«Die eigene Verantwortung nicht delegieren»
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«Die eigene Verantwortung nicht delegieren»

Entrepreneur and philanthropist Jobst Wagner worries about the Swiss economy and civil society. That's why he's rewarding smart ideas for Switzerland's future.

Herr Wagner, Ihre Firma hat rund 20 000 Angestellte. Die Arbeitslosigkeit war über viele Jahre die Topsorge des Credit Suisse Sorgenbarometers, seit letztem Jahr ist sie noch auf Rang 5. Wie erklären Sie das?

Studien zeigen, dass der Arbeitsplatzverlust grösseren emotionalen Stress verursacht als beispielsweise eine schwere Erkrankung eines Familienmitglieds oder eine Schwangerschaft – es ist verständlich, dass sich die Befragten vor diesem traumatischen Ereignis fürchten. Dass diese Sorge etwas abgenommen hat, dürfte der aktuell sehr tiefen Arbeitslosigkeit geschuldet sein. Ich muss gestehen, bei diesem Thema habe ich zwei Herzen in meiner Brust.

Wie das?

Ich freue mich für die Beschäftigten über die Arbeitsplatzsicherheit, aber für Firmen ist der Fachkräftemangel ein grosses Thema. Wir suchen Techniker, Ingenieure, wir bilden sie selber aus – aber es reicht schlicht nicht. Bei wichtigen Projekten zum Beispiel in der Digitalisierung fehlt uns zum Teil Personal zur Umsetzung. Die Befragten sind sehr zufrieden in wirtschaftlichen Belangen.

Wie ist das möglich in Zeiten von Frankenstärke zunehmenden Handelshemmnissen und dem erwähnten Fachkräftemangel?

Das ist den vielen Firmen zu verdanken, die sich in den letzten Jahren wirklich zur Decke streckten und ihre Wettbewerbsfähigkeit, ihre Effizienz und Innovationsfähigkeit nochmals gesteigert haben. Aber Achtung: Die Zitrone ist ausgepresst!

Inwiefern?

In der heutigen Situation bräuchte es dringend stützende Massnahmen wie die Senkung von Gebühren oder die Aufhebung von unnötigen und teuren Auflagen. Doch das Gegenteil geschieht: Die Rahmenbedingungen verschlechtern sich weiter, so ist der vermeintlich deregulierte Arbeitsmarkt immer weniger Realität. Und es droht weiteres Ungemach. Der Ruf der Schweiz beruht auf Berechenbarkeit, aber die Verhandlungen mit Europa stocken, die 2015 abgelehnte Erbschaftssteuer-Initiative wollte das Verbot der Rückwirkung aushebeln, neue Steuerregime der OECD könnten dazu führen, dass Firmen nicht mehr nur am Ort der Wertschöpfung besteuert werden. Die Unsicherheit steigt.

Ist das nicht etwas alarmistisch?

Die Ansiedlung von ausländischen Firmen und Direktinvestitionen nehmen ab, nicht zu. Das sollte uns zu denken geben. Wir sind Automobilzulieferer, da gehen die Stückzahlen zurück. Auch anderen geht es nicht so gut, etwa der Chemiebranche oder der Maschinenindustrie, und die Finanzbranche spürt den Druck. Es gibt Ausnahmen, wie die Bau- und Immobilienbranche, die öffentliche Verwaltung oder IT und Pharma. Aber in den übrigen Bereichen ist die Stimmung angespannt.

Der ökonomischen Zuversicht zum Trotz finden 41% der Befragten, die Wirtschaft versage oft in entscheidenden Dingen. 2017 waren es erst 23 %. Warum?

Da müssen wir selbstkritisch sein. Wir Wirtschaftsführer stehen zu selten hin und bekennen Farbe, gerade wenn wir Fehler begehen. Gleichzeitig leben wir in Zeiten der Unsicherheiten. Zudem fehlt es vielerorts an politischer Stabilität und der Populismus nimmt überhand. Viele Menschen haben das ungute Gefühl, ihnen entgleite die Kontrolle, sie würden zum Spielball der Mächtigen – wer auch immer das ist.

Letzteres widerspiegelt sich auch im Zeugnis für die Politik: 46 % finden, diese versage oft in entscheidenden Dingen.

Die traditionellen Parteien benennen die Dinge nicht beim Namen und öffnen populistischen Strömungen Tür und Tor. Mir fehlt es an Leadership. Der Bundesrat verhandelt beispielsweise vier Jahre mit der EU zum institutionellen Rahmenabkommen und hat dann doch keine Meinung zum Vertragsentwurf. Er erklärt zu wenig und zeigt zu wenig Optionen auf. Ähnlich bei der Vorsorge, auch dort spricht man nicht Klartext. Wenn wir länger leben, dann müssen wir länger arbeiten. So verspielt die Politik ihre Glaubwürdigkeit. Doch eigentlich stört mich Ihre Frage.

Warum?

Ich finde es schlecht, wenn man Wirtschaft und Politik trennt. Auf die anderen zeigen, das nützt rein gar nichts, wir sitzen alle im gleichen Boot. Es liegt an uns allen, unsere gesellschaftliche Verpflichtung zu erfüllen.

Ein Appell an die Zivilgesellschaft?

Ja, die eigene Verantwortung lässt sich nicht delegieren. Jeder soll sich fragen: «Stimme ich ab?», «Bin ich in einem Verein?», «Helfe ich Benachteiligten?». Mein Beitrag ist die Stiftung Strategie-Dialog21, wo wir in den letzten sechs Jahren ein breites Netzwerk entwickelt haben, das sich gesellschafts- und parteiübergreifend für eine offene, innovative, mutige und freiheitliche Schweiz einsetzt. Wir fördern den konstruktiven Dialog, welcher für die direkte Demokratie essenziell ist.

Wie geschieht dies konkret?

In der «Challenge21» treffen Jungunternehmer und gestandene Führungskräfte aufeinander, um aktuelle Herausforderungen zu diskutieren. Dieses Jahr ging es um «Artificial Intelligence». Im nationalen Ideenwettbewerb «Wunsch-Schloss» suchen wir Projekte für eine innovative Schweiz: Jede Bürgerin und jeder Bürger hat die einmalige Chance, die Schweiz zu gestalten; der Gewinn ist ein Treff en mit allen Generalsekretären der grossen Schweizer Parteien, und am Finalabend sind mehrere National- und Ständeräte dabei. Gleichzeitig fördern wir Studien- und Buchprojekte. Bei «5vor12» geht es um Bürokratie, auch da suchen wir zusammen mit dem Swiss Venture Club konkrete Lösungsvorschläge. «5vor12» prämiert «gute Vorschriften».

Was ist das?

Eine solche gängelt den Bürger nicht, sondern animiert ihn, etwas zu tun, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen – heute nennt man das nudging. Sie hat keine übertriebenen Kostenfolgen, und zuerst wurde geprüft, ob es sie überhaupt braucht. Klar: Noch besser wäre es, gewisse Vorschriften ganz abzuschaffen, aber für grössere Deregulierungen fehlt in der Schweiz leider der politische Wille.