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Escher: Der Gründer der modernen Schweiz
Alfred Escher (1819 – 1882) erkannte, dass nur ein ausgebautes Eisenbahnnetz mit einer Alpentransversale die wirtschaftliche und kulturelle Isolierung der Schweiz verhindern konnte. Das Denkmal vor dem Hauptbahnhof Zürich zeugt davon, dass er sein Lebenswerk, die Weichenstellung für eine moderne Schweiz, erfolgreich beendete.
Bahnland Schweiz. 1751 Kilometer legten seine Einwohner im Jahr 2003 durchschnittlich auf der Schiene zurück. Kein anderes Land weist eine auch nur annähernd so hohe Quote auf. Die Nachbarn aus Frankreich bringen es auf 1203 Kilometer, die Österreicher auf 1008, die Deutschen auf 842 und die Italiener auf 811. Die Schweiz ist auch das Volk der Tunnel- und Brückenbauer – im Ganzen zählt man 671 Tunnels und über 6000 Brücken. Das Eisenbahnnetz misst über 5000 Kilometer. Damit ist die Schweiz auch bezüglich Streckendichte führend. Schon immer?
Der Hauptbahnhof Zürich
Selten denkt man weit genug zurück. Dabei würden gut 150 Jahre bereits genügen, um zu erkennen, wie rückständig die Schweiz im Verkehrswesen während Jahrzehnten gewesen ist und wie knapp das klassische Auswanderungsland Mitte des 19. Jahrhunderts an einer ökonomischen Katastrophe vorbeischlitterte. Sicher, 1847 wurde die so genannte Spanischbrötlibahn eröffnet: 23,3 Kilometer zwischen Baden und Zürich. Und bereits 1844 fand Basel Anschluss an die Strecke nach Strassburg. Ansonsten aber wurden in der Schweiz Bahnstrecken nicht gebaut, sondern zerredet. Zwar hatte es die Schweiz 1847 geschafft, den Gegensatz zwischen Konservativen und Liberalen in einem der kürzesten und unblutigsten Bürgerkriege der Weltgeschichte zu überwinden. Aber wirtschaftlich befand sich das Land dennoch in arger Rücklage, zu mal Missernten die Situation verschärften.
Ein junge, ehrgeiziger Zürcher: Alfred Escher
Doch ohne den Abbau der Binnenzölle, die Einführung einer gemeinsamen Währung und den Aufbau eines Eisenbahnnetzes, vor allem für den Gütertransport, war an eine Verbesserung nicht zu denken. Dies hatte auch ein junger, ehrgeiziger Zürcher erkannt: Alfred Escher. Genau so, wie er als Jugendlicher relativ abrupt von den Naturwissenschaften zur Jurisprudenz gewechselt hatte, so abrupt beendete er nun, im Vorfeld der Gründung eines starken Bundesstaates, seine akademische Laufbahn zugunsten einer Karriere als Politiker und Wirtschaftsführer. Natürlich war Escher längst kein politischer Neuling mehr. Beeinflusst durch die Diskussionen in der Studentenverbindung Zofingia und das Beispiel des bewunderten Vetters Ludwig Ferdinand Keller, Rechtsprofessor und politischer Führer der Radikal-Liberalen, hatte er sich fast über Nacht aufs politische Parkett gewagt. 1844 trat Escher in den Zürcher Kantonsrat ein und ein Jahr später in den Erziehungsrat; gleichzeitig wirkte er als Tagsatzungsabgeordneter. Was anderen bereits ein erfülltes Lebenswerk gewesen wäre, war für ihn allerdings erst ein zaghafter Beginn.
Das Eidgenössische Polytechnikum
Erst ab 1848 entfaltete er seine ganze politische Schaffenskraft: Escher liess sich von den Zürchern in den Regierungsrat, den Kirchenrat und den Nationalrat wählen. Gleichzeitig amtete er als eidgenössischer Kommissar im Tessin, nota bene ohne die anderen Ämter aufzugeben. 1849 – nun Präsident des Nationalrats sowie des Regierungs- und des Erziehungsrats in Zürich – begann Alfred Escher Einsitz in die wichtigen Kommissionen zu nehmen: in die Zollkommission, in die Münzkommission und in die Eisenbahnkommission, die er präsidierte.
1852 Entscheid für den privaten Eisenbahnbau
Ende 1852 wurde, angetrieben von Escher, im Nationalrat ein folgenschwerer Entscheid gefällt: Der Eisenbahnbau sollte nicht vom Staat, sondern von Privaten vorangetrieben werden. Einerseits entsprach dies Eschers liberaler Gesinnung, anderseits hatte er befürchtet, Zürich würde bei einer zentralen Lösung von der konkurrenzierenden Hauptstadt aufs Abstellgleis geschoben. Wer aber sollte diese private Lösung umsetzen, wenn nicht er selbst, Escher? Sein Glarner Freund Johann Jakob Blumer bekräftigte ihn in dieser Absicht: "Unter diesen Umständen könnte ich die in Dir aufgestiegene Idee, Deine ganze Zeit und Deine ganze Kraft dem Eisenbahnwesen zu widmen, nur unterstützen, indem ich mit Dir davon überzeugt bin, dass ohne Deine thätigste Mitwirkung dasselbe in Zürich nicht recht vom Fleck kommen, Basel aber inzwischen die vollständigsten Siege erringen dürfte."
Die Schweizerische Kreditanstalt
Tatsächlich waren gerade die Basler mit ihrer Schweizerischen Centralbahn-Gesellschaft nicht untätig geblieben und hatten Ende 1854 die Kurzstrecke Basel-Liestal in Betrieb genommen. Doch Alfred Escher hatte rechtzeitig reagiert. Der Politiker war zusätzlich zum Wirtschaftsführer geworden: Er gründete die Zürich-Bodensee-Bahn-Gesellschaft und fusionierte diese mit der Schweizerischen Nordbahn (Spanischbrötlibahn) zur Nordostbahn, die 1855 die Strecke Oerlikon-Winterthur-Romanshorn eröffnete. Fünf Jahre später umfasste das Streckennetz aller Privatbahnen über 1000 Kilometer mit einer durchgehenden Linie vom Bodensee bis nach Genf.
Hält an seinen Gedanken wie eine Zange fest
Damit hatte Escher seinem Körper zu viel zugemutet. Wie schon 1839 als Student in Berlin erkrankte er 1855 lebensgefährlich, musste das Amt des Nationalratspräsidenten ausschlagen und von jenen Ämtern zurücktreten, die ihm in der aktuellen Situation am wenigsten bedeuteten: Kirchenrat, Erziehungsrat und Regierungsrat des Kantons Zürich. Das weit verzweigte "System Escher", welches nach wie vor bis in die Exekutive hineinreichte, kontrollierte er von der Legislative und seinen wichtigen Wirtschaftsmandaten aus. Was war Eschers Erfolgsrezept? Bundesrat Jakob Dubs charakterisierte ihn so: "Er hat keine grossen schöpferischen Gedanken, und seine selbständigen Conceptionen sind sogar unbedeutend. Dagegen hält er, wenn er einmal einen Gedanken ergriffen hat, an diesem wie eine Zange fest und ruht nicht, bis er ihn durchgedrückt hat. Alles Unbestimmte, Nebel- und Schwindelhafte ist ihm von Grund auf zuwider; er will überall in die Tiefe sehen, ehe er sich in irgend etwas einlässt. Er ist durch und durch Realist."
Es geht auch um die Familienehre
Triebfeder seiner unermüdlichen Schaffenskraft war wohl nicht zuletzt der Wunsch, die Familienehre wiederherzustellen. Die Eschers hatten seit je zu den bedeutendsten Familien Zürichs gezählt. Allein der Zweig der Escher vom Glas stellte 5 Bürgermeister, 45 Mitglieder des Kleinen und 82 des Grossen Rates, 2 Stadtschreiber, 34 Obervögte und 29 Landvögte. Doch Alfreds Urgrossvater, Hans Caspar Escher-Werdmüller, hatte 1765 ein uneheliches Kind gezeugt und mit einer Magd das Weite gesucht, womit er sich und seine Nachkommen in eine Negativspirale aus Auswanderung und Konkursen riss.
Zwar erlangte Alfreds Vater Heinrich als Kaufmann in den USA neuen Reichtum; den Anschluss an die Zürcher Gesellschaft fand er nach seiner Rückkehr 1814 trotzdem nicht mehr. Und selbst die Verdienste Alfred Eschers vermochten das Unglück nicht von der Familie abzuwenden – die eine Tochter, Hedwig, starb mit zwei Jahren, die andere, Lydia, Frau des Bundesratssohns Emil Welti, war kinderlos geblieben und beging 1891, nach einer unglücklichen Liaison mit dem Künstler Karl Stauffer, Selbstmord.
Blick in die Schalterhalle
Escher gründet die Schweizerische Kreditanstalt
Während andere nach einer schweren Krankheit kürzer getreten hätten, hatte Escher 1856 sein Pensum weiter erhöht. Der Direktionspräsident der Nordostbahn, damals gleichzeitig Nationalratspräsident, gründete zur weiteren Finanzierung des Eisenbahnbaus die Schweizerische Kreditanstalt, deren Geschicke er als Verwaltungsratspräsident während mehr als 20 Jahren massgeblich bestimmte. Bereits ein Jahr später gründete er die Schweizerische Rentenanstalt. Da Österreich (Semmering 1854, Brenner 1867) und Frankreich (Mont Cenis 1871) ihre Alpenbahnen relativ rasch eröffnen konnten, drohte der Schweiz erneut die wirtschaftliche Isolation. Ein Alpentunnel tat Not, und die Zeit eilte. Escher wechselte aus strategischen Gründen die Position – vom Lukmanier zum Gotthard, den er ab 1863 mit allen Kräften förderte.
Das Ende des liberalen "System Escher"
Allerdings hatten sich inzwischen die politischen Gegner besser formiert – 1868 ging im Kanton Zürich mit dem Sieg der Demokraten nach 20 Jahren das liberale "System Escher" zu Ende. Und als sich beim Gotthardtunnelbau eine aus heutiger Sicht gar nicht so dramatische Kosten- und Zeitüberschreitung abzeichnete, war ein Herrenopfer fällig – Bundesrat Welti oder "Bundesbaron" Escher. Eschers Demission als Direktionspräsident ermöglichte den Ausweg, ohne dass man am visionären Projekt grössere Abstriche machen musste. Dass Escher nicht einmal zu den Feierlichkeiten des Gottharddurchstichs eingeladen wurde, zeigt, wie gross inzwischen die Zahl der Neider war. Das Denkmal vor dem Hauptbahnhof Zürich indes beweist, dass man seine Verdienste wenig später in ihrer vollen Reichweite erkannte. Oder doch nicht? Schlendern wir nicht allzu achtlos und respektlos am Herrn im Brunnen vorbei? Seis drum. Das wahre Denkmal ist der Gotthardtunnel.
Autor: Andreas Schiendorfer
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Chronologie |
Stationen eines bewegten Lebens |
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1819 |
Geburt am 20. Februar |
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1844 |
Kantonsrat Zürich bis 1882; Präsident 1848, 1852, 1857, 1861, 1864, 1868 |
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1845 |
Tagsatzungsabgeordneter |
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1845 |
Erziehungsrat Kanton Zürich bis 1855; Präsident ab 1849 |
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1848 |
Regierungsrat Kanton Zürich bis 1855; Präsident 1849, 1850, 1851, 1854 |
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1848 |
Eidgenössischer Kommissar im Tessin |
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1848 |
Nationalrat bis 1882; Präsident 1849/50, 1856/57, 1862/63 (Verzicht 1855) |
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1848 |
Kirchenrat Kanton Zürich bis 1855 |
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1853 |
Nordostbahn (NOB), Direktionspräsident bis 1872, Präsident des Verwaltungsrats 1879 – 1882 |
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1854 |
Eidgenössisches Polytechnikum (ETHZ), Vizepräsident des Schulrats 1854 – 1882 |
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1856 |
Schweizerische Kreditanstalt (heute Credit Suisse), Präsident des Verwaltungsrats 1856 – 1877 und 1880 – 1882 |
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1857 |
Heirat mit Augusta Uebel (1838 – 1864) |
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1857 |
Schweizerische Rentenanstalt (heute Swiss Life), Aufsichtsrat 1858 – 1874 |
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1859 |
Grosser Stadtrat Zürich bis 1875 |
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1860 |
Präsident Schulpflege Zürich bis 1869 |
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1872 |
Direktionspräsident Gotthardbahngesellschaft bis 1878 |
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1882 |
Eröffnung Gotthardbahn am 22. Mai |
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1882 |
Tod am 6. Dezember |
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1891 |
Mit dem Selbstmord der kinderlosen Lydia Welti-Escher stirbt die Familie von Alfred Escher aus. |