«Die einzige Option ist, den Kampf zu verstärken»
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«Die einzige Option ist, den Kampf zu verstärken»

Nach einer erfolgreichen Bankkarriere übernahm Peter Sands, ehemaliger CEO von Standard Chartered, die Leitung des Global Fund. Die Bekämpfung von HIV, Malaria und Tuberkulose ist eine Aufgabe, die er «nicht ablehnen konnte».

Interview Marisa Drew, CEO Impact Advisory and Finance, Credit Suisse

Peter Sands, Sie stehen dem 2002 gegründeten Global Fund vor, der weltweit grössten Initiative zur Bekämpfung von HIV, Malaria und Tuberkulose. Wie sieht die Lage bei den drei Infektionskrankheiten heute aus?

Im Jahr 2017 starben an diesen drei Krankheiten zusammen fast drei Millionen Menschen. Der grösste Teil davon lebt in den ärmsten Gegenden der Welt. Doch vor einem Jahrzehnt war diese Zahl noch fast doppelt so hoch. Wir haben beträchtliche Fortschritte gemacht, aber es bleibt viel zu tun, wenn wir diese Epidemien wirklich stoppen wollen.

Wie präsentiert sich die spezifische Situation bei den drei Krankheiten, angefangen bei HIV?

Einer der grössten Triumphe der Menschheit ist, dass wir diese tödliche Krankheit durch eine moderne, antiretrovirale Therapie in eine chronische Krankheit überführen konnten. Der nächste Schritt muss sein, die Ansteckungsrate zu senken. Doch da kämpfen wir gegen eine Reihe von Vorurteilen und Diskriminierungen. Die Betroffenen sind oft Sexarbeiterinnen und -arbeiter und Männer, die Geschlechtsverkehr mit anderen Männern haben, sowie Leute, die Drogen injizieren. Ebenso sind Migranten, Flüchtlinge und Gefangene überproportional betroffen. Diesen Gruppen ist der Zugang zu Gesundheitsdiensten oftmals erschwert, oder sie haben Angst, diese zu nutzen. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass Mädchen und junge Frauen, insbesondere im östlichen und südlichen Afrika, zu wenig geschützt sind. In gewissen Regionen ist die Infektionsgefahr für eine 18-jährige Frau fünfmal so hoch wie für einen 18-jährigen Mann.

Was muss man tun?

Wir unterstützen Initiativen, die Mädchen dafür bezahlen, in der Schule zu bleiben. Dort stecken sie sich erwiesenermassen weniger häufig an. Wir finanzieren Programme zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt. Und natürlich unterstützen wir auch klassische Präventionsarbeit und versorgen Kliniken mit Kondomen. Aber die Hauptursachen liegen tiefer: HIV hat wie erwähnt viel mit Gleichberechtigung und mit Menschenrechten zu tun, die nicht respektiert werden.

Wie sieht die Lage bei Malaria aus?

Da gibt es zwei verschiedene Herausforderungen. Einerseits haben wir eine Reihe von Ländern, die auf dem besten Weg sind, Malaria zu eliminieren. Argentinien und Algerien haben das eben geschafft, andere sind kurz davor. In diesen Ländern besteht die Herausforderung darin, die politische Aufmerksamkeit und die Finanzierung nicht ganz einzubüssen. Sobald man Malaria aus den Augen verliert, steigen die Fallzahlen wieder an. Andererseits gibt es eine zweite Gruppe von Ländern, die nach wie vor sehr viele Ansteckungen verzeichnen. Dort ist es uns zwar gelungen, die Anzahl der Todesfälle durch bessere und schnellere Diagnose und durch eine bessere Behandlung zu reduzieren. Doch leider sind wir nicht sehr erfolgreich darin, die Übertragung zwischen Moskito und Mensch zu unterbrechen. Ein Moskito lebt rund zwei Wochen. In diesem Zeitraum muss er jemanden stechen, der bereits mit Malaria infiziert ist, um den Parasiten aufzunehmen, und er muss jemand Zweites stechen, der keine Malaria hat, damit die Krankheit weiterlebt. Erst wenn wir diesen Kreislauf durchbrechen, reduzieren wir Malaria.

Leider sind wir nicht sehr erfolgreich darin, die Übertragung zwischen Moskito und Mensch zu unterbrechen.

Zuletzt zur Tuberkulose. Wie steht es um diese Krankheit, die laut neuerer Forschung so alt sein könnte wie die Menschheit an sich?

Ich bin froh, dass Sie das Alter von TB erwähnen. In den 1930er- und 1940er-Jahren war TB in Europa und den USA diejenige Infektionskrankheit, an der die meisten Erwachsenen starben, in den 1950er-Jahren war das in Japan der Fall. Doch das haben wir völlig vergessen. Tuberkulose hat heute nicht annähernd die Aufmerksamkeit von HIV oder Malaria. Das müssen wir ändern – und das ist ein erklärtes Ziel von mir.

Inwiefern gefährdet TB denn heute noch die Menschheit?

Die grösste Gefahr ist, dass zu viele Träger nicht diagnostiziert und folglich nicht behandelt werden. Etwa 10 Millionen Menschen pro Jahr erkranken an TB, etwa 3,6 Millionen davon wissen es nicht. Man muss kein Experte sein, um zu begreifen, dass 3,6 Millionen Menschen, die unwissend mit einer hochansteckenden Krankheit infiziert sind, ein grosses Problem darstellen. Wir können nicht warten, bis die Patienten in der Klinik auftauchen, sondern müssen diese proaktiv suchen. Ein weiteres Problem ist eine neuere Art der Tuberkulose, die «multidrug-resistant tuberculosis». Sie spricht nicht auf die übliche Antibiotika-Behandlung an und tötet etwa die Hälfte aller Menschen, die sich infizieren. Damit stellt sie eine erhebliche Bedrohung für die globale Gesundheit dar. Wir können es uns nicht leisten, bei der Entwicklung neuer Antibiotika zögerlich oder abwartend zu sein.

Das dritte Sustainable Development Goal (SDG) der Uno fordert, die drei Krankheiten bis 2030 auszurotten. Ist das realistisch?

Eine komplette Austilgung der Krankheiten selbst ist sehr schwierig zu erreichen und braucht wohl mehr Zeit. Aber wir sollten in der Lage sein, die Epidemien zu stoppen, also dafür zu sorgen, dass diese Krankheiten keine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit mehr sind.

Sie haben über Ihre klare Zielsetzung gesprochen. Können Sie uns von den Erfolgen erzählen, die der Global Fund bisher erzielt hat, und uns einen Einblick in die dazugehörigen Zahlen gewähren?

Die Zahl der an Aids gestorbenen Menschen ist um über 55 Prozent gesunken. Bei Malaria konnte die Sterberate um 60 Prozent gesenkt werden. Etwas weniger erfolgreich waren wir im Hinblick auf Tuberkulose, dort sank die Sterberate um etwa 40 Prozent. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass der Global Fund seine Strategie und Zielsetzung angepasst hat. Der Global Fund wurde in einer Krisenzeit gegründet und musste auf eine Notsituation reagieren. Das Ziel war es, akut gefährdete Menschenleben zu retten. Dieses Ziel haben wir ergänzt und fokussieren uns nun auch darauf, Epidemien zu beenden, um künftige Leben zu retten. Deshalb haben wir auch die Infektionsraten im Blick, die im Übrigen nicht so markant gesunken sind wie die erwähnten Sterberaten. Das müssen wir ändern.

Mit Standard Chartered führten Sie lange Zeit eine der grössten Banken Grossbritanniens. Ein grosser Unterschied zum Global Fund?

Gar nicht so sehr. Der Global Fund investiert jährlich etwa vier Milliarden US-Dollar, und meine Aufgabe besteht darin, den Ertrag zu maximieren. Nur sind meine Kennzahlen nicht monetärer Natur, sondern es geht darum, wie viele Leben wir retten und wie viele Ansteckungen wir verhindern. Auch der Global Fund ist datengetrieben und wir fragen uns ständig, ob wir in die richtigen Dinge investieren. Unsere Lieferkette ist komplex und anspruchsvoll: Wir verfügen zwar über Medikamente, Moskitonetze und Diagnosesets für TB – da sind wir die grössten Käufer der Welt. Doch wie können wir unseren Partnern dabei helfen, diese Dinge zu den Menschen zu bringen, die nicht an den zugänglichsten Orten der Welt leben? Risikomanagement ist etwas Weiteres, worauf wir beim Global Fund grossen Wert legen, ähnlich wie zuvor bei der Bank.

Wir können nicht warten, bis die Patienten in der Klinik auftauchen. Wir geben genug aus, um die Krankheit in Schach zu halten, aber nicht genug, um zu gewinnen.

Der Global Fund ist eine öffentlich-private Partnerschaft – verschiedenste Stakeholder sind involviert. Wie erleben Sie dieses Zusammenspiel?

Wir arbeiten mit Regierungen zusammen, mit privaten philanthropischen Institutionen, mit Unternehmen, Zulieferern, technischen Partnern und mit Vertretern der Zivilgesellschaft sowie mit grossen, internationalen und kleinen, lokalen NGOs. Die vielen Interessengruppen bringen ihre eigenen Perspektiven mit sich, was zu Spannungen und Herausforderungen führt. Gerade das beurteile ich aber als sehr konstruktiv. Der Global Fund hat eine regelrechte Kultur entwickelt, solch unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen.

Wie muss man sich eine Verwaltungsratssitzung vorstellen?

Bei der Bank waren diese relativ schlank, beim Global Fund sitzen 300 Personen im Raum. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Aber ich bin unterdessen zum Schluss gekommen, dass es eine grosse Stärke ist, wenn alle Interessen präsent sind. Alle tragen zu den nicht immer einfachen Entscheidungen bei.

Der Global Fund wird in einem Dreijahreszyklus finanziert, wobei die nächste Periode von Anfang 2020 bis Ende 2022 dauert. Was sind Ihre Erwartungen?

Wir wollen mindestens 14 Milliarden US-Dollar aufbringen, eine Steigerung von 15 Prozent gegenüber unserem aktuellen Zyklus. Diese Zahl ist nicht aus der Luft gegriffen. Wir haben zusammen mit externen Partnern sehr detaillierte epidemiologische Modellierungen durchgeführt. Tatsächlich sind 14 Milliarden US-Dollar für diesen Investitionszyklus das Minimum.

Was antworten Sie jemandem, der lieber eine Sache unterstützt, die weniger gut finanziert ist?

Malaria ist eine Krankheit, die etwa eine halbe Million Menschen pro Jahr tötet, vor allem kleine Kinder und schwangere Frauen. Gegen 250 Millionen Menschen pro Jahr infizieren sich neu. Grosse Teile der ärmsten Gegenden der Welt sind betroffen, vor allem in Afrika. Die weltweiten Gesamtausgaben zur Bekämpfung von Malaria betragen etwa dreieinhalb Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das entspricht dem Budget eines grossen Krankenhauses in New York – aber wir sprechen von 250 Millionen Patienten. Und Malaria ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir das Ende einer Epidemie herbeiführen können – doch dafür müssten wir noch mehr Geld investieren. Aus ökonomischer Sicht ist das, was wir jetzt tun, eigentlich irrational.

Inwiefern irrational?

Wir geben genug aus, um die Krankheit in Schach zu halten, aber nicht genug, um wirklich zu gewinnen. Eine andere Betrachtungsweise ist, danach zu fragen, wann sich die Investitionen wirklich lohnen. Für einen investierten Dollar schaffen Sie bei Malaria etwa 19 Dollar Wert. Zuletzt muss man betonen, dass es keinen Mittelweg gibt. Entweder wir gewinnen gegen diese Krankheiten oder wir verlieren. Wir haben Fälle gesehen, in denen Regierungen den Effort verringerten, und die Ansteckungen nahmen sofort wieder zu. Sobald wir innehalten, steigen die Fallzahlen wieder an. Die einzige Option ist es, den Kampf noch intensiver zu führen und diese Epidemien ein für alle Mal zu beseitigen.

Gibt es auch andere Faktoren neben den finanziellen Mitteln, die zum Besiegen dieser Krankheiten beitragen?

Wir brauchen mehr Innovation bei den Medikamenten und vor allem in der Diagnostik. Wir müssen Patienten helfen, die Medikamente richtig einzunehmen – da geht heute viel Wirkung verloren. Die betroffenen Interessengruppen müssen noch besser und enger zusammenarbeiten. Zuletzt brauchen wir bessere Daten. So können wir Massnahmen, die funktionieren, verstärken und andere zurückfahren.

Sie waren 12 Jahre bei Standard Chartered, fast neun Jahre als CEO. Danach hätten Sie sich auf gut bezahlte Verwaltungsratsmandate zurückziehen können. Was reizte Sie an der Aufgabe beim Global Fund?

Man hat im Leben nicht oft die Möglichkeit, einen Job zu übernehmen, bei dem der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Leistung buchstäblich in Hunderttausenden oder gar Millionen von Leben gemessen werden kann. Das abzulehnen, war keine Option.