Zusammenrücken in der Krise
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Zusammenrücken in der Krise

Die Covid-19-Pandemie prägt die Schweiz so stark wie seit Jahrzehnten kein anderer Faktor. Die neue Hauptsorge lässt die Schweizerinnen und Schweizer aber auch näher zusammenrücken.

Noch nie in der Geschichte des seit 1976 erhobenen Sorgenbarometers der Credit Suisse verzeichnete eine erstmals befragte Sorge einen derart hohen Einstiegswert wie die Covid-19-Pandemie. Sie wird von einer Mehrheit als eine der fünf Hauptsorgen des Landes bezeichnet. Gleichzeitig bewirkte sie eine – inoffizielle – Neudefinition des spürbar verstärkten Sicherheitsbedürfnisses. 51 Prozent sind allerdings kein historischer Rekordwert. Eine ernst zu nehmende Minderheit hat nach wie vor Mühe, das neue Phänomen einzuordnen und als Gefahrenpotenzial zu akzeptieren. «Es lassen sich auch markante Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen feststellen», erklärt Cloé Jans, Leiterin operatives Geschäft beim Forschungsinstitut gfs.bern. «Die Menschen, die über 70 Jahre alt sind oder über eine hohe Schulbildung verfügen, sorgen sich deutlich weniger um Corona als Personen mittleren Alters oder mit tiefer Bildung.»

Die zehn Top-Sorgen der Schweizer 2020

Wie aber wird sich die Pandemie in Zukunft auswirken? Deutlich mehr als die Hälfte der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger befürchtet bis 2023 eine negative Entwicklung in Bezug auf Arbeitslosigkeit und Altersvorsorge. Eher problematisch werden zudem die Auswirkungen auf den Tourismus, die Datenüberwachung der Bürger und die Exportwirtschaft betrachtet. «Neben allen Schwierigkeiten sind aber auch Themen der Zuversicht auszumachen. Gerade für die Arbeitswelt werden Chancen im Bereich Homeoffice und Digitalisierung erkannt und auch für die Gesundheitsversorgung, den Bankenplatz sowie die globale Zusammenarbeit in Wirtschaft und Politik überwiegt die positive Sicht», führt Cloé Jans aus. «Die Schweizerinnen und Schweizer sind gewillt, gestärkt aus dieser Krise herauszukommen. Drei von vier Stimmberechtigten sind der Ansicht, die Pandemiekrise zeige, dass die Schweiz unter Druck immer zusammensteht und geeignete Lösungen findet.»

Erwartete Veränderungen durch  die Corona-Pandemie bis 2023

Auftrag noch nicht erfüllt

Die Dominanz der Covid-19-Thematik darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die grossen Reformbaustellen von vor der Krise nach wie vor bestehen und in der Wahrnehmung der Bevölkerung kaum an Dringlichkeit verloren haben. Die Sicherung der AHV (37 %, − 10 pp) bleibt seit 2017 die Hauptsorge der Schweiz, wenn man von der Pandemieproblematik absieht, und muss nach Ansicht von 8 Prozent der Bevölkerung an erster Stelle gelöst werden.

Von den Top-Ten-Problemen ging einzig die Ausländerfrage zum zweiten Mal in Folge auf nunmehr 28 Prozent (−2 pp) zurück. Umgekehrt nahmen die Sorge um die soziale Sicherheit (17 %, +3 pp) sowie das Problempaar Arbeitslosigkeit / Jugendarbeitslosigkeit (31 %, +5 pp) zweimal nacheinander zu, womit allerdings der sprunghafte Rückgang von 2018 noch nicht wettgemacht ist. Nach einer kontinuierlichen Steigerung seit 2015 hat das Problembewusstsein für Umweltschutz und Klimawandel bei 29 Prozent stagniert. Doch für über 12 Prozent der Bevölkerung handelt es sich hierbei um das dringendste Problem. 57 Prozent (−6 pp) der Bevölkerung sind einverstanden mit der Forderung, die Schweiz solle weltweit eine Vorreiterrolle in der Klimapolitik einnehmen und diese aktiv über Gesetze und Vorgaben steuern. Allerdings finden genau gleich viele Leute (57 %, −4 pp), es gebe wichtigere Themen zu lösen als die Klimapolitik. Das Thema polarisiert also weiterhin.

Die Kostenfrage im Gesundheitswesen bleibt eine zentrale Sorge der Bevölkerung. Dennoch ist im Vergleich zum letzten Jahr ein deutlicher Rückgang der Sorge um Gesundheit und Krankenkassen auf 28 Prozent (−13 pp) zu beobachten. Neben der Tatsache, dass die Prämien nicht stark angestiegen sind, dürften Sparübungen im Gesundheitswesen in Zeiten einer globalen Pandemie in den Augen der Bevölkerung nur geringe Priorität haben. Dennoch: Es besteht kein Grund zur Annahme, der Reformbedarf im Gesundheitswesen sei gedeckt.

Hauptsorgen: Trend seit 2006

Höheres Politikinteresse

Glaubte man in der Bevölkerung eine gewisse politische Müdigkeit zu erkennen, so beweist das Sorgenbarometer das Gegenteil. Die Klimafragen, die Covid-19-Pandemie und vielleicht neue Entwicklungen in der politischen Kultur, wie der Kommunikationsstil von Donald Trump via Twitter, bescheren der Politik eine rekordhohe Aufmerksamkeit. Interessierten sich 2013 erst 55 Prozent der Bevölkerung für die Politik, so sind es nun 85 Prozent, dies sogar mit erhöhter Intensität: 43 Prozent (+12 pp) sind «sehr interessiert». Dieses gestiegene Interesse mag, neben den brisanten Themen, mit zur hohen Stimmbeteiligung im September 2020 beigetragen haben.

Aktuell fühlen sich 61 Prozent in erster oder zweiter Linie dem Land als Ganzes verbunden, im Vergleich zu 2019 hat dieser Wert zugenommen, was auch mit dem kollektiven Erlebnis der Pandemie zusammenhängen dürfte. 75 Prozent der Stimmbürger sind stolz, Schweizerin respektive Schweizer zu sein. Das sind viele, doch 2015 war dieser Wert deutlich höher. Im damaligen eidgenössischen Wahljahr erlebte die Migrationskrise im Sommer ihren Höhepunkt. War vor diesem Hintergrund das Bedürfnis der Wahrung nationaler Interessen durch eine Abgrenzung gegen aussen sehr ausgeprägt, ist heute der Fokus auf das nationale Wohlergehen anderer Natur. Es geht darum, zusammenzustehen und unaufgeregt und pragmatisch durch die Krise zu kommen. Dazu passt, dass viele Schweizerinnen und Schweizer stolz sind auf die Stabilität des Landes in wirtschaftlicher (87 %), politischer (83 %) und gesellschaftlicher (83 %) Hinsicht. Der Bundesrat hat seinen Beitrag dazu geleistet – auch wenn immer noch 70 Prozent (−13 pp) von ihm mehr Führungsqualitäten fordern. Das Parlament hingegen sollte nach Ansicht von 77 Prozent (+9 pp) seine Kompromissbereitschaft steigern. Die Erwartungen sind hoch – allerdings auch das grundsätzliche Vertrauen in die Politik.