Credit Suisse Jugendbarometer 2020: Politische Lage hinterlässt Spuren – Corona-Massnahmen weitgehend positiv bewertet
Artikel und Stories

Credit Suisse Jugendbarometer 2020: Politische Lage hinterlässt Spuren – Corona-Massnahmen weitgehend positiv bewertet

Was in den letzten Monaten in Medien und Politik diskutiert wurde, bewegt auch die Jugend: Nachhaltigkeit und Gleichstellung gelten neu als zentrale Themen. Die Jugendlichen haben ein neues politisches Bewusstsein entwickelt und wünschen sich klare Lösungen, doch eine Revolution wollen sie nicht. Die gegenwärtigen Unsicherheiten in der Welt – von der Corona-Krise bis zur Sorge um Altersarmut – lassen die Jugend vorsichtig sein.

Überblick: Die 10 wichtigsten Erkenntnisse des Credit Suisse Jugendbarometers 2020

  1. Die Jugend wird politischer: Der Anteil Junger, der politisches Engagement wichtig findet, nimmt seit 2018 deutlich zu. Für Themen wie den Umwelt- und Klimaschutz und die Gleichstellung der Geschlechter möchte man sich zunehmend auch aktiv einsetzen. In der Schweiz verdoppelte sich der Anteil Jugendlicher, die an politischen Demonstrationen teilnehmen, im Vergleich zu 2018. Gleichzeitig bleibt der Anteil Junger, der selber eine Partei beitreten möchte, sehr tief.
  2. Regierungskonform statt Versagensvorwurf: Obwohl die befragten Jugendlichen klaren Handlungsbedarf und Problemdruck bei verschiedensten Themen sehen, wird den Regierungen ihrer Länder nicht generelles Versagen vorgeworfen. Gerade die Massnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise werden zumeist mitgetragen – trotz der sehr unterschiedlichen Herangehensweisen in den untersuchten Ländern.
  3. Lehren aus der Corona-Krise: Weniger Konsum und weniger Angst, etwas zu verpassen – das sind die Vorsätze, die sich viele Jugendliche nach den Monaten des Lockdowns setzen. Die Pandemie hat den Jungen aber auch globale Abhängigkeiten vor Augen geführt und den Wunsch nach mehr Eigenversorgung auf nationaler Ebene gestärkt. Für eigene Beschaffungen wollen die Jugendlichen in den USA, Brasilien und Singapur zudem in Zukunft (noch) mehr online einkaufen. Nur in der Schweiz scheint sich dieser Trend nicht weiter zu beschleunigen.
  4. Bewertung der Corona-Krise: Rund jede und jeder fünfte Jugendliche in der Schweiz sieht sich durch die Pandemie einer Verschlechterung der eigenen privaten oder finanziellen Situation ausgesetzt. Die von der Landesregierung bis zum Befragungszeitpunkt ergriffenen Massnahmen wurden aber insgesamt als sehr ausgewogen wahrgenommen. In unsicheren Zeiten wünscht man sich zudem in den vier Ländern starke Führungsfiguren, die Massnahmen notfalls auch gegen Widerstand durchsetzen.
  5. Nachhaltigkeit statt Religion: In allen Ländern sind Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen für die Jugendlichen zentral. Abgesehen von Brasilien fühlen sich in allen untersuchten Ländern mehr Jugendliche der Klimabewegung zugehörig als dass sie sich als Teil einer Religionsgemeinschaft sehen. In der Schweiz sind es gar doppelt so viele, die sich als Teil der Klimabewegung sehen.
  6. Sinkender Zukunftsoptimismus: Der ungebremste Optimismus und der Glaube an eine rosige Zukunft, der bei den frühen Vertreterinnen der Generation Y noch eher vorhanden war, ist weg. Über die letzten zehn Jahre nimmt der Anteil Junger, der mit Zuversicht nach vorne blickt, ab. In der Schweiz bezeichnet sich noch genau die Hälfte der Jugendlichen als «eher zuversichtlich» in Bezug auf die eigene Zukunft – 2018 waren es noch über 60 Prozent –, in den USA, Singapur und Brasilien sind es noch weniger.
  7. Die grössten Sorgen junger Schweizer und Schweizerinnen: Obwohl noch Jahrzehnte von der Pension entfernt, sehen Junge in der Schweiz die Zukunft der Altersvorsorge als das grösste Problem des Landes an. Die aktuelle Krisensituation, so die Wahrnehmung der Jungen, hat den Reformdruck bei der Altersvorsorge noch verstärkt – rund die Hälfte der Befragten nennt dieses Problem. An zweiter und dritter Stelle auf der Sorgenliste folgen die Bewältigung der Corona-Pandemie und der Umwelt- und Klimaschutz.
  8. Zukunft der Arbeitswelt: Trends wie die Digitalisierung, Agilität oder Soziokratie, zu der etwa die Selbstorganisation in Teams oder die Einführung neuer Entscheidungsformen in Unternehmen gehören, mischen die Arbeitswelt auf. Dennoch empfinden Junge einen guten Chef, angemessenen Lohn und Toleranz auch in diesem Jahr als wichtiger als Gleitzeiten und Home-Office – und das obwohl die flexibleren Arbeitsweisen aufgrund der Corona-Pandemie gegenüber früheren Jahren sprunghaft an Verbreitung und Wichtigkeit gewonnen haben. Die Erfahrungen prägen jedoch – rund die Hälfte der Jugendlichen in der Schweiz und den USA und gar deutliche Mehrheiten in Singapur und Brasilien haben vor, auch in Zukunft regelmässig im Home-Office zu arbeiten. Die wichtigsten Grundwerte und Wünsche der Jugendlichen mit Bezug auf ihre Arbeitgeber bleiben aber auch vor dem Hintergrund tiefgreifender Veränderungen konstant.
  9. Medienwandel schreitet rasant voran: Noch informiert sich eine Mehrheit der Jugendlichen mehrmals täglich in diversen Medien über das Geschehen im eigenen Land und auf der Welt. Dieser Anteil nimmt jedoch ab, und es wird immer schwieriger, junge Leute über klassische Kanäle wie Zeitungen, Radio oder Fernsehen zu erreichen. Der Medienwandel weg von linearen Medien hin zu sozialen Netzwerken vollzieht sich rasant. Nur Facebook gehört neben den gedruckten Tageszeitungen zu den grossen Verlierern.
  10. Trends geprägt durch technischen Fortschritt: Das Leben von Jugendlichen ist geprägt durch Trends im Bereich der digitalen Kommunikation und Unterhaltung. Was «in» ist, was genutzt wird und womit sich die Jugend identifiziert, hängt auch stark von digitalen Möglichkeiten ab. Das Aufkommen und die Verbreitung neuer Apps erfolgt in Zyklen von drei bis fünf Jahren. Obwohl YouTube bereits seit über 15 Jahren existiert, führt das gesteigerte Bedürfnis Jugendlicher nach bildbasierten Inhalten von und für das eigene Zielpublikum zu neuen Höchstwerten in der Mediennutzung.