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Pressemitteilung

Die Topographie als Hypothek und Kapital

Neue Studie der Credit Suisse zum Kanton Graubünden

Zürich, Chur,  29. November 2007 Die topographischen und landschaftlichen Voraussetzungen als Bergkanton prägen die Struktur und wirtschaftliche Entwicklung Graubündens. Das naturräumliche Potential der Alpen bildet die Grundlage für Tourismus und Energiewirtschaft. Gleichzeitig begründen die topographisch limitierte Verkehrssituation, die teils periphere Lage und die grössere Distanz zu Ballungszentren Standortnachteile mit Folgen der Strukturschwäche und Abwanderung. So weist der Kanton Graubünden gemäss einer heute in Chur und St. Moritz vorgestellten neuen Studie der Credit Suisse insgesamt eine unterdurchschnittliche Standortqualität auf, die Bündner Bevölkerung stagniert und manche Regionen erlebten in den letzten zehn Jahren eine regelrechte Beschäftigungserosion. Es gibt aber auch positive Meldungen, wie die bessere Tourismuskonjunktur, eine zunehmende Zuwanderung aus dem Ausland sowie Anzeichen eines gelungenen Strukturwandels in der Industrie.

Die Struktur und die Entwicklungsperspektiven des Kantons Graubünden werden in der neuen Studie der Credit Suisse umfassend analysiert. Dabei werden nicht nur kantonale Tendenzen, sondern auch regionalspezifische Rahmenbedingungen sowie die sich daraus ergebenden Strukturen und Entwicklungsmuster unter die Lupe genommen.

Unterdurchschnittliche Erreichbarkeit dämpft Standortqualität

Die Auswirkungen der regionalen Besonderheiten Graubündens treten in allen Bereichen der regionalen Entwicklung zu Tage. So ist es nicht überraschend, dass Graubünden insgesamt eine unterdurchschnittliche Standortqualität im Vergleich zum Schweizer Mittel aufweist. Lediglich die Kantone Neuenburg, Uri und Jura erhalten eine tiefere Bewertung. Neben einer unterdurchschnittlichen verkehrstechnischen Erreichbarkeit drücken sich die Standortnachteile mancher Bündner Regionen auch in einem vergleichsweise niedrigen Bildungsniveau und in einer geringen Verfügbarkeit von Hochqualifizierten aus. Bei der Steuerbelastung zeigt sich, dass der Kanton zwar für natürliche Personen attraktiv, die Unternehmensbesteuerung jedoch noch verbesserungswürdig ist. Dies wurde mittlerweile erkannt und in Angriff genommen.

Verschiedene regionale Charaktere, unterschiedliche Chancen

Die für Graubünden charakteristischen Unterschiede zwischen Berg und Tal manifestieren sich in allen Aspekten der regionalen Entwicklung. Das Bündner Rheintal hebt sich dabei von den meisten anderen Regionen ab. Aufgrund seiner Erreichbarkeit und einer besseren Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften erzielt die Region eine positivere Standortbewertung. Sie verzeichnet aber auch einen überdurchschnittlichen Bevölkerungszuwachs, indem sie unter anderem als Auffangregion für die Abwanderung aus den Berggebieten fungiert. Das Rheintal weist in seiner Rolle als Wirtschaftszentrum des Kantons eine ausgewogenere Branchenstruktur und entsprechend eine höhere Wertschöpfung pro Beschäftigten auf.

Stagnation der Bevölkerung mit zunehmenden Impulsen aus dem Ausland

Während die Schweiz deutlich an Bevölkerung zunimmt, lässt sich für den Kanton Graubünden eher eine Stagnation feststellen. Eine Ursache hierfür ist im rapiden Geburtenrückgang der neunziger Jahre zu suchen. Einzig Schaffhausen weist eine niedrigere Geburtenrate auf. Zudem kommt es zur Abwanderung in andere Kantone, insbesondere in der Altersgruppe jüngerer Berufstätiger, was sich schmälernd auf Einkommensniveau und -wachstum im Kanton Graubünden auswirkt. Die Abwanderung in andere Kantone wird in den letzten Jahren allerdings durch Nettozuwanderung aus dem Ausland kompensiert, wodurch Graubünden seit 2002 einen positiven Migrationssaldo aufweist. Der kantonale Arbeitsmarkt zeigt hier seine Anziehungskraft auf ausländische Arbeitskräfte, insbesondere in der Tourismus- und Bauwirtschaft, welche als beschäftigungsstärkste Branchen des Kantons eine grosse Bedeutung für die Wirtschaft haben.

Topographische Unterschiede prägen regionale Verteilung der Wirtschaftsschwerpunkte

Die von Tourismus und Baugewerbe dominierte Wirtschaftsstruktur Graubündens wird durch regionale Schwerpunkte in der Spitzenindustrie und in der Energiewirtschaft ergänzt. Topographische Gegebenheiten begründen hier Unterschiede in den regionalen Branchenbildern und entsprechend auch im Wertschöpfungsniveau. So finden sich Tourismus und Energiewirtschaft vor allem in den Berggebieten. Einen ausgeprägten Schwerpunkt im Tourismus weisen die Regionen Davos, Ober- und Unterengadin sowie Schanfigg auf. Die Regionen Surselva und Domleschg/Hinterrhein verbindet die relative Bedeutung des Energiesektors. Dagegen konzentriert sich die Industrie im Rheintal und im Prättigau, wo Anzeichen eines gelungenen Strukturwandels zu erkennen sind. Beschäftigungsverluste der traditionellen Industrie konnten in diesen Regionen zumindest teilweise durch Zuwachs in der Spitzenindustrie kompensiert werden.

Ansonsten hatte der Kanton Graubünden in den letzten zehn Jahren mit grossen Beschäftigungsverlusten zu kämpfen. Die Konzentration der kantonalen Wirtschaft in risikoanfälligen und wenig wertschöpfungsstarken Branchen wie Tourismus und Baugewerbe sowie die niedrige Standortqualität spielen hierbei eine Rolle.

Tourismus und Immobilienmarkt: zunehmende Interdependenz

Für Graubünden ist der Tourismus ebenso wichtig wie Graubünden für den Schweizer Tourismus. Hier werden die meisten Übernachtungen im Kantonsvergleich gezählt. Der Bündner Tourismus präsentiert sich mit einem breiten Angebot hinsichtlich Infrastruktur und attraktiven landschaftlichen und klimatischen Rahmenbedingungen. Entsprechend zählen viele Bündner Destinationen, insbesondere aus dem Engadin, zu den international bekannten Top-Destinationen der Schweiz, mit hohen Umsätzen und einer im Vergleich zu anderen Tourismusregionen höheren Wertschöpfung. Es gibt aber auch Destinationen, die wenig fokussiert auftreten oder solche mit beschränktem Potential, was sich bei der Entwicklung der Logiernächte und der Auslastung bemerkbar macht. Insgesamt positioniert sich der Tourismus in Graubünden im schweizerischen Vergleich recht positiv.

Tourismus und Immobilienmarkt stehen im Kanton Graubünden in einem immer enger werdenden Zusammenhang. Die ausgeprägte Nachfrage nach Ferienwohnungen in den touristischen Destinationen hat mittlerweile an den Top-Standorten die Immobilienpreise auf Niveaus getrieben, welche diejenigen in Genf oder Zürich übersteigen. Vor dem Hintergrund des Auseinanderklaffens von Bevölkerungszuwachs und Wachstum des Wohnungsbestandes prägen Zweit- und Ferienwohnungen vermehrt das Bild in den Tourismusorten. Sogenannte warme Betten gewährleisten eine ausgewogenere, weil breiter abgestützte und hinsichtlich Flächenverbrauch und Beeinträchtigung des Landschafts- und Ortsbildes nachhaltigere Entwicklung eines Tourismusortes. Die Praxis zeigt jedoch, wie schwierig es ist, der Zweitwohnungsflut Einhalt zu bieten. In den meisten Bündner Destinationen übertreffen Anteil und Wachstum der Zweitwohnungen den Durchschnitt der Schweizer Ferienorte. Über eine verstärkte Vermietung könnte man bereits viele negative Effekte auffangen. Ohne deutliche und wirksame Massnahmen, wie eine Beschränkung neuer Baubewilligungen, wird sich jedoch die schleichende Erosion des ursprünglichen Charakters der Feriendestinationen und damit eines Teils der wirtschaftlichen Grundlage Graubündens nicht aufhalten lassen.

Anfragen:

  • Martin Neff, Credit Suisse Economic Research, Tel. +41 44 333 24 84, martin.neff@credit-suisse.com
  • Merja Hoppe, Credit Suisse Economic Research, Tel. +41 44 333 77 36, merja.hoppe@credit-suisse.com
  • Sara Carnazzi Weber, Credit Suisse Economic Research, Tel. +41 44 333 58 82, sara.carnazzi@credit-suisse.com
  • Media Relations Credit Suisse, Tel. +41 844 33 88 44, media.relations@credit-suisse.com
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