Wahrnehmung dieser Bevölkerungssegmente eine deutliche Verbesserung in der Einschätzung ihrer aktuellen und künftigen Lage eingestellt hat. Dieser Befund ist angesichts der Pandemie doch einigermassen erstaunlich, da gerade diese Gruppen häufig besonders von Massnahmen wie Kurzarbeit oder Lohneinbussen betroffen waren.

Trend Stellenverlust nächste 12 Monate

Vertrauen auch während der Pandemie vorhanden

Während die Krisen seit Ende der 1990er-Jahre primär ökonomischer Natur waren, was mit den sehr soliden Staatsfinanzen der Schweiz einigermassen abgefedert werden konnte, geht die aktuelle Corona-Krise über rein wirtschaftliche Aspekte hinaus und schafft auch Unsicherheit, was das gesellschaftliche Leben und das politische Funktionieren des Landes betrifft.

57% sind der Meinung, die Schweiz habe die Corona-Krise besser gemeistert als alle anderen.

Dennoch: Die Schweiz erhält selbst in dieser fundamentalen Krise noch recht gute Noten. 57 Prozent der Stimmberechtigten in der Schweiz sind der Meinung, dass die Corona-Krise gezeigt habe, dass es die Schweiz besser macht als alle anderen Staaten. Auch der Anteil Stimmberechtigter, der der Politik oder der Wirtschaft Versagen vorwirft, hält sich in Grenzen und ist in den letzten eineinhalb Jahren nicht in die Höhe geschnellt. Und: Während das Vertrauen in Akteure im Bereich Politik, Wirtschaft und Medien zwar etwas unter Druck geriet und durchaus Kritik an gewissen Aspekten der Pandemiebewältigung geäussert wird, kann von einer generellen Vertrauenskrise nicht die Rede sein. Gerade der Bundesrat geniesst im Vergleich über die letzten rund 15 Jahre auch 2021 hohe Vertrauenswerte. Beim Parlament, aber auch den Medien fällt der langfristige Trend dagegen etwas weniger positiv aus.

Andere Akteure verlieren weiterhin an Vertrauen, obwohl sie für das unmittelbare Funktionieren von Wirtschaft oder Politik notwendig sein könnten, indem sie Stabilität und Sinn stiften: Weder die Armee konnte im Mittelwert an Vertrauen gewinnen, noch konnten die Kirchen ihren anhaltenden Vertrauensverlust der letzten Jahre wettmachen.

Vertrauen in Schweizer Institutionen 2021

Verbesserungspotenzial beim Krisenmanagement und Föderalismus

Zweifel herrscht auch darüber, inwiefern der Föderalismus in Zeiten von Krisen und Unsicherheit die richtige Organisationsform ist. Immerhin 63 Prozent wünschen sich unter solchen Umständen mehr Kompetenzen beim Bund und weniger bei den Kantonen. Gerade das Krisenmanagement im Herbst 2020 wurde von einer Mehrheit nicht als gelungen empfunden.

Während also die Schweiz sich als resilient gegenüber Krisen erweist, zeigten sich das Krisenmanagement, die hinterherhinkende Digitalisierung und der Föderalismus als wenig hilfreich, um die Pandemie zu bewältigen. Zudem konnten sich die Wirtschaft, Medien und die Armee – trotz ihres unermüdlichen Einsatzes während der Pandemie – nicht profilieren. Die Krise hat in den Augen der Stimmberechtigten jedoch auch Momente der Solidarität geschaffen und bei den Stimmberechtigten das Gefühl ausgelöst, dass die Schweiz in Zeiten von Krisen und Unsicherheiten zusammensteht und Lösungen findet.