Growing need for security and safety
Artikel und Stories

Das Sicherheitsbedürfnis steigt

Die Hierarchie der Sicherheitsbedürfnisse ist durch die Pandemie neu geordnet worden. Die Auswirkungen auf das Vertrauensverhältnis in der Schweiz hingegen sind eher gering. Mehrheitlich wird die wirtschaftliche Situation sehr positiv beurteilt, doch die Zahl jener, die um ihre Stelle fürchten, nimmt zu.

Die Schweiz hat im Sommer die erste Phase der Covid-19-Pandemie im internationalen Vergleich gut überstanden. Zu erwarten war, dass dies in der Credit Suisse Sorgenbarometerumfrage seinen Niederschlag in einem Vertrauensbonus für jene Akteure findet, die aktiv zur Bewältigung der Krise beigetragen haben. Dies umso mehr, als 2019 eine sehr ausgeprägte Kurskorrektur nach unten erfolgt war. Tatsächlich stiegen die Werte im Durchschnitt der 20 befragten Akteure und Institutionen wieder von 38 auf 40 Prozent. Bei genauerem Hinsehen konnten jedoch nur die Politik und die Behörden von der besonderen Situation profitieren, insbesondere der Bundesrat, doch auch der National- und der Ständerat, die staatliche Verwaltung und, allerdings etwas weniger ausgeprägt, die politischen Parteien.

Vertrauen in Schweizer Institutionen 2020

Offensichtlich wird die bisher gute Krisenbewältigung allein der Politik zugeschrieben. Das Engagement der Armee beispielsweise wurde nicht in Form eines Vertrauensgewinns honoriert. Dies gilt auch für die Medien, wo gerade das Fernsehen trotz einer vielfältigen Berichterstattung nochmals einen markanten Vertrauensverlust erlitt. Immerhin erreichten die bezahlten Zeitungen den erhofften Vertrauensgewinn.

Wirtschaftliche Zuversicht, aber …

Nach wie vor sind 94 Prozent der Bevölkerung überzeugt, die Wirtschaft stehe im Vergleich zum Ausland «eher / sehr gut» da. 60 Prozent sind der Meinung, die Wirtschaft könne schnellere Lösungen als die Politik finden, wofür es aber mehr Freiräume und weniger Bürokratie brauche. Positiv wird auch die eigene Situation eingeschätzt. 65 Prozent der Schweizer stufen ihre wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut ein. Sogar 81 Prozent (−6 pp) gehen davon aus, es werde ihnen in den kommenden zwölf Monaten mindestens gleich gut gehen wie im Moment. Der leichte Rückgang gegenüber dem Vorjahr müsste nicht Besorgnis erregen, wenn nicht gleichzeitig 14 Prozent (+4 pp) befürchteten, es werde ihnen künftig schlechter gehen. Nie waren es in den letzten 25 Jahren so viele. Bei dieser Einschätzung lassen sich kaum Unterschiede zwischen Mann und Frau oder zwischen den Sprachregionen feststellen. Besonders ausgeprägt ist die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft aber bei Personen mit eher geringer Schulbildung (19 %) sowie solchen mit tiefem Einkommen (32 %) beziehungsweise mittleren Einkommen im Bereich von 5000 bis 6000 Franken (16 %). Den eigenen Arbeitsplatz stufen 14 Prozent als nicht sicher ein, 11 Prozent – so viele wie noch nie – befürchten den Verlust ihrer Stelle innerhalb Jahresfrist. Das ist zwar eine klare Minderheit, vergleicht man den Wert aber mit 2012, hat sich der Anteil jener, die um ihre Stelle fürchten, mehr als verdoppelt. «Der Trend hin zu mehr Sorge um den Arbeitsplatz bewegt sich auf tiefem Niveau, nimmt seinen Lauf aber lange vor Corona», kommentiert Cloé Jans von gfs.bern. «Stattdessen könnte der Grund in der sich verändernden Arbeitswelt – Stichwort technologischer Wandel – liegen.» Tatsächlich gehen heute 8 Prozent von einem Verlust des Arbeitsplatzes wegen neuer Technologie in den nächsten fünf Jahren aus.

Versorgungssicherheit erhöhen

«Die Corona-Pandemie hat zu einer Re-Evaluation der Sicherheitsbedürfnisse in der Schweiz geführt», weist Cloé Jans auf ein besonders interessantes Resultat der Umfrage hin. «Erste Priorität hat nun die Versorgungssicherheit in Bezug auf Energie, Medizin und Nahrung, gefolgt von der ökonomischen Sicherheit in Form von Wahrung des Wohlstands – und zwar im Erwerbsleben wie im Alter.»

Relevante Bausteine der Schweizer Sicherheit

Bei der Beurteilung von 14 verschiedenen Bausteinen der Sicherheit des Landes wird die Versorgungssicherheit in der Tat besonders hoch eingestuft: An erster Stelle überhaupt steht die Sicherheit der Energieversorgung, gefolgt von der Eigenversorgung mit medizinischen Produkten sowie der Versorgungssicherheit bei Gütern. Von beinahe gleich grosser Bedeutung ist die Sicherung des Wohlstands, dies sowohl in Bezug auf die Sozialwerke als auch das wirtschaftliche Wohlergehen. An dritter Stelle folgt die Sicherheit gegen neue Risiken. Dabei werden Cyberangriffe, Verletzung des Datenschutzes sowie Pandemien als gefährlicher als Terrorismus und Umweltrisiken beurteilt.

Nur 8% erachten – trotz Covid-19-Krise – staatliche Investitionen in die Pandemievorsorge als erste Priorität.

Als etwas weniger dringlich werden die Sicherung nationaler Interessen im globalen Kontext sowie die Sicherheit gegen traditionelle Risiken erachtet. Nicht in die Top Ten schaffen es die Verbesserung der internationalen Kooperation (67 %), die Reduktion globaler Abhängigkeiten (65 %), die Vorsorge gegen Migrationsströme (59 %) und die militärische Sicherheit (58 %).

Versorgungssicherheit:  Produktionsprozesse in die Schweiz verlagern

87 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sind einverstanden, gewisse Produktionsprozesse mit staatlicher Unterstützung in die Schweiz zurückzuholen, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Das Bild wird durch die Forderung nach staatlichen Investitionen gerade in den Bereichen mit hohem Sicherheitsbedürfnis fast spiegelgleich bestätigt – mit einer gewichtigen Ausnahme: Ganz zuoberst sollen gemäss Umfrage die Investitionen zur Vorsorge gegen Umweltrisiken stehen. Insgesamt hat das Sorgenbarometer ein erstaunlich kohärentes neues Sicherheitsbild an den Tag gebracht.