«Alle sind gefordert»
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«Alle sind gefordert»

Andreas Müller vom Schweizerischen Gemeindeverband über das Jahr der Milizarbeit und darüber, wie sich gesellschaftliches Engagement fördern lässt.

Im Sorgenbarometer wird mehr öffentliche Anerkennung für die Freiwilligenarbeit gefordert – wie erreicht man das?

Ein wichtiges Ziel des Jahrs der Milizarbeit war es, die Wertschätzung für die über 100 000 Miliztätigen in der Schweiz zu erhöhen. Dazu gab es Veranstaltungen, Publikationen, Ideenwettbewerbe, Preise, und auch die diesjährige Bundesfeier auf dem Rütli stand im Zeichen der Anerkennung für die Milizarbeit – mehr als 2000 Miliztätige nahmen teil. In den nächsten Jahren müssen weitere Aktivitäten folgen.

Die Befragten können sich weitere obligatorische Milizdienste vorstellen, analog zum Militär- oder Zivildienst. Was wäre hier denkbar?

Für 2020 ist eine Volksinitiative geplant, die einen allgemeinen Bürgerdienst einführen will. Das wäre ein Dienst, bei dem Frauen und Männer zwischen Militär und weiteren «Diensten» wählen könnten, wobei – so die Idee – auch Miliztätigkeiten wie bei der Feuerwehr oder in politischen Ämtern angerechnet werden könnten.

Eine breite Palette von Massnahmen zur Förderung der Milizarbeit wird befürwortet – welche erachten Sie als sinnvoll?

Es hängt immer davon ab, für wen sie gedacht sind. Es geht bei der Aufnahme einer Miliztätigkeit um das «Wollen», das «Können» und das «Dürfen». Es gibt Menschen, die sich engagieren wollen, aber wegen der Rahmenbedingungen, beispielsweise ihrer beruflichen Tätigkeit, nicht können; andere, die eigentlich könnten, aber wegen fehlender Motivation oder aus Angst vor öffentlicher Kritik nicht wollen – und schliesslich solche, die nicht dürfen, weil sie nicht in der betreffenden Gemeinde wohnhaft sind oder die hiesige Staatsbürgerschaft nicht besitzen, die es für gewisse Engagements braucht. Je nachdem sind andere Massnahmen angebracht. Ein Mix von verschiedenen Massnahmen wird der Situation am besten gerecht.

Immerhin jeder Vierte der Befragten meint, Freiwilligenarbeit sei Privatsache und solle nicht gefördert werden. Wie interpretieren Sie das?

Das könnte damit zusammenhängen, dass es eine Diskrepanz zwischen der grundlegenden Zustimmung und der mangelnden Beteiligungsbereitschaft auf individueller Ebene gibt. Alle sind dafür, aber sind trotzdem froh, wenn es der Nachbar macht. Das politische Milizsystem funktioniert aber nur, wenn die Ämter auch besetzt sind. Darum sind alle gefordert, nach Wegen zu suchen, damit das Milizsystem auch 2030 oder 2040 noch existiert.